Interview mit einem Arbeitnehmer

Britta KothVon

Herr B. ist einer der Mitbegründer der Selbsthilfe-Gruppe Anonyme Arbeitnehmer. Die Initiative gibt es inzwischen in Köln, Berlin und Lübeck. Anlässlich des 3-jährigen Bestehens sprachen wir mit dem 45-Jährigen über seine Tätigkeit als Gruppenleiter und sein persönliches Schicksal als jemand, der selber seit geraumer Zeit mit regelmäßiger Arbeit lebt.

Unser Lübeck: „Herr B., Sie gehören zu den Menschen im Land, die Arbeitnehmer sind.“

Herr B.: „So ist es.“

Unser Lübeck: „Hat sie das unvorbereitet getroffen?“

Herr B.: „Nein. Es gab Anzeichen dafür – denen habe ich aber keine rechte Bedeutung beigemessen. Genau das ist – so können wir heute wissen – das Problem.“


Unser Lübeck
: „Wie ist es passiert?“ 

Herr B.: „Es fing damit an, dass ich eine Aushilfsstelle annahm in dem Betrieb, in dem auch mein Schwager arbeitet…“

Unser Lübeck: „Der ist also schon lange in die Arbeitnehmerschaft gerutscht?“

Herr B.: „Ja, der ist Langzeit-Arbeitnehmer.“

Unser Lübeck: Ist uns ein Begriff, ja,…Aber so weit war es mit Ihnen ja noch nicht…“

Herr B.: „Nein: Also ich wollte ihm nur einen gewöhnlichen Gefallen tun. Und dann habe ich angefangen mal hier und mal da ein wenig im Betrieb einzuspringen.“

Unser Lübeck: „Das klingt ja erst mal harmlos. Wie ging es weiter?“

Herr B.: „Ich wurde immer öfter angerufen und es wurde dann auch schon mal ein Dienstplan aufgestellt…

Unser Lübeck: „Oha“

Herr B.: „Ich weiß, später ist man immer schlauer, aber ich habe das gar nicht richtig gemerkt, es war alles so nett, man war herzlich, ich hatte plötzlich „Kollegen“, bin früh aufgestanden und – ja, irgendwann muss man dann auch abends früher ins Bett, weil man ja morgens…

Unser Lübeck: „Ein Teufelskreis. Das, was Psychologen „Struktur“ nennen. Hatten Sie das denn auch, eine feste Struktur, irgendwann?“

Herr B. (sehr berührt): „Darüber zu sprechen fällt mir schwer. Ich bin zur Zeit ja immer noch in Therapie, nur deswegen kann ich auch das Interview hier führen, aber, ja, so viel kann ich sagen: Ich hatte eine feste Struktur und es war schon so weit, dass ich nur unter Schwierigkeiten davon abweichen konnte. Ich hatte feste Urlaubszeiten und irgendwann hatte ich dann einen unbefristeten Arbeitsvertrag.“

Unser Lübeck: „Herr B. wenn Sie das zu sehr mitnimmt, können wir auch abbrechen…“

Herr B.: „Nein, ich habe gelernt, dazu zu stehen. In der Zeit, als mir meine Freiheit abhanden kam, als ich ganz langsam anfing, die Kontrolle über mein Leben zu verlieren, in dem ich angefangen habe zu arbeiten, wäre ich dankbar gewesen, wenn mir da schon jemand gesagt hätte: Vor-sicht!“

Unser Lübeck: „Herr B. – Sie haben – zusammen mit drei weiteren Betroffenen die Selbsthilfegruppe der „Anonymen Arbeitnehmer“ gegründet – wenn ich Sie richtig verstehe, arbeiten Sie immer noch.“

Herr B.: „Das ist für Arbeitnehmer nicht anders als bei anderen Kranken auch: Man kann nicht von einem auf den anderen Tag aussteigen. Ihr Leben verändert sich mit der Arbeit so umfassend, dass eine plötzliche Änderung nicht mehr möglich ist.“

Unser Lübeck: „Wie sollen wir das verstehen?“

Herr B.: „Wir arbeiten in unserer Gruppe auch eng mit Psychologen zusammen und die nennen dieses Phänomen den „ArbeitsPensumAusgleichsKonsum kurz: APAK“. Wer an APAK leidet, der muss, je mehr er arbeitet, auch umso mehr konsumieren. Und je mehr er konsumiert, desto mehr muss er arbeiten. Daraus ergibt sich nicht nur ein psychologischer sondern auch ein wirtschaftlicher Teufelskreis, der nur mit z.T. jahrelanger therapeutischer Begleitung aufgebrochen werden kann.“

Unser Lübeck: „Aha“

Herr B.: „Zusätzlich passiert etwas im Gehirn der Betroffenen – etwas, das man im CT sichtbar machen kann und in der neurologischen Fachliteratur WSD genannt wird, die sogenannte Working Structure Disease. Das bedeutet, dass, wenn Sie Arbeitnehmer sind, sich ihr Gehirn auf eine Weise verändert, so dass sie aus diesen Strukturen gar nicht mehr ausbrechen wollen. Dagegen gibt es aber Medikamente – auch darüber informieren wir in unseren Gruppen.“

Unser Lübeck: „Information ist alles. Herr B. – können Sie mit Ihrem Erfahrungshorizont und als Betroffener sagen, wie hoch die Heilungs-Quote ist?“

Herr B.: „Die Heilungs-Quote ist extrem niedrig: Wir liegen jetzt bei ca. 20 %. Das heißt im Klartext: 80 % werden rückfällig. Sie wissen ja selber, wie hoch die Arbeitnehmer-Quote in unserem Land immer noch ist. Wir wissen aber auch: Wer es wirklich schaffen will, der schafft es. Ich kann nur jedem raten, so früh wie möglich zu kommen. Wir bieten einen Früherkennungs-Dienst an – den kann man bei den Krankenkassen beantragen. Alle Kassen haben ja Interesse daran, die Folgekosten von Arbeit so gering wie möglich zu halten.“

Unser Lübeck: „Logisch. Herr B. – wir danken Ihnen für das Gespräch.“


Die Initiative „Anonyme Arbeitnehmer“ finden Sie auch im Internet unter www.es-geht-auch-anders.de

Das Interview führte Britta Koth von Unser Lübeck. Alle Namen sind im Interesse der Betroffenen geändert.

Britta Koth
Britta Koth
alias Serra Sand, geburtenstarker Jahrgang, Schwäche für Literatur, Studium der Germanistik und Philosophie in Heidelberg, Studium der Germanistik und Sozialwissenschaften in Göttingen (Magistra), Studium der Psycho-Gerontologie in Erlangen-Nürnberg (Diplom), Training Werbe-Texterin (Berlin), Texterin in div. Werbeagenturen in Berlin, Hamburg und Lübeck, Freie Autorin und Lyrikerin mit Wohnsitz in Mecklenburg am Schaalsee.
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