Foto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Quadro Nuevo brachten die nostalgische Atmosphäre der Tanzsäle Buenos Aires nach Lübeck – und das Publikum zum Schwelgen

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Kann man sich das antun? Einen ganzen Abend lang Tangomusik (und nicht einmal Platz zum Tanzen zu haben)? Man kann, dachten sich so viele, dass das Kolosseum am 20. Februar aufgrund von Überbuchung noch ein paar Zusatzstühle bereitstellen musste.

Denn es war nicht irgendeine Band, es waren Quadro Nuevo, verstärkt durch den Pianisten Chris Gall, die nach einem nachmittäglichen Kinderkonzert abends den Tango nach allen Regeln der Kunst vor den begeisterten Gästen zelebrierten. Viele Tangos handeln von der Abwesenheit eines geliebten Menschen, der Sehnsucht, häufig gar unerfüllten Sehnsucht nach ihm. Im wunderschön gestalteten Booklet ihrer aktuellen CD TANGO schreiben die Chiemgauer zu dem Titel Canción de Ausencia: „… Eine einfache Melodie, getragen von hohlen Akkorden des Bandoneons, die kein Instrument weltverlorener spielen könnte. Ein kurzer Ausflug nach Dur, Hoffnung, dann zurück in eine Melodie des Leidens. Wie schön kann doch gelegentlich Melancholie sein!“ 

Dieser Quintessenz huldigten Mulo Francel (Saxophone, Klarinetten, Mandoline), Andreas Hinterseher (Akkordeon, Vibrandoneon, Bandoneon), D.D. Lowka (Kontrabass, Percussion) und Evelyn Huber (Harfe, Salterio) gut drei Stunden, diesmal unterstützt vom Pianisten Chris Gall, der mir berichtete, dass er erst durch die vier zum Tango gekommen sei: „Ich selbst hab mich schon immer für lateinamerikanische und südamerikanische Musik interessiert, aber eher brasilianisch, war auch schon sehr oft in Brasilien und hab viel mit einheimischen Musikern gespielt und war auch auf Tourneen. Dann kamen Quadro Nuevo auf mich zu, die wussten wahrscheinlich von meiner Affinität zur südamerikanischen Musik und haben mich in ihre Pläne eingeweiht, ein Tangoprogramm zu starten oder zu probieren. So kam's auch zu den ersten Versuchen und wir haben uns alle gemeinsam in die Musik hineingearbeitet und natürlich viele Aufnahmen gehört. Letztendlich waren wir auch gemeinsam zwei Wochen in Argentinien, in Buenos Aires, um von Grund auf zu erleben, wie dort der Tango heutzutage gespielt wird.“

Foto: Nicolaus Fischer-BrüggemannFoto: Nicolaus Fischer-Brüggemann

Diese Erlebnisse des Januars 2014 brachten das mit vielen Preisen dekorierte Ensemble auch nach Lübeck, in Musik und Wort, ja auch in Wort, denn ich kenne keine Band, die sich fast einen Wettstreit um die längste, charmanteste, schönste und amüsanteste Zwischenmoderation liefert. Da wird dann über Taxifahrer berichtet, die ihnen alles über den Tango (Stop and Go, so würden sie ihn jetzt auch spielen) beigebracht haben, und speziell über einen, der nicht nur das Quintett, sondern auch mehrere Weinflaschen für zwei Stunden durch Argentiniens 15-Millionen-Metropole fuhr, viel erzählte und zwischendurch den einen oder anderen Wein kostete und anbot, über die Verbannung des Saxophonisten auf das Dach eines 17-stöckigen Hauses, über die Entstehung der Musik zum Film Being John Malkovich, einen Hafengeier und, und, und. Sogar fast „politisch“ wurde Francel einmal, indem er kurz darüber räsonnierte, dass durch die Begegnung unterschiedlicher Kulturen mehr Bedeutendes geschaffen wurde (siehe Brahms) als durch die Abschottung einer „reinen“ Kultur.

Die Musik war vielfältiger, als vielen beim Wort Tango einfallen wird: Klar, da sind die unterschiedlichen Komponisten wie beispielsweise Gardel, Rodriguez und Piazolla, an dem sich in Argentinien (aber nicht bei Quadro Nuevo) die Geister scheiden, neben den Eigenkompositionen der Bandmitglieder, und da sind die abwechslungsreichen, spannenden und faszinierenden Interpretationen der Dauertourer (der Emsigste, Mulo Francel, hat weltweit bestimmt schon 3.000 Konzerte gespielt), die großartige Technik und das fast perfekte Zusammenspiel, das an diesem Abend gleichfalls Raum für Neues, bisher von der Gruppe nicht Gehörtes bot. Das Quintett spielte bisweilen freier, jazziger als die letzten Male, vielleicht ein Einfluss Chris Galls, der aus dem Jazz kommt, und der Gruppe, zumindest was diesen Abend und dieses Genre anging, gut tat (wobei das eine Verbesserung auf sehr hohem Niveau ist und die herausragende Qualität Francels, Hubers, Lowkas und Hintersehers in keiner Weise schmälern soll).

Herzschmerz für „Lebensläufe mit einem Knick“ (Mulo Francel) wollten die begeisterten ZuhörerInnen noch drei Zugaben länger hören (darunter auch mal etwas anderes als einen Tango: Die Reise nach Batumi, vielleicht eines der meistgespielten Stücke, dieses Mal in der extended version), bevor sie beseelt und mit signierten Tonkonserven ins nächtliche, verregnete Lübeck hinaustraten.

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Fotos: Nicolaus Fischer-Brüggemann

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