Foto: Ekkehard Retelsdorf

Wehdehof
Parkhausneubau wird zur akuten Bedrohung für das Literaturmuseum

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Das Heinrich-und-Thomas-Mann-Zentrum in der oberen Mengstraße ist Deutschlands einzige Adresse für literaturinteressierte Museumsbesucher in Bezug auf die Dichterbrüder und die Familie Mann.

Der anhaltende Besuchererfolg der 2002 vom Europarat ausgezeichneten Institution hat viele Gründe, einer davon ist: Städtereisen auf den Spuren von Autoren werden allerorten angeboten, aber kaum irgendwo anders ist die stadträumliche Bindung von historischer Substanz und Weltliteratur so eng wie im Falle von Buddenbrooks und Lübeck sowie Professor Unrat und Lübeck.

Was für Literaturliebhaber auf den ersten Blick wie ein Selbstgänger ausschaut, erweist sich für Museologen bei genauem Hinsehen als Herausforderung für eine stadtethnologische Literaturvermittlung. Das Hauptexponat, die Fassade des Buddenbrookhauses, steht vor einem Gebäude, das Stadtbaudirektor Hans Hübler zwischen 1953 und 1957 ohne Weitblick für die kommende Thomas-Mann-Vermittlung verplante. Er bot der überraschten Volksbank das Haus zur Geschäftsnutzung an. Die Binnengliederung des Skelettbetonbaus erinnert naturgemäß weder an die Manns noch an die Buddenbrooks. Der Förderverein Buddenbrookhaus wurde 1989 von Mitgliedern der Deutschen Thomas Mann-Gesellschaft gegründet. Aufgrund seiner Initiative kaufte die Hansestadt 1992 das Haus Mengstraße 4 von der Volksbank zurück.

Seit in der Mengstraße 4 mit jahrzehntelanger Verspätung 1993 endlich die angemessene Nutzung etabliert werden konnte, macht sich das Museum Sorge um seine Lage im desolat verbauten Wehdehof-Quartier, Lübecks erster Adresse eines Beispiels für eine kulturfremde Stadtnutzung als Verkehrszentrum. Museumsbesucher werden teilweise durch Fensterverkleidungen gehindert, in den Wehdehof zu blicken. Mit dem im nichtöffentlichen Teil der Bürgerschaftssitzung im Mai abgesegneten Beschluss für den Bau eines neuen Parkhauses droht nun ein signifikanter Rückschlag für die Museumsarbeit.

Hatte Kulturhistoriker Björn Kommer vor einigen Jahren noch vorgeschlagen, das Anwesen der Manns im Wehdehof zu rekonstruieren, wird jetzt eine Verkehrseinrichtung gebaut, deren "begrünte" Wände bis auf wenige Meter an die Rückseite des Vorderhauses der alten Liegenschaft heranrücken. Vom Museum wird ferner verlangt, eine Tordurchfahrt bereitzuhalten, die im Ampelverkehr Zu- und Abfahrten von Parkhausnutzern ermöglicht. Was da ab 2016 auf die Besucher und die "Anlieger" des Museums zukommt, ist der Anspruch der Hansestadt Lübeck, einen autogerechten Musentempel zu akzeptieren.

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Foto: Ekkehard Retelsdorf


Während Lobbyisten der autogerechten "City" über den Bürgerschaftsbeschluss im Mai dieses Jahres frohlocken, hüllen sich die politisch und administrativ Verantwortlichen in beredtes Schweigen: Augen zu und durch. 2011 lag nach langer, intensiver Diskussion ein baureifer Vorschlag vor, das baufällige Parkhaus mit knapp 600 Plätzen durch einen glasgefassten Neubau für 430 Stellplätze zu ersetzen. Der Gestaltungsbeirat hatte diesem Entwurf nach dreimaliger Korrektur hocherfreut zugestimmt.

Danach begannen Verhandlungen der Bauverwaltung mit dem Eigentümer und Investor. Man einigte sich darauf, verbliebene Anwohnerparkrechte im Wehdehof in den geplanten Neubau zu integrieren - etwa 120 bis 150. Dafür wurde seitens der Bauverwaltung zugestimmt, dass das Parkhausgeschäft noch größer werden darf, als es in den besten Zeiten des bestehenden Hauses war, nämlich 650 Plätze statt 590. Jetzt kommt ein Bau mit 800 Plätzen. Das sind im Ganzen (650 plus 150) fast doppelt so viele, wie der Gestaltungsrat vorschlug. Das Gebäude selbst wächst in mehreren Richtungen über den Vorschlag von 2011 hinaus.

Nicht geschafft hat es die Bauverwaltung, etwas zu tun für das stadteigene Literaturmuseum. Etwa 20 Anwohnerparkflächen hinter dem Buddenbrookhaus müssen weiterhin durch das vom Bund für die Stadt erworbenen Haus Mengstraße 6 bedient werden, und die Feuerwehr verlangt eine Zufahrt in den Wehdehof. Das bedeutet: An dieser sensiblen Stelle im Quartier, wo Kultur und Verkehr zusammentreffen, wird der Verkehrswirtschaft, die bereits den gesamten Innenhof dominiert, der Vorzug gegeben.

Für den Förderverein Buddenbrookhaus ist mit der Bürgerschaftsentscheidung vom Mai 2015 das Projekt eines Museumsneubaus, der ab 2017 geplant ist, grundsätzlich in Frage gestellt: "Warum sollen die an der Neukonzipierung des Museums beteiligten literarischen Gesellschaften, die im Buddenbrookhaus ihren Sitz haben, in einen Standort kulturelles Kapital investieren, an dessen gedeihlicher Entwicklung die Hansestadt selbst kein Interesse hat", gibt der Vorsitzende des Vereins, Dr. Manfred Eickhölter, zu bedenken. Er kann sich auch nicht vorstellen, dass Sponsoren rund 15 Millionen Euro hergeben, um ein neues Buddenbrookhaus als literarisches "Drive-in" zu realisieren.

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