Lars Haider "Am Ende der Straße die Schlei"
Ein Wohlfühlen-Heimatroman wie ein kleiner Extra-Urlaub

Schon allein das Buch-Cover verspricht Idylle pur: Ein heimeliges rotes Reetdachhaus steht zwischen lieblicher Landschaft aus blau-weißem Himmel, gelben Rapsfeld und Blick auf leicht kräuselnder Wasserfläche. Eine Gegend der Entspannung, Ruhe und Entschleunigung. Solche Sehnsuchtsorte suchen Menschen, die im hektischen (Arbeits-)Alltag in der Stadt kaum einmal zur Ruhe kommen.

Für die einen ist es die „Heidi-Idylle“ mit Geranien-Balkonen in den Bergen, für die anderen die Weite und Sorglosigkeit am Meer. Ob man dort nun tatsächlich in Realität hinreist oder nur als Leser*in in Gedanken herumschweift, hängt ja meist vom Geldbeutel ab oder an der Zeit, die man investieren kann.

Hier also die monetär günstigere Variante in Form des neuen Romans von Lars Haider, der eigentlich Chefredakteur beim Hamburger Abendblatt ist und seine Leser*innen auf eine Suche nach Heimat und Kindheit schickt und dabei eine Liebeserklärung an die zauberhafte Umgebung der Schlei unweit der Ostsee verfasst.

Lars Haider, Foto: privatLars Haider, Foto: privat

In seiner 288-Seiten-Geschichte geht es um Konstantin Wagner, einen typischen Hamburger Großstadt-Nerd, der als Texter in einer angesagten Agentur gerade an Wahlkampf-Parolen für die große Koalition tüftelt und kurz vor seinem 40. Geburtstag steht. Darauf hat er eigentlich überhaupt keine Lust, obwohl seine Freundin eine große Party plant. Da passt es ganz gut, dass seine Eltern ihn an die schleswig-holsteinische Küste schicken, um das alte Ferienhaus an der Schlei zu verkaufen. Auch seine Freundin blickt mit Vorfreude auf den Hausverkauf, verspricht sie sich doch nicht nur genügend Geld für den Kauf einer Eigentumswohnung im schicken Eimsbüttel, sondern neben der grandios geplanten Geburtstags-Sause auch vielleicht nun den lang ersehnten Heiratsantrag von Konstantin.

Aber dann kommt alles ganz anders. Aus dem verlängerten Wochenende wird schnell eine Woche. Und Konstantin wird in die eigene Kindheit versetzt, wo er oft wochenlang herrliche Urlaube mit den Eltern und Großeltern im Haus an der Schlei verbracht hat. Er macht ausgiebige Touren per Fahrrad, Boot und zu Fuß entlang der Schlei, eine lange Meeresbucht von Schleswig bis Schleimünde, die von vielen auch als einziger Fjord Deutschlands bezeichnet wird. Umgeben von idyllischem Hügelland voller gelber Rapsfelder kommt immer wieder das Wasser der Ostsee oder des Meeresarmes in den Blick.

Und natürlich taucht auch seine erste Jugendliebe wieder auf, die ebenfalls an dem Kauf des Hauses interessiert ist. Dazu kommen knorrige Bewohner der Gegend, wie der Kapitän der „Stadt Kappeln“, der mit seinem Ausflugsdampfer seit Jahrzehnten die Touristen die Schlei rauf und runter schippert oder die alte Dame Doro, die in der Altstadt von Kappeln in ihrem duftenden Hippieladen ihre Besucher mit Buddha-Figuren, Räucherstäbchen, Tee und Massagen betört. Überhaupt die wunderbaren kleinen Orte an der Schlei, die scheinbar in der Zeitschleife hängen geblieben sind, wecken Sehnsüchte und schmecken nach alter Heimat, selbst gebackenem Kuchen und ländlicher Küche. Wie zum Beispiel Deutschlands kleinste Stadt, Arnis, wo bei der letzten Wahl nur einer die AFD gewählt hat.

Wer wie ich selbst dort schon ein paar mal Urlaub gemacht hat, erkennt fast alles im Roman wieder. Da sind die Heringe, die als kleine Skulpturen im Straßenpflaster überall in der Altstadt von Kappeln zu finden sind, genauso wie die Fischbrötchen, die man am Hafen oder bei der Aal-Räucherei, deren drei Buchstaben weithin sichtbar an den Räucherei-Schornsteinen prangen, kaufen kann. Natürlich tauchen auch die bekannten Standorte der beliebten Landarzt-Praxis-Filmchen auf. Oder das wunderbar idyllisch gelegene Reetdachhaus, welches nur per Boot zu erreichen ist, in dem einst Helga Feddersen wohnte und jetzt im Roman vom bekannten Komiker Theo Taurus als Rückzugsort genutzt wird.

Und dann tauchen verschollene Kindheitserinnerungen auf, wie die Büchersammlung seines Vaters auf dem Dachboden oder der Geschmack von Mohn-Vanillepudding-Schnitten aus der Bäckerei Hansen. Konstantin verliert sich immer mehr in seinen Erinnerungen und in der Sehnsucht nach Einfachheit, Gelassenheit und Ruhe, die er in seiner Großstadt-Heimat lange schon vermisst hat. Das wirft natürlich Lebensfragen auf: Wo und wie will man wirklich leben? Wie wichtig sind Arbeit und Geld? Und was ist überhaupt Glück?

Das klingt erstmal nach verfrühter Midlife-Crises und „Früher war alles besser-Stimmung“. Trotzdem ist der Roman vorn vorne bis hinten ein Wohlfühl-Leseerlebnis, auch wenn das Ende der Geschichte früh absehbar wird. Dafür sind die Landschaftsbeschreibungen - manchmal hart an der Kitschgrenze - zu schön und lieblich und versprühen eine Bodenständigkeit und Heimatverbundenheit, die zum Träumen verleitet.

Wer einmal die Krisen und Kriege und schlechten Nachrichten der Realität ausblenden möchte und auf eine kleine Reise per Gedanken gehen möchte, dem kann ich die zauberhafte Geschichte über die See, die Liebe zum Land und das, was wirklich wichtig ist, wärmsten ans Herz legen.

Lars Haider: Am Ende der Straße die Schlei, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg, 6. Februar 2026, 288 Seiten.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR, Buchstabe und Bücherliebe erhältlich.


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