Florian Christl beim Videodreh zu 'Fly' (c) Lukas Budimaier

Playlist für den Frühling
Inspiration, Aufbruch, Leben

Jennifer BalthasarVon

Die Tage werden wieder länger, die Natur um uns herum erwacht, auch unter einer Decke aus Eis und Schnee. Laut Kalender sind es noch drei Wochen bis zum Frühling, bei den Meteorologen beginnt er allerdings schon heute. Zeit für eine neue Playlist.

Inspiration

So heißt das Debütalbum des jungen deutschen Pianisten und Komponisten Florian Christl, das diesen Monat erscheint. Die vorab veröffentlichte Single „Fly“ klingt nicht nur wie der aufkeimende Frühling, das Video liefert auch eindrucksvolle Bilder von der erwachenden Natur in einem Hochmoor in den österreichischen Alpen. Und mittendrin der Künstler mit seinem Klavier.

Florian Christl: Fly – Single, Sony Classical, 19. Januar 2018, Amazon, iTunes




Aufbruchsstimmung

 Der Song „No Gold“ von Norma Jean Martine mag im ersten Moment wehmütig stimmen, markiert jedoch einen Neuanfang. Die Sängerin verabschiedet sich von ihrer Heimatstadt Middletown in der Provinz des US-Bundesstaats New York und zieht in die Welt hinaus, um dort ihr Glück zu suchen. Für einen Popsong aus den Charts ungewohnt tiefsinnig.

Norma Jean Martine: No Gold aus dem Album Only In My Mind, Vertigo/Capitol (Universal), 2016/2017, Amazon, iTunes




Frühlingserwachen

 Yirumas Klavierballade „River Flows In You“ scheint wie für den Frühling geschrieben. Sanft und ermutigend mit aufstrebenden Tonfolgen zeichnet sie das akustische Ebenbild der aufblühenden Natur und regt das innere Auge zum Mitträumen an. Man kann sich bildlich vorstellen, wie die Bäume ihre Zweige der Sonne entgegenstrecken und sich nach und nach die Blüten öffnen.

Yiruma: River Flows In You aus dem gleichnamigen Album, Zeitgeist/Stomp Music/B1M1 Recordings, 2000/2011, Amazon, iTunes




April, April

 Es ist wie Regen an deinem Hochzeitstag, singt Alanis Morissette in ihrem Hit „Ironic“. Das kann im April schon passieren. Die Akustik-Version ihres Songs, die Morissette zehn Jahre nach ihrem Durchbruch aufnahm, wirkt entspannter als das Original, geradezu zeitlos. Übrigens hat die Sängerin auch ein Wort im Liedtext geändert. Sie reagiert damit auf die neu etablierten Beziehungsformen. Ironischerweise trifft sie nun nicht mehr auf die Ehefrau ihres Traummanns, sondern auf dessen Ehemann.

Alanis Morissette: Ironic (Acoustic Version) aus dem Album Jagged Little Pill (Acoustic), Maverick (Warner Music), 24. Mai 2005, Amazon, iTunes 


Wechselbad der Gefühle

 Schaffe ich die Prüfung? Soll ich das Projekt wirklich wagen? Liebt er mich? Der Frühling wirbelt so einiges auf, in der Natur wie im Gefühlsleben. Luis Berras „Between Two Winds“ hilft, die Wogen zu glätten. Nach abwechslungsreichen Kinder- und Jugendjahren folgte der Pianist mit italienisch-argentinischen Wurzeln seinem Herzen und ließ sich in Deutschland, der Heimat seiner Frau, nieder.

Luis Berra: Between Two Winds aus dem Album Piano Creatures, 1631 Recordings, 12. Mai 2017, Amazon, iTunes


Entfaltung

 Die Entwicklung und das „Werden“ im weiteren Sinne bestimmen die Natur zu dieser Jahreszeit. Man kann das Aufbrechen von Knospen beobachten, das Entrollen von Blättern, und auch das Wachstum an sich lässt uns staunen. Ähnliche Gedanken müssen Ludovico Einaudi zu „Divenire“ inspiriert haben, einem seiner bekanntesten Stücke. Eindrucksvoll illustriert er darin die sich langsam aufbauende Dynamik des Entfaltens. Der Live-Auftritt in der Londoner Royal Albert Hall unterstreicht die wahre Größe dieses Prozesses.

Ludovico Einaudi: Divenire aus dem gleichnamigen Album, Decca (Universal), 2006 sowie dem Doppelalbum Islands – Essential Einaudi, Decca (Universal), 2011, Amazon, iTunes


Leidenschaft

 Scheint die Sonne schon morgens durchs Fenster, setzt das oft ungeahnte Energiereserven frei und bringt uns dazu, mit dem Herzen bei der Sache zu sein. Joe Yamadas „Heartfelt“ besitzt eine ähnliche Wirkung. Die Klavierballade ist der passende Stimmungsaufheller, sollte die Sonne einmal hinter den Wolken verschwunden bleiben.

Joe Yamada: Heartfelt aus dem gleichnamigen Album, Cascade Records, 2001/2007, Amazon, iTunes


Liebe

 Alte Musik auf einer modernen Playlist? Genau! Auch zu Zeiten des Barock gab es Popmusik, die sehr ähnlichen Gesetzmäßigkeiten folgte wie die heutige. Wenn man die Lieder vom Staub der Zeit befreit, wie es Marco Beasley auf dem Album „Meraviglia d’amore“ (CD-Review: https://www.unser-luebeck.de/magazin/musik/cd-reviews/6172-marco-beasley-private-musicke-pierre-pitzl-meraviglia-d-amore-im-labyrinth-der-liebe) tut, fügt sich „Già risi“ nicht nur nahtlos in die vorliegende Musikauswahl, sondern ergänzt sie auch um tiefe Gefühle und eine wunderschöne Stimme.

Marco Beasley, Private Musicke & Pierre Pitzl: Già risi aus dem Album Meraviglia d’amore, Accent, 05./26. Mai 2017, Amazon, iTunes


Träumerei

 Nicht nur Krokusse und Tulpen, auch Primeln, Narzissen und andere Schönheiten bezaubern mit ihrer Blütenpracht. Zwar hatte Ed Sheeran in seinem Song „Shape of You“ keine Blumen, sondern eher weibliche Formen im Sinn, doch auch die Schönheit der Natur kann zum Träumen verleiten – besonders wenn der Anblick des Blütenmeers mit atmosphärischer Klaviermusik untermalt wird, z. B. mit Max Arnalds Instrumentalversion des oben genannten Hits.

Max Arnald: Shape of You (Piano Instrumental) aus dem Album Piano Covers, Classical Acoustica, 15. Oktober 2017, Amazon, iTunes


Frühjahrsblues

 Obwohl im Frühling alles aufwärts strebt, bleiben Stimmungstiefs meist nicht aus. In ihrem Klassiker „Small Blue Thing“ fängt Suzanne Vega eine charakteristische Form der Melancholie ein, die uns als Frühjahrsblues vertraut ist. Und natürlich darf die „Mutter des MP3-Formats“ auf einer Playlist wie dieser nicht fehlen. Es war einer ihrer Songs, der vor 30 Jahren als erstes Musikstück mit Hilfe der neuen Technik gespeichert wurde und als Modell für deren Klangoptimierung diente.

Suzanne Vega: Small Blue Thing aus dem Album Close-Up, Vol. 1 – Love Songs, Amanuenis Productions/Cooking Vinyl, 2010/2016, Amazon, iTunes


Lebensfreude

 Was passiert, wenn man ein klassisches Streichquartett von Dur nach Moll verschiebt, den Rhythmus eines modernen Werks darüberlegt und das Ganze mit einem Schuss Rolling Stones-Würze versieht? Chilly Gonzales hat es ausprobiert: Es entsteht das passionierte Stück „Advantage Points“, das der Pianist und Entertainer zusammen mit dem Hamburger Kaiser Quartett eingespielt hat (Rückblick SHMF 2017: https://www.unser-luebeck.de/magazin/musik/rueckblicke/6237-chilly-gonzales). Das Video zeigt neben den Musikern ein amüsant-makabres Duell aus früheren Zeiten.

Chilly Gonzales: Advantage Points aus dem Album Chambers, Gentle Threat/Indigo, 20. März 2015, Amazon, iTunes


Zugabe

 Eine ähnliche Dynamik wie „Divenire“ entfaltet Ludovico Einaudis „Ancora“, dessen Titel so viel bedeutet wie „noch“ – ein Verlangen nach Mehr. Die zwölfminütige Klavierballade scheint alle positiven Emotionen in sich zu vereinen. Ihre Wirkung ist sowohl anregend und motivierend als auch beruhigend, entspannend und meditativ.

Ludovico Einaudi: Ancora aus dem Album Una Mattina, Ludovico Einaudi/Decca (Universal), 2004/2014 sowie dem Doppelalbum Islands – Essential Einaudi, Decca (Universal), 2011, Amazon, iTunes

 

Jennifer Balthasar
Jennifer Balthasar
Publizistin M.A., Magisterstudium der Publizistik, Psychologie und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Freiberuflich tätig in den Bereichen Journalismus, Öffentlichkeitsarbeit und Unternehmenskommunikation. Ihre Schwerpunkte bei „unser Lübeck“ sind moderne Klaviermusik, Alte Musik, Weltmusik und Crossovers sowie klassischer und moderner Tanz.
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