Simon Höfele und Dmitri Jurowski, Foto: Olaf Malzahn

Ein konzertantes Weihnachtspräsent durch Dmitri Jurowski und die Lübecker Philharmoniker

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Eine Woche vor Weihnachten beschenkten die Lübecker Philharmoniker ihr Publikum mit einem Programm, das entspannender und zugleich dem Ohr schmeichelnder nicht hätte sein können.

Wolfgang Amadeus Mozart zunächst, seine g-Moll-Sinfonie KV 550 aus dem Jahre 1788, die zweite der drei großen Vermächtnisse in dieser Gattung, ist zwar in dem unruhigen Grundgestus scheinbar wenig für vorweihnachtliche Stimmung geeignet. Aber ihr Ernst ist gepaart mit überbordender Phantasie. Anmut, Würde und Gefühlstiefe kommen hinzu und machen sie zu einer der beliebtesten Sinfonien Mozarts. Das ist besonders dann nachzuvollziehen, wenn sie so erklingt wie hier, wunderbar einleuchtend vermittelt durch den jungen Dirigenten Dmitri Jurowski. Er stammt aus einer musikalischen Dynastie, die mit seinem Großvater Vladimir Michailovich Jurowski begann, einem ukrainisch-russischen Filmmusik-Komponisten. Dessen Sohn ist der Dirigent Michail Jurowski, der in der MuK mit dem Lübecker Orchester schon mehrere Triumphe gefeiert hatte, zuletzt Ende Oktober.

Und auch die dritte Generation wartet mit Musikern auf. Enkelin Maria ist Pianistin und ihre Brüder Vladimir und Dmitri wie der Vater erfolgreiche Dirigenten. Dmitri, der etwas jüngere, wurde 1979 in Moskau geboren, studierte zunächst Cello und danach in Berlin das Dirigieren. Seit 2011 ist er Chef der Russian Philharmonic und seit 2015 Musikdirektor an der Staatsoper Nowosibirsk. Internationale Auftritte belegen seine hohe Professionalität, die auch diesen Abend (besucht wurde das Konzert am Montag, d. 18. Dezember) zu einem besonderen Ereignis machte. Sein Dirigieren ist durchaus mit dem des Vaters vergleichbar. Wie der benötigt auch der Sohn weder große Gesten noch weitgreifenden Körpereinsatz. Sehr bestimmt arbeiten die Hände, zumeist eigenständig und nicht im gleichen Muster von rechts und links. So erreichte er in Ruhe und Konzentration ein genaues und lebendiges Musizieren. Spürbar folgte ihm das Orchester gern.

Dmitri Jurowski, Foto: Olaf MalzahnDmitri Jurowski, Foto: Olaf Malzahn

Einen Mozart von dieser Feinheit und Klarheit hat man selten gehört. Schon die erlesene Dynamik des Anfangs ließ aufhorchen und zwang, der lebhaften und zielgerichteten Gestaltung im ersten Satz achtsam zu folgen. Doch auch die schwebende Formung im Andante (wunderbar die Bläser) überraschte, wie auch die im widerborstigen Menuett. Bei ihm schlug der Dirigent die Eins im Takt nach oben, wodurch er das Synkopische raffiniert pointierte. Gut schattiert schließlich endete das spannungsvolle Finale, in dem sich die Instrumentalgruppen munter zuspielten. Das war Orchesterkunst auf hohem Niveau, in dem das Orchester in allen Stimmen einfühlsam auf einen souverän führenden Dirigenten reagierte.

Man hatte sich entschlossen, das Solistenwerk, normalerweise im ersten Teil, erst nach der Pause zu spielen. Es war das Trompetenkonzert des Armeniers Alexander Arutjunjan, 1950 uraufgeführt, ein Werk, das zwar auf Strawinsky oder Schostakowitsch anspielt, selbst aber wenig moderne Ausdrucksmittel nutzt. Eher ist das Gegenteil der Fall, weil es in farbige Welten entführt, die Orientalisches oder des Komponisten armenische Heimat beschwören. Locker gefügt gibt es dabei dem Solisten delikate klangliche Aufgaben, die die Ausdrucksweite seines Instrumentes vom Lyrischen bis hin zum Dramatischen belegen. In Partien, die mit anderen Instrumenten verwoben waren, etwa mit den Streichern oder im Duett mit der Klarinette, war ein selten frei und besonnener Solist zu erleben. Es war Simon Höfele, Darmstädter des Jahrgangs 1994, der selbst die große, alle Möglichkeiten der Trompete auslotende Kadenz nie äußerlich virtuos gestaltete, sie vielmehr als prachtvollen und musikalisch sinnvollen Abschluss erleben ließ.

Simon Höfele, Foto: Olaf MalzahnSimon Höfele, Foto: Olaf Malzahn

Da das Stück nur etwas mehr als eine Viertelstunde dauerte, hatte man als Zugabe das irische Londonderry Air einstudiert, bekannt geworden vor allem mit dem Text „Danny Boy“. Das Arrangement für Solotrompete, Streicher und Klavier stammte vom Dirigenten und der nahm selbst am Flügel Platz. So überließ er dem Trompeter die Gestaltung in dem ersten liedmäßig empfindsamen Teil, der in einen swingenden und jazzbetonten zweiten überging.

Grandios fügte sich Sergej Prokofjews „Klassische Sinfonie“ an, das neben „Peter und der Wolf“ zu den bekanntesten und beliebtesten Werken des Russen gehört. Diese Sinfonie im neoklassizistischen Stil, die sich vor allem Haydn verpflichtet fühlt, gilt trotz ihrer Kürze von nur 15 Minuten als eines der humorvollsten Kompositionen überhaupt. Und auch hier bewährte sich noch einmal Dmitri Jurowskis inspirierendes Wirken, dem die Lübecker Philharmoniker in virtuoser Lockerheit folgten. Klar, dass auch hier, weil das Programm insgesamt recht kurz war, noch etwas aufgesetzt werden musste. Wieder war es der Dirigent, der die Zugabe mit einem eigenen „Werk“ vorbereitet hatte. „Mozart-Tango“ hat er es genannt und im ersten Teil Brasilien mit einem Tango heraufbeschworen, dem er Motive aus Mozarts g-Moll-Sinfonie im zweiten entgegenstellte. Inspiriert hatte ihn, wie er vor der Zugabe augenzwinkernd dem Publikum erläuterte, die Vorstellung, die auch Prokofjew anregte: „Wenn Haydn heute noch lebte, dachte ich, würde er seine Art zu schreiben beibehalten und dabei einiges vom Neuen übernehmen.“

Das Publikum dankte mit langem Beifall für ein musikalisch begeisterndes Weihnachtsgeschenk.

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Fotos: (c) Olaf Malzahn

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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