Das Programm zum zweiten der Sinfoniekonzerte stand länger nicht fest. Schließlich wurde daraus ein Abend allein für die Streicher der Philharmoniker, übergeht man die zwei Oboen und Hörner, die in Wolfgang Amadeus Mozarts B-Dur-Violinkonzert KV 207 mitwirkten. Es war Mozarts erste Konzertkomposition von fünf insgesamt für dieses Instrument, allesamt Werke des nicht einmal Zwanzigjährigen. Dass es auch im Programm das erste war, ist wohl eher ein hübscher Zufall.
Mozarts Vater hatte den Sohn immer schon für einen guten Violinisten gehalten. Sicher ist die biografisch spätere Briefstelle für ihn, den weithin respektierten Geigenpädagogen, auch ein paar Jahre früher schon gültig: „Du weißt selbst nicht, wie gut du Violin [sic] spielst …“ (Brief vom 18.10.1777). So sind die Konzerte, die er in Salzburg relativ kurz hintereinander komponiert hatte, nicht nur für Veranstaltungen am erzbischöflichen Hofe, auch für eigene Auftritte vorgesehen gewesen. Zugleich sind sie Juwelen für die Nachwelt, für große Virtuosen bis heute, auch wenn das erste noch älteren, vor allem italienischen Vorbildern verpflichtet ist. Besonders im ersten, sehr klar strukturierten Satz wurde das deutlich hörbar, was der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch tat. Leicht und federnd, von weit strömendem, melodischem Atem war der zweite Satz belebt, während der virtuose Presto-Gestus des dritten Satzes zum Schluss das Publikum hinriss. Eine Konzession an heutige Hörweisen waren die vielen Freiheiten bei den Kadenzen, sowohl in der Dynamik, vor allem aber in der Agogik. Aber diese Musik ist einfach schön, vor allem wenn sie so gespielt wird, wie Lübecks Konzertmeister Carlos Johnson sie gestaltete, mit schnörkellosem und mit klarem Ton.
Er hatte bei diesem 2. Saisonkonzert eine Doppelrolle übernommen, die des Solisten neben der des dirigierenden Konzertmeisters, womit er Mozarts Amtsstellung in Salzburg imitierte. Auch wenn hier der Raum fehlt, Carlos Johnsons internationale Reputation in ihrer Vielseitigkeit aufzulisten, sei vermerkt, dass er seit 2000, knapp ein Viertel-Jahrhundert also, Erster Konzertmeister der Philharmoniker ist. So ergab sich die Besonderheit, dass am Montagabend Stefan Vladar, der GMD, sich unter das Publikum mischen konnte, während der Mann am Ersten Pult das Programm leitete. Dass er seit 2008 als Lehrbeauftragter an der Musikhochschule Lübeck tätig ist, sei kurz vermerkt.
Die beiden folgenden Werke, beides ursprünglich Streichquartette des 20. Jahrhunderts, die zu Werken für Streichorchester umgearbeitet wurden, hatten eine sehr unterschiedliche Wirkung und waren zu Recht durch die Pause getrennt. Den ersten Konzertteil beschloss William Waltons (1902 – 1983) „Sonate für Streichorchester“. Er hatte sein viersätziges Quartett, das von 1939 bis 1947 in einer langen Schaffenszeit entstanden war, erst 1972 selbst zu einem Streichorchesterwerk umgearbeitet. Alles an ihm wirkte sehr gewichtig, selbst seine Form, die an ein sinfonisches Werk erinnerte. Der erste, auch mit polyphonen Partien gestaltete Satz schien sich anfangs aus dem ursprünglichen Quartettsatz herauszuschälen. Der zweite Satz bekam den Charakter eines Scherzos, dem nach dem breit sich entwickelnden dritten Satz noch ein kurzes, impulsives Finale angefügt war. Alles wirkte neoklassizistisch, eher ästhetisch kühl, weniger emotional.
So stand im zweiten Teil Waltons Komposition diametral dem achten Streichquartett von Dmitri Schostakowitsch (1906 – 1975) entgegen, das er 1960 während eines Deutschland-Aufenthaltes komponierte. Mit seinem Einverständnis bearbeitete es sieben Jahre später der bekannte Dirigent und Bratscher Rudolf Barschai. Er genoss als Schostakowitschs ehemaliger Kompositionsschüler dessen großes Vertrauen und so erhielt diese Variante seines Streichquartettes die Opus-Nummer 110a. Es ist schon deshalb ein sehr persönliches Werk geworden, weil es als zentrales Motiv die Tonfolge d-es-c-h besitzt, das Schostakowitsch kennzeichnende, von ihm oft genutzte Namenssymbol. Düster entwickelt es sich anfangs aus der Tiefe und taucht im Klanggewebe der fünf Sätze deutlich hörbar immer wieder auf, bis es im letzten Satz diesem sehr persönlichen Werk seinen bewegenden und rundenden Abschluss gibt. Klangvoll und sehr konzentriert widmeten sich die Streicher dieser düsteren Kompositionen, die in ihren fünf ununterbrochen aufeinanderfolgenden Sätzen alle Musiker herausforderte. Häufig wurden bohrende, manchmal groteske Themen aus früheren Werken zitiert, die die persönliche Aussage unterstützten, Themen, die schon in früheren Konzerten vom gleichen Podium zu hören waren.
Die große Leistung von Carlos Johnson wurde zum Schluss durch langanhaltenden Beifall anerkannt. Er hatte vom Pult des Konzertmeisters nicht seine Solopassagen zu gestalten, musste auch die große Streichergruppe, immerhin über 30 Instrumentalisten, führen und formen.
Dass die Wiedergabe von Schostakowitschs Werk zugleich an den großen Erfolg von Mieczysław Weinbergs „Die Passagierin“ anschließt, sei zum Schluss angemerkt. Weinberg und Schostakowitsch arbeitete zusammen, waren eng befreundet. Deshalb ist es ein wirkungsvoller Ansatz, die beiden Kompositionen so eng von den gleichen Musikern aufeinander folgen zu lassen.
Noch etwas sei erwähnt. Das Orchester bedankte sich für den langen Beifall seinerseits mit einer Zugabe. Sie schloss nicht nur an ein Werk an, das von einer Zeitgenossin Mozarts komponiert war und damit musikalisch an den Anfang des Konzertes zurückführte. Es war ebenfalls eine Transkription, die der „Sicilienne“, einer Komposition für Geige und Klavier der seit früher Kindheit blinden (!) Wienerin Maria Theresia Paradis (1759 – 1824). Pianistin, Sängerin, Komponistin und Musikpädagogin war sie und u. a. mit Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart bekannt. An sie zu erinnern war deshalb eine letzte „gute“ Tat in diesem Konzert.