(c) Olaf Malzahn

Haydn, Wagner und Brahms
3. Sinfoniekonzert der Lübecker Philharmoniker

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Wagner und Brahms in einen Programmablauf zu stellen, macht Sinn: hier der elegische Dramatiker, dort der tiefgründige Grübler. Nur 20 Jahre trennen sie vom Alter her und ca. 25 Jahre die Erstaufführungen ihrer Werke. Dennoch liegen spannungsvolle Welten zwischen den beiden Komponisten, die Joseph Haydn mit seinem Trompetenkonzert im dritten Sinfoniekonzert der Lübecker Philharmoniker (29. und 30. November 2015) auf Distanz zu halten hatte.

Wagners Vorspiel und Liebestod aus Tristan und Isolde, das ältere Werk, eröffnete. Für den Abschluss mit Brahms hatte GMD Ryusuke Numajiri die letzte von dessen vier Sinfonien gewählt. Kannte man Numajiri bislang als einen eher zupackenden, antreibenden Dirigenten, erlebte man hier einen Orchesterleiter in großer Ruhe, dennoch mit starkem Gestaltungswillen vor allem im Melodischen. Bereits der Beginn des Tristan-Vorspiels hatte ein bezwingendes Pianissimo, effektvoller Ausgang für die großen Steigerungen. Das behutsame und auch gleichmäßig durchgeführte Tempo allerdings hinderte, dass sich der leidenschaftliche Charakter im Vorspiel bei den drängenden Motivsteigerungen entfalten konnte. Stärker entwickelte sich der entrückte Ausdruck im Liebestod, den die einheitliche Gestaltung besser einfing.

Zu Johannes Brahms „Vierter“ passte der Herbsttag, dessen Grau durch die Glaswände der Rotunde hereinblickte. Auch hier wurde klar, dass der GMD sich auf den grübelnden Brahms einlassen wollte. Das gelang mit einem sorgsamen, dem Melos von Brahms nachspürenden Tempo. Von großer Dichte war der zweite Satz, schon im differenzierten Beginn und dann mit den wunderbar klingenden Celli im zweiten Thema. Auch der dritte Satz traf den Charakter des Komponisten in seinem widerborstigen und sarkastischen Ton. Ein wenig zu weich war dann die Gestaltung des Finalsatzes. Als „energico e passionato“ charakterisiert Brahms sein Allegro. Aber die vielfältige thematische Arbeit, das kontrapunktische Geschehen behandelt der Dirigent zu ehrfürchtig.

Mit Haydns Trompetenkonzert hatte man einen klassischen Selbstgänger im Programm. Und der Solist, der Badenser Reinhold Friedrich, fügte durch seine mitreißende Spiellust ein Übriges hinzu, das Publikum zu gewinnen. Natürlich stand sein Spiel, sein Instrument im Vordergrund, auch wenn er selbst über die Kraft seines Anfangstons erschrak. Die Akustik in der Rotunde zwang ihn sofort, die Dynamik zurückzunehmen. Aber ein Routinier wie er, der alle Spielarten seines Instrumentes beherrscht, war dazu ohne Substanzverlust fähig. Und auch über kleine Schnitzer half sein gewinnendes Lächeln hinweg. Das Publikum applaudierte lang, und Friedrich dankte auf einer Piccolotrompete mit einem Renaissancestück, einer reich verzierten Branle de Champaigne.

Foto: (c) Olaf Malzahn 

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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