Stefan Vladar, Foto: (c) Olaf Malzahn

Lübecker Philharmoniker mit dem ersten Programm ihres Beethoven-Zyklus
Intensität und Dichte

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Ein Zyklus mit all seinen Sinfonien soll es werden, mit dem Stefan Vladar und die Lübecker Philharmoniker Ludwig van Beethoven zu seinem 250. Geburtstag ehren wollen, nicht kompakt, sondern über zwei Spielzeiten verteilt. Das Memorial begann jetzt (2. und 3. Februar des Beethoven-Jahres 2020) mit einem in sich beziehungsreichen Programm, als reine Chefsache natürlich, und wird von ihm Ende März fortgesetzt, wieder mit einem reinen Programm mit Werken des Wiener Klassikers.

Eine seiner Ouvertüren zu Beginn ist immer eine wirkungsvolle Sache, hier aber mehr. Ausgewählt wurde die zu Salvatore Viganòs „heroisch-allegorischem Ballett: die Geschöpfe des Prometheus“, so in einer zeitgenössischen Kritik. Die Titelfigur darin, der Prometheus, ist ein Titan, zu dem man Beethoven selbst gern gestempelt hat, um seine Rolle für die Entwicklung der Sinfonie anschaulich zu machen. Auch einige Gestaltungselemente dieser Musik, des op. 43 aus dem Jahre 1801, und der folgenden Ersten Sinfonie op. 21 (UA 1800), die sinnigerweise die Wiedergabe aller Sinfonien eröffnete, zeigen sich verwandt. Nicht nur die gleiche Tonart, auch die akkordischen Einleitungen von Ouvertüre und Kopfsatz der Sinfonie sowie sich ähnelnde thematische Entwicklungen verbinden sie. Zudem zeigt die Gestaltung des kurzen Einleitungsstückes im Wechsel von nachdenklichem Beginn und übersprudelnder Weiterführung gedrängt einen durchaus sinfonischen Prozess.

Über all das durfte der Zuhörer schon von Beginn an staunen, denn Stefan Vladar und das Orchester beeindruckten mit der präzisen, zugleich klangschönen Wiedergabe des Eingangsstücks. Sie gab einen Eindruck davon, wie Vladar sich einen Beethoven-Klang vorstellte: rund und satt in den Streichern, lebendig und transparent bei den Bläsern, ausgeglichen in den Orchesterfarben und sehr lebendig.

Dann folgte die Sinfonie Nr. 1, die „Grand Simphonie“, wie sie in der Original-Ausgabe benannt ist. Ihre gleichartig intensive und dichte Interpretation machte deutlich, wie ausdrucksvoll Beethoven gleich zu Beginn seines Sinfonie-Schaffens war, wie wenig der End-Zwanziger seine Vorbilder Haydn und Mozart „im Rücken“ fühlte (s. Verena Großkreutz im Programmheft). Erstaunlich schon die Introduktion, mit ihren eine Tonart suchenden Septklängen, die Vladar mit einem deutlichen Decrescendo in die angestrebten Akkorde fallen ließ. Sehr aufmerksam folgte das Orchester ihm, das beim folgenden Allegro con brio wahres Feuer entwickelte, doch klanglich immer schlank und durchsichtig blieb, etwa mit Oboe und Fagott wunderbare Episoden bescherte und chromatische Preziosen zauberte.

Ohne Schnörkel und Übertreibung begannen die zweiten Violinen das scheinbar schwebende Andante cantabile mit seinen lebendigen Unregelmäßigkeiten. Ungestüm wird dem dritten Satz der Menuett-Charakter ausgetrieben, der tänzerische Gestus dennoch erhalten. Das munter beschwingte Finale mit seinem zunächst verspielten Beginn zeigte später bei prallen Sforzando-Betonungen doch eine Grenze auf, wenn in dem hohen Tempo die Piano-Forte-Kontraste allzu vehement klangen und sich Steigerungen allzu scharf entwickelten. Der klare Klangeindruck entschädigte dafür, der mit den Naturtrompeten und dem eher weichen Schlegeln der Pauke einheitlich blieb.

Höhepunkt dieses ersten Programms wurde die Wiedergabe der Eroica, mit der Beethoven über zwei Jahre rang, bis sie Anfang 1804 vollendet war. Die Es-Dur Sinfonie, das op. 55, ist das dritte Werk dieser Gattung und in ihrer verwirrenden Widmungsgeschichte (Napoleon oder doch nicht?) bekannt. Wie groß die Steigerung in der Wahl der Mittel und im Ausdrucksgehalt gegenüber der Ersten ist, stellte die Wiedergabe brillant heraus. Die Stimmungswechsel im Kopfsatz, die Klangverfeinerung auch durch die drei Hörner, die Akzentverschiebungen oder ruppigen metrischen Wechsel führen dann zu dem elegisch düsteren zweiten Satz, dem Marcia funebre, mit seinem eindringlichen Mittelteil. Der jetzt Scherzo genannte dritte Satz hat als Hauptthema ein nahezu identisch gebautes Thema wie das im Menuett der ersten Sinfonie. Dennoch ist alles hier verdichtet, auch im Trio, in dem sich die drei Hörner beweisen, und im Satzschluss mit den dynamischen Kontrasten.

Stefan Vladar und die Lübecker Philharmoniker, Foto: (c) Olaf MalzahnStefan Vladar und die Lübecker Philharmoniker, Foto: (c) Olaf Malzahn

Im Finalsatz werden die Musiker noch einmal in hohem Maße gefordert. Dessen Thema verwandte Beethoven mehrfach, u.a. in einem anderen Satz des „Prometheus“, womit wieder ein Bezug zum Beginn entstand. Hier wird es außergewöhnlich variiert, erreicht mit ständig neuer Charakterisierung nahezu expressive Dichte, ergänzt durch eigenwillige, dennoch nachvollziehbare Änderung in der Instrumentation, wenn der Konzertmeister einen Part solistisch übernimmt. Ein grandios fordernder Satz ist das, der ein Orchester in dem horrenden Tempo zu sehr exaktem Spiel zwingt. Vladar wusste, was er mit seinen Philharmonikern erreichen konnte, denn sie zeigten sich dem Anspruch in Ausdruck und Klang großartig gewachsen.

Viele Zuhörer erlebten auch am Montag das Konzert, wurden mitgerissen und applaudierten lange.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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