Evelinde Trenkner, Foto: (c) Heiderose Batz

Internationales Lübecker Kammermusikfest
Abends 7 ½ Uhr, sehr präcise

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Dreimal, vom 10. bis zum 12. Mai 2018, galt die charmante Aufforderung wieder, sich „Abends 7 ½ Uhr, sehr präcise“ zu treffen. Es gilt seit 28 Jahren, weil just zu der Tageszeit die Konzerte des Internationalen Lübecker Kammermusikfests im Kolosseum beginnen.

Sie waren 1990 ins Leben gerufen worden, nachdem zwei Jahre vorher Evelinde Trenkner, Pianistin und ehemalige Professorin der Musikhochschule Lübeck, die Xaver & Philipp Scharwenka-Gesellschaft gegründet hatte. Ihr Ziel war, zunächst sich für die Werke der Komponistenbrüder durch Beschäftigung mit ihnen und durch Aufführungen einzusetzen. Das ist in der Praxis am besten bei einem Festival zu erreichen, zumal das zweite Ziel, begabte junge Talente zu fördern, sich damit großartig verbinden lässt.

Es ist eine beachtliche Leistung, die Evelinde Trenkner, all die Jahre künstlerische Leiterin, zusammen mit ihren vielen Helferinnen und Helfern vollbringt. Der Rahmen begünstigt zugleich eine fast familiäre Atmosphäre, weil alles durch vielseitige Spenden und durch tätige Mithilfe etlicher Mitglieder bewältigt wird. Das geht hin bis zu den Moderationen, erfreulich kurz und prägnant von Jürgen Feldhoff. Zudem besteht ein enger Kontakt zur „Scharwenka-Stiftung“. Sie hat in Bad Saarow am Scharmützelsee in Brandenburg das Komponierhaus von Xaver Scharwenka (1850–1924) restauriert und zu einem Kulturforum gemacht und nimmt an dem Lübecker Geschehen regen Anteil.

Evelinde Trenkner und Sontraut Speidel, Foto: Ulrike SeitzerEvelinde Trenkner und Sontraut Speidel, Foto: Ulrike Seitzer

Nur eines ist bedauerlich, dass diese Abende immer in einer Konkurrenz zum Brahms-Festival stehen. Das jährliche Ereignis der Musikhochschule, ein Jahr jünger, wirbt in der gleichen Zeit um lauschende Ohren. Trotzdem war in diesem Jahr ein deutliches Plus an Zuhörern festzustellen. Es wäre erfreulich, wenn Kammermusik insgesamt mehr in der Gunst der Musikliebhaber steigt.

Denn von ausgesprochen besonderer und zudem hervorragend dargebotener Musik dieses Genres gab es in diesem Jahr wieder genug. Es begann gleich mit einer Uraufführung eines bekannten Werkes. Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn Gustav Mahlers fünfte Sinfonie steht häufig auf den Programmen, auch bei denen der Lübecker Philharmoniker und bei denen der Elbphilharmoniker. Das Klavierduo Evelinde Trenkner und Sontraut Speidel, eine Eröffnungskonstante für die Festtage, konnte jedoch den Finalsatz dieses Werkes (eine Gesamteinspielung folgt demnächst) in einer Fassung für Klavier zu vier Händen bieten, die noch nie gespielt worden ist.

Sontraut Speidel und Evelinde Trenkner, Foto: Ulrike SeitzerSontraut Speidel und Evelinde Trenkner, Foto: Ulrike Seitzer

Das hat sicher seinen Grund darin, dass sie ein Höchstmaß an technischer, aber auch gestalterischer Fertigkeit verlangt. Mahlers gewaltige Klangmassen, aufgefächert für ein großes Orchester mit vielerlei Farben auf einem Instrument darzustellen, ist wahrlich nicht einfach. Vor allem die stets die Entwicklung vorantreibenden tiefen Stimmen wiederzugeben, aber auch die polyphone Satzstruktur ist eine große Aufgabe. Beides aber leistet die Klavierfassung für den Hörer beinahe intensiver, lenkt sie doch nicht durch Instrumentationsfinessen ab.

Zwei Quartettvereinigungen folgten. Zunächst die Quatrocelli (Hartwig Christ, Tim Ströble, Matthias Trück und Lukas Dreyer), nach der Pause dann das Ebonit Saxophone-Quartett (Simone Müller, Dineke Nauta, Johannes Pfeuffer und Pauline Kulesca). Mit den Cellisten, die sich bereits seit Studienzeiten kennen und gemeinsam seit 20 Jahren auftreten, hatten sich vier Musiker getroffen, die eines eint, die vitale Lust am Musizieren und die effektvolle Lust, das Instrument des Jahres in all seinen Klangbereichen und mit all seinen Spielmöglichkeiten unterhaltsam zu präsentieren.

Die QuadrocelliDie Quadrocelli

Auf Filmmusik hatten sie sich in diesem Programm spezialisiert, und auf Filme bezog sich auch ihre gekonnte Bühnenschau. Die Saxophonisten präsentierten schon einmal das Internationale des Musikfestes. Sie stammen aus Polen, den Niederlanden und Deutschland. Ihre sehr variablen Beiträge waren alles Bearbeitungen ebenso internationaler Komponisten. Grieg präsentierte den Norden, Debussy und Ravel den Westen, Dvořák den Osten und Haydn die Mitte. Sein erster Satz aus den „Sieben letzten Worten unseres Erlösers am Kreuze“ war zugleich ein Bezug zu dem Tag, an dem das Kammermusikfest begann, zum Himmelfahrtstag.

Der zweite Abend gab im ersten Teil Geschwistern das musikalische Wort. Zunächst war es das sehr junge Trio ClariNoir aus Lübeck mit Nikolai Gast und den Brüdern Ivo und Ilja Ruf. Sie begannen klassisch mit drei Sätzen aus einem Mozart-Divertimento, erzählten dann mit Anselmo Aietas „Palomita Blanco“ eine Liebesgeschichte, bei der eben jene weißen Tauben eine Rolle spielten. In „Interjú“, einer Komposition Iljas, des mit 17 Jahren jüngsten des Trios, zauberten sie eine abwechslungsreiche Klangwelt herbei, die Elemente von Jazz, Klezmer oder Tango geschickt mischte. Rimski-Korsakows grandios virtuoser „Hummelflug“ war ihre effektvolle Zugabe.

Trio ClariNoirTrio ClariNoir

Die Geigerin Lea und ihre Schwester Esther Birringer am Klavier bilden ein Duo von staunenswerter Geschlossenheit. Ihre einfühlsame wie impulsive Wiedergaben der selten gespielten stimmungsvollen Violinsonate op. 8 von Edvard Grieg, mit 22 Jahren komponiert, begeisterte ebenso wie die der D-Dur-Polonaise de concert von Henryk Wieniawski. Der schuf sein hoch virtuoses, beide Instrumente gleichermaßen forderndes Werk bereits mit 13 Jahren. Die Freude an schönen Tönen war auch in ihrer Zugabe, der Violin-Fassung von Dvořáks siebter Humoreske, zu erleben.

Nach der Pause trat das Trio Neuklang mit Nikolaj Abramson (Klarinette), Jan Jachmann (Akkordeon) und Arthur Hornig (Violoncello) auf, wie die Quatrocelli der musikalisch intelligenten, zugleich virtuosen Unterhaltung verpflichtet. Auch hier bestimmen Bearbeitungen das Programm, nicht nur aus Mangel an originalen Kompositionen für diese Besetzung, mehr noch aus inhaltlichen Überlegungen. So wurde hinterfragt, was etwa dabei herauskommt, wenn Beethoven vom Barbier von Sevilla die Haare geschnitten bekommen hätte und das bei reichlich viel Tango-Musik. Unter solcherlei Überlegungen servierten sie Opernparodien von der „Zauberflöte“ bis zur „Tosca“ oder vier Wagner-Opern vom „Holländer“ bis zum „Tannhäuser“ in vier Minuten.

Trio NeuklangTrio Neuklang

Die drei Tage trugen jeweils eine eigene Handschrift. Der dritte war insgesamt ernsthafter. Er galt zunächst wieder dem Cello, gespielt mit großem Ton von Valentino Worlitzsch, der kurzfristig für den Südfafrikaner Abel Selaocoe eingesprungen war. Ihm hatte man auf seiner Herreise in London sämtliche Papiere gestohlen. Doch wurde das Programm beibehalten und nur umgestellt. Begleitet wurde der Cellist von Martin Klett, dem Schüler von Konrad Elser und in Lübeck bestens bekannt. Die auswendig vorgetragene Cello-Sonate setzte für diesen Abend bereits höchste Maßstäbe. Feurig und voller Leidenschaft interpretierten die beiden Musiker diesen weiteren Beleg dafür, zu welcher Ausdruckstiefe das Cello fähig ist. Das Zusammenspiel beider ließ nicht vermuten, dass sie erst nach einer Verständigungsprobe miteinander musizierten, auch nicht bei Manuel de Falla und Robert Schumann.

Das niederländisch, sehr homogen gestaltende Delta Piano Trio mit Gerard Spronk (Violine), Irene Enzlin (Cello) und Vera Kooper (Klavier) begeisterte dann mit einer feinsinnigen Interpretation von Antonín Dvořáks melodischem Dumky-Trio, bevor im zweiten Teil des Abends das Klavier die Hauptrolle übernahm – oder der in Moskau ausgebildete Pianist Alexander Markovich. Seine Kraft und außerordentliche Virtuosität sowie sein Gedächtnis, das ihn sein Repertoire auswendig darzubieten befähigt, begeisterte das Publikum wieder einmal. In seinem Programm fand sich dann endlich auch ein Werk Xaver Scharwenkas, dessen klavieristisch immens komplexen Variationen in d-Moll. Markovich war nicht zum ersten Mal herausstechender Abschluss der Festtage, der in vier eigenen Improvisationen zu Opernthemen aus Puccinis „La Boheme“ bis hin zu Verdis „La Traviata“ gipfelte.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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