Auch Klassik kann höchst unterhaltsam sein
so beim Dezember-Konzert des NDR Sinfonieorchesters

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Klassische Konzerte werden in der Rotunde der MuK immer mehr zu einem vollgültigen Erlebnis. Blenden an den Fenstern zur Straße hin und eine halbrunde Wand hinter der Orchesterempore verhindern neuerdings optische Störungen, und auch die Akustik hat sich noch einmal durch diese Wand verbessert.

Dass das Provisorium damit nicht zum Dauerzustand werden kann, wissen alle. Und es gibt Hoffnung. Die Planungen konkretisieren sich. Bis Ende 2018 soll die Misere, durch Pfusch am Bau und hinausgeschobene Renovierungen entstanden, beendet werden. Im Vordergrund steht dabei, den Konzertsaal schnell wieder verfügbar zu machen.

Bei manchen Auftritten spielt die Rotunde sogar im Sinfonischen vorzüglich mit, so bei dem dritten Konzert vom NDR (11. Dezember 2015). Geleitet wurde es von Krzysztof Urbański, erstmalig in seiner Funktion als Erster Gastdirigent beim NDR. Mehrmals hatte er schon in der MuK das Publikum beeindruckt, und auch die Jury, die ihm in diesem Jahr den renommierten Leonard Bernstein Award zuerkannte. Bei dem Festakt im Juli dirigierte er das SHMF-Orchester mit Chopin und Strawinsky. Jetzt hatte er wieder ausschließlich osteuropäische Musik mitgebracht, Komponisten oder Werke, die für sich schon die Publikumsgunst besitzen. Der Dirigierstil des 1982 in Polen Geborenen ist weich, doch präzise, inspiriert die Musiker merklich. Auch die Gesten, mit denen er besonders gelungene Passagen belohnt, nehmen für ihn ein, sind auch vom Publikum in der Rotunde wegen der großen Nähe zu den Ausführenden gut zu beobachten. Sie zaubern so manchem Musiker ein Lächeln ins Gesicht. Und nicht zuletzt ist es Urbańskis äußeres Erscheinungsbild mit seiner eigenwilligen Frisur, die schon Markenwert hat. Alles wirkt zusammen und erhöht die Aufnahmebereitschaft beim Publikum, weil sie Ohr und Auge bedient.

 

Wenn auch der erste Programmbeitrag, das Heldenlied, wenig bekannt ist, der Name des Komponisten Antonín Dvořák zieht auch so. Vorlage für seine sinfonische Dichtung ist, wie er in einem Brief bekannte, mehr ein „Geistesheld, ein Künstler“, also kein äußerlicher Ablauf. So fehlt, was der Titel vermuten ließe, diesem Helden alles Martialische oder Gloriose, dafür gibt es beseelte, rhythmisch abwechslungsreiche, teils auch volkstümliche Melodik, deren Schmelz sich wunderbar vermittelte. Der Dirigent hatte alle Ruhe, eindringlich musizieren zu lassen, zumal er hier und auch sonst auswendig dirigierte.

Dmitrij Schostakowitsch, der tiefgründige Gestalter eines inneren Widerstandes gegen ein autoritäres System, ist in der Klassikszene beim großen Publikum angekommen. Das Unterhaltsame, die andere Seite seines Schaffens, präsentiert sein 1933, noch vor den Schreckenszeiten der Stalin-Ära komponiertes Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester. Dessen überschäumende Vitalität und die geistreichen Anspielungen auf Stile und Komponisten in Thematik und in Gestaltung ist ein mitreißender, zugleich geistreicher Spaß. Die Finessen dieser Partitur aufzuspüren, gelang Dejan Lazić, 1977 in Kroatien geboren und in Österreich aufgewachsen, überzeugend. Mit ihm hatte man einen Pianisten gefunden, der zugleich auch eigenwilliger Komponist ist, eine gute Voraussetzung, einen solchen Notentext umzusetzen. Zudem stand ihm in dem Solotrompeter des Orchesters, in Guillaume Couloumy, ein versierter und virtuoser Bläser zur Seite. 1979 in Frankreich geboren, ist er heute Dozent an der Musikhochschule Lübeck. Sein Soloauftritt hier hatte daher eine Art Heimspielcharakter.

 

Nach diesem großartig musizierten Stück noch etwas zu toppen, war schwer, gelang Urbański und dem Orchester aber noch mit Modest Mussorgskys Bilder einer Ausstellung in Ravels Orchestrierung. Auch hier hatte Urbańskis Auffassung großes Format. Sehr ruhig nahm er den Hörer in den Promenaden von Bild zu Bild mit, fast bedächtig, um sich dann den Klanggemälden umso intensiver hingeben zu können, dem bizarren Gnom, dem rumpelnden Ochsenkarren im Bydlo mit dem großartig geblasenen Tubasolo oder dem grotesken Streit zwischen Samuel Goldenberg und Schmuyle. Die überwältigende Klangfülle des Großen Tores von Kiew riss das Publikum dann zu lautstarkem Beifall hin, der auch einem Popkonzert Ehre gemacht hätte.

Foto: (c) Olaf Malzahn

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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