Foto: Michał Nesterowicz

Das erste Saisonkonzert der Elbphilharmoniker in der MuK
Düstere Musik in glänzender Wiedergabe

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Die NDR Elbphilharmoniker eröffneten ihre Konzertsaison in Lübeck mit einem eher düsteren Programm (23. September 2018).

Im ersten Teil war es Dmitrij Schostakowitschs Erstes Violinkonzert in a-Moll, dessen dramatische Wucht betroffen machte. Was sich hinter dem Werk verbirgt, das 1947 begonnen und 1948 vollendet wurde, ist sehr komplex, komplex wie die Kompositionsweise, die einen den Solisten ungeheuer fordernden Solopart mit einem verschlungenen Orchestersatz verbindet. Bedeutungstief ist das zudem, da der Komponist darin verklausuliert sein Bekenntnis gegen den staatlichen Totalitarismus Stalins „vertonte“.

Denn immer wieder hatte Schostakowitsch wie Sergei Prokofjew oder Aram Chatschaturjan mit Repressalien im sowjetischen System Stalins zu kämpfen. 1948 musste er sogar aus seiner Geburtsstadt Leningrad, die 1906 noch St. Petersburg hieß, auf staatliche Anordnung nach Moskau umziehen. Dort allerdings lebte er fortan ganz in der Nähe von künstlerischen Freunden wie David Oistrach, dem Schostakowitsch sein Violinkonzert widmete, und der es 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod, endlich uraufführte. Sieben Jahre in der Schublade drohte es vergessen zu werden.

Schon die Anzahl der Sätze ist ungewöhnlich. Vier sind es, zu Beginn ein schwermütiges Nocturne. Es ist nicht stimmungsvoll verhangen wie in der romantischen Klaviermusik. Trotz einer Episode mit impressionistischen Harfen- und Celesta-Klängen zeichnet es ein eher düsteres Gemälde vom Nebeneinander einer dunklen Macht in den tiefen Streichern, die die langsame Linie der Violine aufzusaugen scheint. Das Soloinstrument passt sich an und sucht sich dennoch zu behaupten, immer gespannter in der Entwicklung. Man kann darin eine Umschreibung der Situation des Komponisten sehen, zumal im Melos die Tonfolge D-eS-C-H erstmals eingeführt wird, die musikalische Chiffre seines Namens.

Foto: Soyoung Yoon, (c) Julia WeselyFoto: Soyoung Yoon, (c) Julia Wesely

Die 1984 geborene Südkoreanerin Soyoung Yoon, von Zakhar Bron ausgebildet, spielte diesen Part äußerst konzentriert und ungeheuer spannungsvoll. Im zweiten Satz, Scherzo genannt, ist eine leere Fröhlichkeit spürbar, die die Solistin in außergewöhnlicher Weise technisch meisterte. Den melancholischen dritten Satz in Passacaglia-Form beendet eine ausgedehnte Solokadenz, die der Solistin wieder im Spiel und im Ausdruck alles abforderte, bevor das Konzert in einer grotesken Burlesque mit unglaublich schnellen, motorischen Partien endet, Ausdruck einer getriebenen Persönlichkeit. Mit großer Konzentration, mit wunderbar feinem Ton, vor allem mit einer den ganzen Körper einbeziehenden Musikalität machte sie die Interpretation zu einem überwältigenden Erlebnis. Eine äußerst spritzige Zugabe, die „Applemania“ des russisch-deutschen Geigers und Komponisten, auch Dirigenten und Schauspielers Aleksej Igudesman war ihr Dank an das begeisterte Publikum.

Doch auch nach der Pause hielt die ungewöhnliche Intensität im musikalischen Ausdruck an. Unter Leitung des Polen Michal Nesterowicz, der zu den Musikern einen spürbar guten Kontakt hatte, erklang die fünfte Sinfonie in e-Moll von Peter Tschaikowsky. Eine Zeitlang waren dessen Werke bis zum Überdruss in den Programmen vertreten. Im Zusammenhang mit dem Violinkonzert aber ergab sich ein neuer, ein tiefer Zusammenhang, nicht nur durch die Tonart. Auch die Tatsache, dass Tschaikowsky nur 13 Jahre vorher in Schostakowitschs Geburtsstadt verstorben war, mag äußerlich sein. Mehr zählt die Grundstimmung, der tiefe Ausdruck eines seelischen Leidens, bei Tschaikowsky aufgefangen in einem romantischen Pathos und vom Orchester wiedergegeben mit schwelgerischem Klang, mit wunderbar satten Farben. Die Musiker waren innerlich stark beteiligt, besonders erlesen gleich zu Beginn mit dem schwermütigen Hauptthema der Klarinetten, poetisch mit dem Horn im zweiten Satz oder stimmungstief, doch schwebend beim „Valse“ des dritten Satzes. Das imposante, pathetische Finale des Schlusssatzes konnte auch in dieser Wiedergabe nicht wirklich überzeugen.

Das Konzert wurde aufgezeichnet und wird am 2. November auf NDR Kultur gesendet.

NB: Es sei noch angemerkt, dass der Widmungsträger dieser Sinfonie Theodor Avé-Lallemant ist, der einige Jugendjahre in Lübeck verbrachte. Eine Reihe seiner Musikhandschriften bedeutender Komponisten und Briefe hat das Brahms-Institut erworben. Tschaikowsky schrieb in seinen Erinnerungen über ihn: „Der verehrungswürdige, über achtzigjährige Greis erwies mir eine geradezu väterliche Zuneigung. […] Man merkte sofort, dass er die Musik leidenschaftlich liebt und von dem bei alten Menschen oft zu beobachtenden Widerwillen gegen alles Moderne vollkommen frei ist.“

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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