Christoph Gedschold, Foto: (c) Patrick Vogel

Musik- und Kongresshalle Lübeck
Ein tänzerischer Gipfelstürmer im vierten Konzert der Lübecker Philharmoniker

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Christoph Gedschold, der die Lübecker Philharmoniker bei ihrem vierten Saisonkonzert dirigierte, wurde intensiv beobachtet, wie üblich, wenn ein Anwärter für den noch immer vakanten GMD-Posten auf dem Podest steht.

In Magdeburg ist er geboren worden und studierte Klavier und Dirigieren in Leipzig und in Hamburg. Nach etlichen Kapellmeistertätigkeiten – in Luzern, Nürnberg oder Karlsruhe – ist er seinen Ausbildungsorten durch Dirigate an deren Opernhäusern auch im nächsten Jahr noch verbunden. In Leipzig wurde er für den „Barbier“, die „Zauberflöte“ oder die „Russalka“ verpflichtet, in Hamburg wird er „Manon Lescaut“ leiten. Das aber sind nur ein paar der Opern, die zu seinem weit gefächerten Repertoire gehören. Doch auch die Arbeit mit dem Gewandhausorchester Leipzig, der Staatskapelle Dresden oder den Hamburger Philharmonikern, mit Orchestern in Japan oder Kanada zeigt, dass er Erfahrung bei einer breiten Palette von Engagements erwerben konnte.

Vom Programm her hatte er es in Lübeck nicht schlecht getroffen, denn das war ausgesprochen reizvoll und trotz seiner einseitigen Bindung an osteuropäische Komponisten vielfältig. Zu Beginn waren es die „Tänze aus Galánta“ von Zoltán Kodály, ein 15 Minuten dauerndes Feuerwerk von mitreißenden ungarischen Weisen, die Sinti oder Roma so unvergleichbar musizierten. Einiges von ihrer Wirkung war auch in der Wiedergabe am Montag erhalten, die der Dirigent unter aufwändigem Einsatz von Armen, Rumpf und Beinen lebendig werden ließ. Die rhapsodische Musik mit ihren wechselnden Stimmungen, den Tempoveränderungen und den virtuosen Steigerungen lag ihm, und auch das Orchester folgte exakt und temperamentvoll. 

Béla Bartók, nur ein Jahr älter als sein Landsmann Kodály, nutzt das musikalische Erbe seiner Heimat weit diffiziler. Das ist auch in seinem dritten Klavierkonzert zu erleben, das in seinem Todesjahr 1945 entstand. Es ist ein Werk, das unter Bartóks drei Konzerten für dieses Instrument dem Publikum am wenigsten abfordert. Klar in Aufbau und Gestaltung, harmonisch fast tonal und von aparter Klangschönheit nimmt es gefangen, auch ohne dass man seinen anrührenden biografischen Hintergrund kennen muss. Nach dem rauschenden ersten Satz mit seiner delikaten Thematik und vor dem packenden Schwung des letzten war es vor allem der Mittelsatz, der in Erinnerung bleibt.

Tzimon Barto, Foto: (c) Malcolm YawnTzimon Barto, Foto: (c) Malcolm YawnBeeindruckend vor allem war, wie das Adagio religioso sich in seiner dialogischen Struktur entfaltete. Hier war auch der Solist, der Amerikaner Tzimon Barto, besonders in seinem Element. Mit großer Ruhe und einer ungewöhnlichen Zartheit und Transparenz im akkordischen Spiel gestaltete er, forderte auch das Orchester zu gleicher Konzentration heraus. Seine Zugabe (im Montagskonzert), ein Nocturne von Chopin, war eine grandios gestaltete Antwort auf den intimen Ausdruck im Intermezzo dieses Satzes.

Der eigentliche Prüfstein wurde dann Peter Tschaikowskys f-Moll-Sinfonie, seine vierte. Ihr poetisches Programm, mit dem der Komponist sein Werk in die Nähe von Beethovens Fünfter rückt, gab auch dem Konzert sein Motto. „Glückssuche und Schicksalsgewalt“ lautet es, und findet sich bei Tschaikowsky sehr plakativ ausgebreitet, verführerisch für kraftvolle Naturelle. Bereits der markante Hornruf, einendes Motiv für das ganz Werk, verkündet schmetternd, unter welchem Fatum stehend sich sein Erfinder sieht. Gedschold ließ es drängend und lautstark musizieren, einsträngig nach vorn gewandt, fand dann im melancholischen Walzer zurück, so dass die Streicher einen schönen Wohlklang entwickeln konnten, auch im Weiteren die Klarinette. Das alles war plausibel und respektabel.

Nach dem schwermütigen zweiten Satz, auch nach dem verspielt und heiter sich gebenden dritten mit seinem virtuosen Pizzikato und den Holz- und Blechbläserepisoden ging dem Finalsatz allerdings die Puste aus. Allzu schnell wurden die Grenzen der Dynamik nach oben erreicht, wie im Rausch trieb der Dirigent nach vorn. Ohne Steigerungen in Wellen aufzubauen, stürmte er zum Gipfel, der sich wie ein Plateau ausbreitete. Der Dirigent wird hier sein Temperament zügeln lernen müssen. Die notwendige Feinarbeit, z. B. die an Phrasen-Enden, kann sich aber in einer kurzen Arbeitsphase nicht einstellen, in der sich alle erst aneinander herantasten.

Isabel Jimenez Montes und Rüdiger Peters, Foto: (c) Olaf MalzahnIsabel Jimenez Montes und Rüdiger Peters, Foto: (c) Olaf Malzahn

Im Wechsel mit dem Fehling-Preis der Theaterfreunde vergeben die Orchesterfreunde alle zwei Jahre ihren Furtwängler-Preis, beide dotiert mit 2000 Euro. Sie sind gedacht als Förderpreise und zur Anerkennung für besondere Leistungen. Rüdiger Peters, Vorsitzender des Vereins der Orchesterfreunde, übergab den diesjährigen Preis im Sonntagskonzert an die Geigerin Isabel Jimenez Montes. 1987 ist sie in Spanien geboren und seit 2015 stellvertretende Konzertmeisterin des Philharmonischen Orchesters in Lübeck.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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