Foto: Tabita Berglund, (c) Nikolaj Lund

Die Elbphilharmoniker unter Tabita Berglund und Alexander Melnikov in der Lübecker MuK
Fünftes Konzert des NDR mit skandinavischen und russischen Akzenten

Schöner kann ein Konzert nicht beginnen: Tabita Berglund, die norwegische Gastdirigentin, stimmte sich und das Publikum mit einem heimatlichen Willkommenslied ein. Der Grund war, dass sie selbst am Folgetag, am 28. März, vor 37 Jahren in Trondheim geboren wurde.

Wunderbar passte da die stimmungsvolle Melodie des Liedes „Velkomne med æra (Seid nun herzlich willkommen)“. Mit ihr beginnt das Opus 151 ihres Landsmanns Geirr Tveitt (1908-1981), eine 1954 entstandene Sammlung von „Hundrad hardingtonar (Hundert Volksmelodien aus Hardanger)“. Der Komponist und Sammler hatte sie für Orchester gesetzt und später dann zu Suiten zusammengestellt.

Dort, in der touristisch attraktiven Region Hardanger, hatte der Komponist lange Jahre gelebt. Tragischerweise waren allerdings von seinen Manuskripten nur wenige erhalten geblieben, weil 1970 ein Feuer in Tveitts Wohnhaus die meisten vernichtete. Man kann nach dem Klangeindruck in der MuK ahnen, was da unwiederbringlich verloren ist, wenn schon der Anfangssatz der ersten Suite reichte, ein Publikum zu begeistern. Die feinsinnig instrumentierte Melodie, zunächst von Fagott und Harfen vorgetragen, wird dann behutsam durch andere Holzbläser gesteigert und von der Pikkoloflöte in große Höhen gerückt, bevor sie zum Anfangsklang zurückkehrt. Schon hier war Tabita Berglunds Geschick zu erkennen, die Musiker des Elbphilharmonie Orchesters anzuregen. Man hätte nach nur vier Minuten Spieldauer gerne bei ein paar weiteren Liedern gehört, wie der wohl vielen unbekannte Komponist bei anderen Melodien Stimmungsvarianten gestaltet.

Schon im Februar hatte der NDR ein Werk von Peter Iljitsch Tschaikowsky (1840-1893) im Programm, seine selten gespielte »Manfred«-Sinfonie in vier Bildern, 1885 entstanden. Jetzt, Ende März, erklang Tschaikowskys b-Moll Klavier-Konzert, sein wohl bekanntestes Werk. Zehn Jahre früher, im Alter von 34 Jahren hatte er das sinfonisch wie konzertant mitreißende Werk komponiert, in dem die junge Gastdirigentin besonders gefordert war. Als Solist eingeladen war nämlich Alexander Melnikov, der zu einem der ganz Großen in seinem Fach zählt. Beide, der Virtuose und die Dirigentin, mussten sich merklich aneinander gewöhnen. Während sie mit Temperament und innerlich begeistert ihre Aufgabe zu bewältigen trachtete, ging der Pianist mit einem starken Gestaltungswillen im Dynamischen und Agogischen an seine Aufgabe. So differenziert zu gestalten, erlaubte seine außergewöhnliche Virtuosität, der allerdings eine gewisse Distanziertheit zu Grunde lag. Schon vor Beginn hatte er angekündigt, dass er für sein Rezital Tschaikowskys erste Version gewählt hatte. Heute wird in Konzerten zumeist eine spätere bevorzugt, die vor allem den dritten Satz etwas verkürzt.

Foto: Alexander Melnikov, (c) Julien MignotFoto: Alexander Melnikov, (c) Julien Mignot

Der Solist wie die Dirigentin zusammen mit dem an allen Pulten sehr subtil reagierenden Orchester fanden in den zwei Folgesätzen aber immer besser zu der gleichen Auffassung und einem hinreißenden Miteinander in der Interpretation, für die das Publikum mit langem Beifall dankte.

Erinnert sei noch einmal an das vorherige Konzert, das als Solisten den Cellisten Truls Mørk verzeichnet. Er hatte Tabita Berglund zur Orchestermusikerin ausgebildet, bevor sie sich zur Dirigentenlaufbahn entschied. Sie kannte daher auch das sinfonische Spiel aus Sicht des Orchesters. Das half ihr außerordentlich bei dem letzten Programmpunkt, bei Jean Sibelius‘ zweiter Sinfonie in D-Dur. Lange Zeit hatte es der Finne schwer, sich in Deutschland durchzusetzen. Der melancholische Grundton dieser Sinfonie aber zieht von Anfang an in den Bann, vor allem, wenn die Partitur so differenziert wie von Tabita Berglund und den Elbphilharmonikern umgesetzt wird. Ihre Dirigierbewegung zeichnet wachsam die melodische Spannung nach, die Sibelius in manchen monochromen Phrasen der Blech- oder Holzbläser, auch der Streicher entwickelt haben wollte, auch den gespannten rhythmischen Puls der mitunter eher monotonen Entwicklung. Was sich da in herben Farben oder außerordentlichen Gestaltungen entwickelt, die man unbewusst als naturverbunden deutet, besitzt eine respektable Eindringlichkeit.

Grandios wirkte vor allem, was Sibelius der Pauke abfordert. Ein besonderes Beispiel dafür ist ihr Einsatz bei der langen Pizzicato-Passage zu Beginn des zweiten Satzes oder bei dem finalen Crescendo. Überhaupt hat Sibelius die Pauke in diesem Stück ausgesprochen häufig wie bedeutungsvoll für die Aussage eingesetzt. Man kennt sie als ein allenfalls das Metrum oder den Takt stützendes Instrument, auch als flächenhaftes Ostinato-Instrument, selten dagegen in inhaltlich beeinflussender Rolle. Die Elbphilharmoniker haben zudem das Glück, einen Musiker in ihren Reihen zu besitzen, der durch sein Spiel diesem Instrument eine imponierende Präsenz gibt. Es ist Stephan Cürlis, der sein Instrument in aller Regel auswendig spielt, auch in diesem Werk mit seinen vielfältigen Einsätzen. Großen Sonderapplaus gab es wieder für ihn, von der Dirigentin wie auch vom Publikum. War er deshalb für alle sichtbar diesmal ganz rechts postiert?


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