Foto: (c) Abbey Braden

Hamburg
SHELLAC im kmh / Kampnagel: Pro Live.

Rolf JägerVon

„Any questions?“, wendet sich der Bassmann ans Publikum, beantwortet Fragen, solange der Gitarrist nachstimmt; nach einem neuen Album etwa, oder ob Shellac auch Home-Sessions spielen. Unwahrscheinlich, dass die Frage ernst gemeint war, die Vorstellung von Shellac bei sowas wie den Hamburger Küchensessions bleibt jedenfalls reizvoll. 

Dreckige Kunstmusik

Zunächst auf der Bühne: Irnini Mons, zwei Männer und zwei Frauen aus  Lyon/Frankreich, Nachfolgeband der im europäischen Noise-Rock verorteten Decibelles, die sich 2021 getrennt haben, mit einem gewagten, souverän  realisierten Stilspagat „zwischen Kathedrale und Punk-Keller“ (bambole.ch) in klassischer Rockbesetzung. Explosive Noise-Strecken erbrechen sich aus mehrstimmigen Gesangssätzen, dematerialisieren in Zehntelsekunden zu verstörenden Ambient-Skizzen, zeitigen Songstrukturen, schnittigem Post-Punk und Psychedelia. Eine hochkonzentrierte Band mit spürbarer Spielfreude und einer formidablen Schlagzeugerin, präzise, einfallsreich, behende, mit kraftvollem Schlag. Der saubere Mittelscheitel wirkt leicht subversiv. Ihren Namen hat die Band von einer weiblichen babylonischen Naturgottheit, nach der eine Vulkanformation auf der Venus benannt ist.

Shellac haben sich nach dem ersten Tonträger-Werkstoff der Geschichte benannt (dt.: Schellack), einem frühindustriellen Massenerzeugnis ab Ende des 19. Jahrhunderts, das ca. '61 vom Vinyl abgelöst wurde. Shellac ist eine Hobby-Band, die auf Tour geht, wenn Zeit und Lust und Arbeit es erlauben, ihr Equipment selbst auf- und abbaut und immer mal ein Album veröffentlicht, „...anytime between now and the future“, wie man auf der Touch & Go-Label-Website versichert. Shellac machen keine Promotion, weder für Konzerte noch für Tonträger. Journalist*nnen, die darüber schreiben wollen, müssen sich die Platten kaufen, Konzerttermine stehen in Veranstaltungsplänen und sprechen sich rum. Mit nicht mehr als fünf (!) Studioalben seit seiner Gründung anno '92 in Chicago hat sich das US-Trio den Regeln des corporate rock stets entzogen, künstlerisch wie geschäftlich, und seine Ideen einer abstrahierten und radikal entschlackten Rockmusik kompromisslos umgesetzt und internationalen Rang errungen, nebenbei. Die Subtilität der Shellac-Musik liegt nicht offen, und das Trio zeigt sie auch nicht eitel herum. Nichts an ihrer ausdrucksstarken, dreckigen Kunstmusik aus Minimalismus, Präzision und Dissonanz ist im herkömmlichen (auch Metal-) Sinne satt, rund oder gar eingängig.

Schroffes, strukturell hochkomplexes Zeug aus Post-Hardcore, Noise-Punk, einer mutierten Funkyness und Math-Rock bricht explosionsartig aus drei schmucklosen Männern im knapp mittleren Alter heraus wie von selbst. Raue zeitgenössische Musik von primitiver Anmutung, die one-two-three-four nach vorn geht, den Pogo über ungerade Metren stolpern lässt, kurz und restlos verstummt und scharfkantige kollektive Schläge aus einem vakuösen Nichts so präzise und hart auf den Punkt setzt, dass einem die Augen flirren. Nichts entspricht einem herkömmlichen Konsens, ist satt oder rund oder will gar dem Publikum entgegen kommen. Schon auf Tonträger eine Herausforderung bei Erstkontakt, ist man sich im Konzert nicht immer sicher, ob man das gerade wirklich erlebt oder halluziniert.  

Das Publikum einer solchen Band wünscht sich wahrscheinlich jede Band; treue Fans, Gleichgesinnte (und ein paar Neue), die sich beim Konzert treffen wie Freunde, von denen sich die meisten nicht kennen, mit Shellac-Musik als kollektivem Angelpunkt und Lebensbestandteil.

Seele hoch

Steve Albini, Gitarrist und Vokalist, kann als maßgeblich für die Shellac gesehen werden. Anfang der Achtziger mit zwei kurzlebigen, aufsehenerregenden Bands bekannt geworden - Big Black und Rapeman, benannt nach einem zweifelhaften japanischen Manga-Superhelden, was Albini heute bedauert -, machte er sich einen Namen als Produzent, lehnt diesen Begriff aus ethisch-politischen Gründen jedoch ab. Folgerichtig Tontechniker mit internationalem Renommee, betreibt er bis heute hauptberuflich die Electrical Audio Studios in Chicago, wo Alben von PJ Harvey, den Pixies, Nirvana oder Godspeed You Black Emperor, aber auch Zerbrechliches wie etwa die Kompositionen der amerikanischen Kammerfolksängerin und Harfenistin Joanna Newsom produziert wurden. Bassist und Zweitvokalist Bob Weston, durch Zusammenarbeit mit Albini selbst eine tontechnische Koryphäe im US-Alternative-Rock geworden, spielt bei den Volcano Suns und Mission Of Burma und ist Trompeter beim Kammerensemble Rachel's.

Albini hat sich einen Gitarrensound entwickelt, der schon im Gedächtnis so unwahrscheinlich erscheint, dass man bei jedem Hören erneut aus den Wolken fällt. Ein ästhetisiertes metallisches Scheppern, verzerrte Blech-auf-Blech-Schrammen, ein geschüttetes elektrisches Klirren, in das Drummer Todd Trainer sich rauslehnt, sein knochentrockenes, präzises Drumming torkeln lässt, minimalistische synkopische Grooves wiederholt, Jazzhybride erzeugt und zwischen Albinis Sprech-Vocals in traumatische, schwere 6/8-Takte, Rock- und House-Reste auflöst:

„Is this thing on? / Can you hear me now? / … / This microphone turns sound into electricity. / This one goes out to a special girl. / There is no special girl. / The last announcer announces the last record / circles the globe in search of a listener. / And the man in the back said: Everyone attack / and it turned into a ballroom blitz / … / Can you hear me now?“ Ungerührt schlägt Bassmann Bob mit eisenhartem, höhenlastigem Sound die tangentiale, kurze Akkordfolge der Nummer („The End Of Radio“) ins Instrument, identisch wie handgespielte Kopien, minutenlang, über die letzten Takte allein. Die Stille im Raum ist de facto atemlos, fällt mit dem letzten lang ausklingenden Basston in Beifall, jubelt.

Unvermittelt beginnt Albini, von Schrottsammlern (scrap collectors) in Chicago zu erzählen, Leute, die mit LKWs Altmetall zur Wiederverwertung sammeln, und dass es immer mehr davon gibt. Um dann einen Text über ein kleines Mädchen zu singen, das davon träumt, ihr Papa würde sowas auch machen und seinen beschissenen Schreibtischjob schmeißen.

Prinzip Hoffnung. Humanismus, laut und lauter, nach all dem Krach des Alltags und dem Zukunftsgestank. Nicht Aggressivität wird frei, sondern Energie. Ein Shellac-Konzert zieht die Seele hoch. Macht Atmen und den Rücken gerade. Lächelt Fremde an. Shellac-Musik ist pro life.

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