Poems for Jamiro, Foto: (c) Eric Bahr

Altstadtbad Krähenteich
Live am Teich mit "Poems for Jamiro"

Rolf JägerVon

Das traurigste Lied zuerst. Sagt Nina Müller zu Beginn und zur Begrüßung des ersten von zwei kurzen Konzerten an, die sie und ihre Partnerin Laila Nysten a.k.a. "Poems For Jamiro" am Abend der Museumsnacht '18 auf der Bühne Krähenteich spielen.

Der traurigste Song zart instrumentiert – Pianoakkorde, sauberes Moll, Müller singt erste Zeilen, Nysten setzt die zweite Stimme. Man nimmt ihn hin und tut es gern. Ausatmen.

Nicht, dass die Musik von "Poems For Jamiro" je melancholiefrei wäre. Fern von Kitsch, Scham und schwärmerischer Verzweiflung ist sie klar und omnipräsent in der Musik des Duos, funktioniert wie ein Rückgrat. Innehaltung im knatternden bonfire of Leistungsmuss called Gegenwart. Verschwinden, Vermissen. Sterne. Zeit. Das unvermeidbare Danach. Der notwendige Wunsch nach Gesundung und einem lebenswerten Währenddessen. Torso, Seele. Physis, Baby. Sie wissen schon. This thing called Leben.

Seit 2014 arbeiten Nina Müller (voc, pi, electr, git) und Laila Nysten (voc, viol, electr) als "Poems For Jamiro" zusammen, seither gehen die Dinge relativ schnell: Der begehrte Musikpreis „Krach & Getöse“ ihrer Heimatstadt HH kommt rein, das Debütalbum, „Homeward Bound“ kommt raus (2015), und „Tiny Dancer“ wird Titelsong der ZDF-Miniserie „Komm' schon“. Fiona Apple, Radiohead und Damien Rice nennen die beiden Frauen als Einflüsse ihres eigenen Indie-Pop-Idioms, verweisen aber vor allem auf „das Nordische“, das man auf zahlreichen Konzertreisen durch Skandinavien und Island vorfand und mitnahm.

Zunächst als reines Singer/Songwriter-Duo per Klavier und Geige unterwegs, hat das Duo sein Instrumentarium inzwischen deutlich erweitert, die Songs durch Loops, Synthesizer, Computer anders ausgekleidet. Ein Rahmen, in dem die anspruchsvollen, eingängigen Melodien, die minutiös ausgearbeiteten Harmoniefolgen und der sauber realisierte Satzgesang deutlich stärker von Akzent, Kontrast und Dynamik umgeben sind. Dass bei all dem das Wesen der Musik von Müller & Nysten stets unangetastet bleibt, zeigt die hohe substanzielle Qualität ihrer Songs. Es wird nicht die Intensität der Effektivität geopfert, es werden durch unterschiedliche Besetzungen unterschiedliche Perspektiven auf die Songs geöffnet – elektronisch oder unplugged, als 4-köpfige Band mit Bass und Schlagzeug (Dezember '17 im ausverkauften kleinen Saal der Elbphilharmonie) oder in Begleitung eines Orchesters.

Ein sinfonisches Popkonzert, Foto: (c) Eric BahrEin sinfonisches Popkonzert, Foto: (c) Eric Bahr

Heute Abend auf der Bühne des Altstadtbades ist es ein 12-köpfiges studentisches Kammerorchester unter der Leitung von Dorian Kannenberg, das die Musik "Poems For Jamiro" in Arrangements von Martin Herrmann (Lübeck-Pop-Symphonics) unter- und hinterlegt; dazu Drummer Timo Schempp und Bassist Bernhard Stiehle, Stammrhythmusgruppe von "Poems For Jamiro".

Die Spielfreude ist deutlich, das Zusammenspiel dieser zwei unterschiedlichen Bands homogen, kommunikativ, moderat prachtvoll und so gut wie frei von expressionistischen Untiefen. (Einzig das wieder-und-wiederholte Zitieren der Drehorgel-/Zirkusmelodie „Einzug der Gladiatoren“ bei „The Clown“ tat dem Song nicht gut.)

Nach einer Stunde und einer Zugabe (die neue Single „Disappear“ vom neuen Album „Human“, VÖ Oktober) und viel Dank an without whom (Possehl, Eric Bahr vom Förderverein der Badeanstalt, Tontechnik ...) ist nach dem Konzert vor dem Konzert: Das zweite beginnt in 30 Minuten, die ersten Zuschauer sind schon da, die letzten vom zweiten gehen, Melodien in den Köpfen, die noch lange nachklingen. „Look at the stars ...“

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