Foto: Igor Levit (c) Felix Bröde

Beethoven und Brahms in kongenialer Sicht beim NDR-Sinfonieorchester

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Es gibt sie, die Sternstunden. Die zwei Stunden im Februar-Konzert des NDRs am 26. des Monats gehören für den Schreiber dieser Zeilen dazu. Das Orchester, das nun offiziell den Namen „Das Orchester der Elbphilharmonie“ trägt, war an die Trave gekommen, mit einem Programm von klassischem Zuschnitt, das Wohlklang und gutes musikalisches Erleben versprach.

Von Beethoven war das Klavierkonzert in B-Dur, sein zweites, annonciert und von Brahms die Dritte Sinfonie in der eng verwandten Tonart F-Dur. Aber mehr noch: Thomas Hengelbrock, seit 2011 Chef des Orchesters, leitete, und das versprach zumindest schwungvolles und feinsinniges Musizieren und guten Kontakt zum Orchester. Zudem forderten beide Werke keine allzu große Besetzung, so dass die behelfsmäßige Bühne in der Rotunde passen müsste. Und auch den Solisten umgab ein Nimbus. Es war Igor Levit. Noch jung an Jahren, erst 1987 in Nischni Nowgerod geboren, eilte ihm der Ruf voraus, ein Ausnahmetalent zu sein. Studiert hatte er in Hannover und hatte das beste Ergebnis erzielt, das dort jemals ein Student schaffte.

Schon die ersten Takte der Orchesterexposition zeigten den Weg. Die Musik allein regierte in Aussagedichte und Wohlklang, eine spürbar stimmige Ausdruckswelt. Die dynamischen Akzente, auch der melodische Fluss waren organisch, die Tempi selbstverständlich und die pastellenen Farben leuchteten. Und auch dem Solisten folgte man bedingungslos, ohne über Stil oder Ausdruck zu räsonieren und ihn mit anderen zu vergleichen. So wie der Solist sich seinem Instrument äußerlich näherte, verstand man als Hörer auch sein Spiel als eine tiefe Annäherung an die Komposition. Er selbst war sein intensivster Zuhörer. Selbstverständlich war die technische Sicherheit, darüber hinaus klang das Instrument nie überreizt, kein Forte zu mächtig, keine Phrase leichtfertig oder überakzentuiert, kein Gegenstimme vernachlässigt oder schwer. Und im Verhältnis zum Orchester schien ein Einvernehmen zu walten, das Hengelbrock aufmerksam in einem unbeschwerten Sich-Respektieren überwachte. Das Publikum spendete langen Applaus, auch das Orchester schloss sich dem für den Solisten an. Doch auch der Solist dankte ihm für sein kongeniales Engagement: mit einer technisch vertrackten, aber mit Spielwitz gespickten Klavierfassung der Polka aus Schostakowitschs Ballett Das goldene Zeitalter.

Foto: Thomas Hengelbrock (c) Florence GrandidierFoto: Thomas Hengelbrock (c) Florence Grandidier

Foto: Thomas Hengelbrock (c) Florence Grandidier

Und was im ersten Teil vorgegeben war, erfüllte auch der zweite. Mit Brahms-Interpretationen von Günter Wand war das Orchester groß geworden. Hengelbrock hatte dem aber etwas entgegenzusetzen. Die Akkuratesse und der Formwille waren geblieben, aber aus dem ersten Teil war der sinnliche Fluss, die innere Lebendigkeit gerettet, der den Romantiker bei aller Verschiedenheit zum Klassiker auszeichnet. Brahms‘ selbstverständliches, doch sehr dichtes Gestalten, seine gespannte Melodik, die in seiner Instrumentation zugleich transparent und warm sein kann, standen im Vordergrund. Die kleinere Besetzung mit nur sechs Kontrabässen ließen selbst in der trockenen Akustik der Rotunde die Farben glänzen. Wie sich da im zweiten Satz Holz und Streicher mischten oder das Horn sich herausschälte, wie sich im dritten die Celli klanglich rundeten war staunenswert stimmig, ließ zugleich Brahms neu erleben, weil selten die Klangstruktur in dieser Art beachtet wird.

Zwei relativ kurze Kompositionen waren das. Hengelbrock hätte es damit bewenden können. Aber er erläuterte dem Publikum, dass diese Sinfonie bei der Uraufführung nach jedem Satz mit Bei- und Missfall bedacht wurde, allein dadurch länger dauerte. Er verlängerte deshalb das Programm durch den Finalsatz aus Antonín Dvořáks Achter Sinfonie, ein wirkungsvoller Abschluss eines besonderen sinfonischen Abends. Auch Dvořák war ein Bewunderer von Brahms.  

Titelfoto: Igor Levit (c) Felix Bröde

 

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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