Neujahrskonzert 2016 für Freiheit, Frieden und Solidarität

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Freiheit, Frieden und Solidarität, das sind die Werte, die Europa seit 1972 in der gemeinsamen Hymne beschwört und in Beethovens Melodie zu Schillers Hymne An die Freude Klang werden lässt.

Sie, die dem großen Finale von Beethovens „Neunter“ die Weihe gibt, wird deshalb nie als reines musikalisches Kunstwerk mehr zu hören sein, immer schwingt der idealistische Gehalt mit. Nach dem Willen von Lübecks Generalmusikdirektor Ryusuke Numajiri sollen seine Lübecker Philharmoniker alljährlich das Lübecker Kulturleben mit dieser Sinfonie eröffnen. So geschah es schon im letzten Jahr und viele Jahre davor, da allerdings immer im Wechsel mit Leichtfüßigerem. Das hätte man sich in diesem Jahr wohl eher gewünscht, denn der strenge Ernst, Schillers hoffnungsvolle Utopie in Beethovens Klanggewand, stand allzu sehr in Kontrast zur Realität. Mancher Besucher hatte wohl die nächtliche Anschlagsdrohung in München im Kopf, zudem den Mangel an Solidarität in Europa. Vieles zeigt, dass wir noch allzu weit von Schillers hymnischem Versprechen entfernt sind, dass „alle Menschen Brüder“ werden.

Und auch die Aufführung in der Rotunde der MuK hatte ganz prosaisch ihre Tücken - trotz redlicher Bemühungen um bessere Akustik. GMD Numajiri schien in seiner Interpretation von vornherein den Schlusssatz mit seiner Apotheose im Sinne zu haben, denn er dirigierte nur mit den Händen, wie es für den Chorgesang üblich ist. Allerdings verweigerte die trockene Akustik des Raumprovisoriums eine gesangliche Wiedergabe der instrumentalen Sätze. Im ersten Satz waren die von Numajiri straff geführten Lübecker Philharmoniker überdeutlich im Klang gespalten. Die Farben mischten sich kaum. Zudem klang die Dynamik flächig, die Akzente immer gleich. Eine engere Sitzweise hätte möglicherweise eine stärkere Verschmelzung und einen wärmeren Eindruck gebracht. Das widerborstige Scherzo, der zweite Satz, lief in seiner Motorik und klanglichen Sprödigkeit leer, während sich im dritten Satz mit seiner himmlischen Länge Streicher und Hörner mit den Holzfarben gut vereinten, auch dank der überragenden Fähigkeiten der Instrumentalisten.

 

Ziel ist immer der Finalsatz, den Numajiri mit expressivem Forte begann und mit kontrastiver Dynamik dialogisch aufbaute. Das führte ganz direkt zu dem zurechtweisenden Einwurf des Baritons, „nicht diese Töne“ anzustimmen. Gerard Quinn gestaltete das mit seiner beweglichen Charakterisierungskunst imponierend. Zu seiner Stimme fügten sich der warme Alt von Annette Hörle und der agile und helle Tenor von Daniel Jenz sehr schön zusammen. Carla Filipcic Holm schließlich, Sopran im Solistenquartett, verfügt über eine klangmächtige dramatische Stimme, die sie als Gast am Theater wunderbar einsetzen konnte. Hier dominierte sie in der direkten Akustik des Raumes zu sehr.

Die gewaltigen Chorteile erhielten durch drei Singgruppen eine große Wucht. Wie im letzten Jahr fanden sich der Theater-Chor (Einstudierung: Jan-Michael Krüger), die Singakademie (Gabriele Pott) und die St. Lorenz-Kantorei (Hans-Martin Petersen) zusammen. Sehr direkt klang das, da hier wiederum der wärmende Nachhall fehlte, den der große Saal geboten hätte. Auch aus diesem Grunde wäre ein anderes Programm dem Raum angemessener gewesen.

Dennoch hatten die Lübecker Philharmoniker unter GMD Ryusuke Numajiri einen überwältigenden Erfolg. Der lange Beifall zeigte, dass die Musik Beethovens wieder einmal ihre Wirkung nicht verfehlt hatte. 

Nur ein „Bürgerrecht auf Kultur“?

Was in der Vergangenheit das Neujahrskonzert der Lübecker Philharmoniker besonders bedeutsam machte, war, dass hier die Kultur zugleich den Reigen der Neujahrsempfänge eröffnete, ihre Vorrangstellung damit für Lübeck hervorgehoben wurde. Offensichtlich sind bereits seit ein paar Jahren die Redner abhandengekommen. Hat man in diesem Jahr den Versuch gestartet, noch vor dem Konzert dem Wort einen Auftritt zu geben? Das bekam zunächst Ilona Jarabek, seit der plötzlichen Schließung des Konzertsaales geplagte Geschäftsführerin der MuK. Sie verbreitete sympathischen Optimismus: „Wir werden die Aufgaben meistern!“ Grund hat sie, denn bis jetzt ist es ihr überzeugend gelungen, zusammen mit ihrem Team aus der Rotunde einen halbwegs akzeptablen Konzertsaal zu machen. Das bezeugte eingeschränkt auch dieser Abend. Und auch GMD Numajiri dankte für „breite Unterstützung“, bevor er vor sein Orchester trat. Seine Lübecker Philharmoniker haben besonders unter dieser Situation zu leiden, war doch einst der Konzertsaal als Heimstatt für sie gebaut.

Dazwischen führte Kathrin Weiher, Lübecks Kultursenatorin seit einem Jahr, in einem umfangreichen Parforcegang durch Lübecks kulturelles Angebot, von freien Theatern zu Museen und vielem anderen. Das aber musste ein auf die „Neunte“ wartendes großes Auditorium langweilen. Dass die Kultur so vielseitig ist, kann die Senatorin zu Recht bewundern, dass aber für Lübeck und darüber hinaus für den Norden die MuK ein unersetzlicher Konzertraum ist, kam da arg kurz weg. Immerhin ist sie Ergebnis einer einmaligen, auch einmalig erfolgreichen Bürgerinitiative. Wer sich noch an den mediokren Lübecker Konzertbetrieb in der Stadthalle an der Mühlenbrücke erinnern kann, wer erleben durfte, wie sich alles steigerte, auch die Qualität des Lübecker Orchesters, wer sehen konnte, wie NDR und SHMF, wie auch viele andere Veranstalter die Halle zu nutzen lernten, der kann ein allgemeines Statement wie das vom „Bürgerrecht auf Kultur“ nur kopfschüttelnd hinnehmen. Die Halle ermöglicht erst einem kulturellen Zentrum Norddeutschlands mit einer international renommierten Musikhochschule ein würdiges Kulturleben. Da hätte man ein ganz klares Bekenntnis für ihr Fortbestehen von Lübecks Kultursenatorin erwartet, kein nüchternes Abwägen, indem auf Kosten verwiesen wird. So lassen sich die Politikerkollegen nicht in die Pflicht nehmen! 

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Foto: (c) Olaf Malzahn


Fotos: (c) Olaf Malzahn

 

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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