Was wird aus der Geschichtswerkstatt Herrenwyk?

Manfred EickhölterVon

Mitte dieses Jahres beendet Dr. Wolfgang Muth seine Tätigkeit als Leiter des Industriemuseums in Kücknitz. Er ist ein ausgebildeter Wissenschaftler und wird auch als solcher bezahlt. Dr. Muth arbeitet allein, ohne Team. Ein rühriger Verein stützt ihn ehrenamtlich nach Kräften. Zukunftsvisionen lassen für die Zeit nach der Verabschiedung von Dr. Muth im August keine Hoffnung auf Besserung erkennen.

Seit Jahren wird im Rathaus über eine notwendige Schließung geredet. Vor diesem Hintergrund ist die demütig-leise Lobby im Stadtteil bereit, die Wissenschaftlerstelle aufzugeben zugunsten eines niedriger qualifizierten Museumsdidaktikers. Das wird preiswerter und die Schließung wäre vertagt. Kulturpolitiker mit Weitblick können mit dieser Zukunftsaussicht nicht zufrieden sein. – Richtig wäre, die Potentiale der Lübecker Industriekultur als Technik- und als Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts zu sichten und dann zu investieren.

Bei den Planungen für ein stadtgeschichtliches Museum im Burgkloster zwischen 1980 und 1985 war vorgesehen, die Geschichtswerkstatt zu verbinden mit Exponaten im Kloster (für schweres Gerät wurden eigens bauliche Vorkehrungen getroffen) und auf der nördlichen Wallhalbinsel. Und das mit guten Gründen. Lübeck ist eine Industriestadt. Der größte Betrieb dieses Wirtschaftstyps in Schleswig-Holstein ist die Dräger AG mit 5.000 Mitarbeitern. Auch die Possehlstiftung, deren Gewinne die Hansestadt Jahr für Jahr gerne mitnimmt, verdient ihr Geld nicht im Handel, sondern ist im Kern ein Industrieunternehmen des 20. Jahrhunderts.

Die Hansestadt hat ihre eigenen Museumsplanungen, mit denen Dr. Muth 1985 angelockt wurde, schon lange aufgegeben und den guten Mann drei Jahrzehnte lang am ausgestreckten Arm in Herrenwyk zappeln lassen. Zuletzt interpretierte der Museumsleiter seine Rolle als die des letzten Arbeiters vom Hochofenwerk und gab den leutseligen Kumpel. Soweit ist es mit Lübecks Stolz auf seine wirtschaftlichen und sozialen Leistungen und Erfolge im 20. Jahrhundert gekommen.

Wer das Identitäts- und das Tourismuspotential 1:1 addiert, das bei einer Flussfahrt von der Wallhalbinsel bis zum Skandinavienkai in kundiger Begleitung von Wolfgang Muth ins Auge springt, wird aufwachen, sich einen kräftigen Schubs geben und in die Hände spucken. Was Lübecks Industriekultur jetzt braucht, ist ein versierter, hochqualifizierter Projektentwickler, der im Rathaus auf Händen getragen und nicht als ungesunde Stelle am Körper des Finanzhaushaltes betrachtet wird.

Foto: Wikimedia/Thiemo Schuff

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