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Zwei neue Reise-Bücher

Holger KistenmacherVon

Die beiden Bücher, die ich heute vorstellen möchte, könnten unterschiedlicher kaum sein. Zwar handelt es sich inhaltlich um Reiseberichte, aber sowohl zeitlich als auch die Beweggründe für den jeweiligen Autor für die Rundreisen könnten kaum verschiedener sein.

Einerseits begibt sich Mark Twain im Jahre 1867 gemeinsam mit einer illustren Schar an Pilgern auf eine Rundreise durch Europa und in das Heilige Land, während sich der englische Autor, Fotograf, Musiker und Journalist Johny Pitts in fünf kalten Wintermonaten der Jetztzeit auf die Suche nach dem Schwarzsein quer durch Europa treiben lässt.

Vielen Lesern dürfte Mark Twain hauptsächlich durch seine Abenteuerbücher über Tom Sawyer und Huckleberry Finn bekannt sein. Jetzt gibt es aber im Mare Verlag einen ganz anderen Autor zu entdecken. In einem edel gestaltetem Band im Schuber, versehen mit wunderbaren Zeichnungen, kann man sich mit dem berühmten Autor auf eine wundersame Reise begeben. Eigentlich war die Pilgerreise als Vergnügungsreise mit dem Raddampfer „Quäker City“ im Jahre 1867 als Luxusreise für prominente und reiche Amerikaner gedacht, die aber überwiegend absagten.

Übrig blieb eine Gruppe von etwa 60 bis 70 Personen älterer Jahrgänge, die „eher ans Beten dachte, denn an Unterhaltung an Bord“. „Hinterwäldler und Landwirte“, schreibt Twain, „Langweiler“ nennt sie der Übersetzer in seinem wunderbaren Vorwort. In 50 Reisebriefen berichtete der damals 30jährige angehende Schriftsteller für die Zeitung Daily Alta California über die Abenteuer dieser seltsamen Reisetruppe von den Azoren, quer durch Europa bis nach Palästina. Die daraus geschaffene Zusammenstellung als Buch unter dem Titel „Die Arglosen im Ausland“ wurde sein erfolgreichstes Buch.

Allerdings waren die Original-Manuskripte von ihm selbst und seiner Frau stark überarbeitet und „geglättet“ worden. Vulgäre Ausdrücke, freche Späße und drastische Formulierungen wurden herausgenommen. Slang-Ausdrücke gestrichen und besonders Twains Frau Olivia L. Clemens sorgte dafür, dass zotige Formulierungen und alle Passagen, in denen schöne Frauen vorkamen, zensiert wurden.

Dem Mare-Verlag und besonders dem Übersetzer Alexander Pechmann ist es jetzt zu verdanken, dass die kauzigen, komischen und ziemlich respektlosen Reportagen jetzt im Original, also in der Urfassung ungekürzt und unzensiert als Buch vorliegen. Mark Twain, wie er besser nicht sein könnte: scharfzüngig, bitterböse, treffend, ironisch, frech und gnadenlos ehrlich, manchmal haarscharf an der Arroganz und dem Rassismus vorbei schrammend, aber nie menschenverletzend. Dazu nimmt er sich selbst und besonders seine Mitreisenden auch viel zu gerne einmal nicht ernst und auf die Schippe.

Laut Pechmann war das Buch in mehrfacher Hinsicht als Satire angelegt. Einerseits nahm er den aufkommenden Tourismus in Form der gediegenen Bildungsreise wohlhabender Amerikaner aufs Korn, die zu den touristischen Schönheiten Europas fahren, um überall Souvenirs in Form herausgebrochener Steine und Fresken als kulturelle Andenken zu stehlen. Wobei diese mit amerikanischen Schönheiten eh nicht mithalten könnten. Sein Patriotismus und seine Überheblichkeit konterkarieren dabei schon mal seine Ironie. Zum anderen kritisiert Twain aber auch, wie alles Religiöse im Heiligen Land kommerzialisiert werde. Und das hat sich bis heute weltweit kaum verändert.

Den Augen und Ohren des Autors entgeht auf allen Stationen der Pilger-Tour nichts: Er beobachtet haarscharf, empfindet Stimmungen mit feinsten Sensoren, beschreibt bildlich, anschaulich, lebendig und voller Emotionen, dabei häufig nicht besonders schmeichelhaft für die Bewohner.

Die gesamte Reise beginnt auf den Azoren, wo er die ansässigen Portugiesen als langsam, arm, träge, schläfrig und faul porträtiert. Auch die Türken kommen bei ihm nicht gut weg: „Ich habe noch nie einen Chinesen so sehr gehasst, wie ich diese heruntergekommenen Türken und Araber hasse. Und wenn Russland sich daran machen würde, sie ein klein wenig auszurotten, dann hoffe ich, dass England und Frankreich es nicht für wohlerzogen und klug halten, dem Vorhaben in die Quere zu kommen“.

Solche Passagen würde man heute als eindeutig rassistisch und vom Kolonialismus geprägt anprangern. Andererseits: Würde man die heutige Türkei und die Art und Weise, wie dort mit Kritikern und mutigen Journalisten umgegangen wird oder die staatliche Korruption und die Menschenverletzungen in einigen arabischen Staaten ähnlich scharf kritisieren, käme man der Satire von Twain ziemlich nahe. Irgendwie kommt kaum einer in dem Buch gut weg. Die Orte sind orientalisch, sprich verdreckt und voller Müll und Armut. Die Menschen hässlich und faul, aber dann auch die Frauen: „Sie seien füllig und hübsch und lächelten einen Christen auf eine Weise an, die im höchsten Maße erquickend sei“. Kommen sie in eine neue Stadt, so sind seine ersten Eindrücke oft niederschmetternd: So im italienischen Civitavecchia: „Dieser Ort ist das übelste Nest aus Dreck, Ungeziefer und Ignoranz, in das wir bislang geraten sind“.

Kein Zweifel, Mark Twain hat klare Ansichten und hält damit nicht hinterm Berg. Das ist natürlich nicht immer von Vorteil. Man denke an all die Trottel, die zwar Meinungen haben, denen jedoch das vorherige Beobachten und Denken fehlt. In seinem Fall ist das eindeutig zu begrüßen, da er nicht nur über Verstand, Ironie und Witz verfügt, sondern auch voller eigener Widersprüche ist, was ihn wiederum menschlich macht.

Gleichzeitig muss man bedenken, dass alle Reportagen rasch und planlos in Hotelzimmern, Zelten oder Schiffskabinen entstanden sind. Als Grundlage dienten spontane Begegnungen, kurze Impressionen und ungeplante Missgeschicke. Deshalb wirken sie auch echt, authentisch und pur und sind deshalb schon ein wahres Lesevergnügen. Gleichzeitig sollte man bedenke, dass der junge Mark Twain erst am Anfang seiner schriftstellerischen Karriere stand, hatte er sich bis dahin als Drucker, Lotse, Silbergräber oder Sekretär durchgeschlagen.

Unterwegs mit den Arglosen ist ein großartiger Bericht über das Reisen vor 150 Jahren, voller kleiner Unverschämtheiten über Europa, aber auch voller Staunen und Bewunderung. Aber auch ein Aufruf und eine Anleitung zum intelligenten Reisen, indem er dafür plädiert, sich Zeit zu nehmen: „Man merkt erst wie wunderschön eine wunderschöne Frau ist, nachdem man sie kennengelernt hat; und die Regel gilt für die Niagarafälle, majestätischen Berge und Moscheen - besonders für Moscheen.“

Mark Twain: Unterwegs mit den Arglosen - Die Originalreportagen aus Europa und dem Heiligen Land. Übersetzt und herausgegeben von Alexander Pechmann, Mare Verlag, Hamburg 2021, 528 Seiten, Amazon.

Meine zweite Reise-Reportage stammt aus der Gegenwart und wurde aktuell mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung geehrt. Dabei begibt sich der englische Fotograf und Journalist Johny Pitts auf eine winterliche Reise durch das schwarze Europa. Er selbst ist Sohn einer weißen Arbeiterin aus Sheffield und eines afroamerikanischen Soul-Sängers. Aufgewachsen in Nordengland in einer industriell geprägten Stadt in den Neunzigern hat er sich selbst immer als Europäer betrachtet und nicht als Teil der karibischen Community vor Ort.

„Als der Rassismus in England zunahm, habe ich mich weniger britisch gefühlt als jemals zuvor“, erinnert sich Pitts. Dabei bezieht er sich auf die Phase, in der er die Idee für sein Buch „Afropäisch - Eine Reise durch das schwarze Europa“ entwickelte. Es war die Zeitspanne zwischen der Finanzkrise 2008 bis hin zum Brexit 2016. Bei dieser Reise begab er sich über einen Winter lang auf die Suche nach einer afropäischen Kultur in Europa. Dafür ist er kreuz und quer über den europäischen Kontinent gereist, zumeist mit Bahn und Bus und selten mit dem Flugzeug. Seine Route führte ihn von Brüssel über Paris nach Amsterdam, Berlin, Stockholm, Moskau und Marseille bis nach Lissabon. Es zeigt sich, dass sich die schwarze Identität nicht auf einen Nenner zu bringen ist, sondern sich deren Schönheit in ihrer Mannigfaltigkeit erweist. Obwohl die Reise genau geplant war, sind seine Ansprechpartner meistens Zufallsbekanntschaften.

In Brüssel erfreut sich Pitts über die „leicht verblühte Schönheit“ der Stadt, deren Reichtum tief in der entsetzlichen kolonialistischen Geschichte Belgiens gegründet ist. In Paris folgt er den Spuren James Baldwins und Alexandre Dumas, dessen Großmutter eine schwarze Sklavin war, Eigentum eines französischen Marquis. Als dieser Geld brauchte, verpfändete er einfach die gemeinsamen vier Kinder. Seinen einzigen Sohn kaufte der Adelige später zurück. Dessen Schicksal wendete sich: Er wurde General in der französischen Armee - und Vater des Autors der „Drei Musketiere“. Pitts begab sich aber auch in eine der entlegenen Banlieues, in der ein arabisch stämmiges Subproletariat in einem „Teufelskreis der Hoffnungslosigkeit“ lebt.

In Berlin gerät er in eine „antirassistische Demonstration“, deren Teilnehmer alle weiß sind und in ihrem martialischen Auftreten sich kaum von Rechtsextremisten unterscheiden. Er trifft aber auch im wunderbaren Yam-Club Basketball spielende Kids und Rastafaris, die dort unbeschwert kiffen und tanzen, obwohl ihm ein ghanaischer Koch erzählt: „Europa ist nicht gut für den schwarzen Mann“.

In Moskau, wo früher tausende Afrikaner aus Solidarität mit dem Sozialismus an der berühmten Lumumba-Universität studierten, verstecken sich die heutigen schwarzen Studenten der sogenannten Universität der Völkerfreundschaft in ihren kleinen kalten Wohnungen. Nachts traut sich kaum ein Schwarzer auf die Straße, weil tödliche Übergriffe von Neo-Nazis und Rassisten an der Tagesordnung sind.

Dabei hat selbst der russische National-Dichter Alexander Puschkin schwarze Wurzeln. Sein Urgroßvater Abraham Hannibal war Sohn eines Fürsten im heutigen Grenzgebiet von Tschad und Kamerun. Im Alter von sieben Jahren wurde dieser geraubt und nach Konstantinopel verschleppt, um als Diener des Sultans zu arbeiten. „Unglaublicherweise wurde Abraham von Graf Peter Tolstoi, dem damaligen russischen Botschafter in der Türkei und Großvater von Leo Tolstoi, einem weiteren Giganten der russischen Literatur, dem Sultan abgekauft. Der Botschafter machte den Mohren Zar Peter dem Großen zum Geschenk. Der Zar fand wegen Abrahams großer Intelligenz Gefallen an dem Jungen“. In einer Art Ersatzvaterschaft übernahm Peter die Rolle des Patenonkels, schickte ihn auf die besten Schulen des Landes und zum Studium der Militärwissenschaften in das dekadente Paris. Er wurde Hauptmann und kämpfte für Frankreich unter dem selbstgewählten Namen Hannibal.

Nach dem Tod des Zaren fiel er in Ungnade und wurde nach Sibirien verbannt. Nach drei Jahren kehrte er aber nach Moskau zurück an den Hof, wo er als Generalmajor, Gouverneur und Grundbesitzer als „der schwarze Herr“ bis zu seinem Tod mit 85 Jahren als Adeliger mit eigenem Wappen (mit afrikanischen Elefant) lebte. Er hinterließ eine Art afropäische Dynastie, die er mit Christina Regina von Siöberg aus schwedischen Adel begründete. Sie hatten 10 Kinder, die später Mitglieder des europäischen Hochadels wurden. Davon ist heute nicht viel geblieben. Nicht nur in französischen Banlieues oder den Favelas am Rande von Lissabon wird deutlich, dass Europas multikulturelle Gegenwart nach wie vor von seiner kolonialen Vergangenheit gezeichnet ist. Rassismus und Armut sind Teil des Alltags schwarzer Europäer.

Man lernt viel in Pitts vielschichtigen Buch, wobei er geschickt Reportage und literarischen Essay verknüpft und zu einem zeitgenössischen Porträt eines Weltteils auf der Suche nach seiner postkolonialen Identität beschreibt. Dabei will er die schwarzen Europäer weder zu Superstars erheben, sondern einfach zeigen, dass auch der schwarze Mensch nicht perfekt ist. „Wir sind weder Gangster, die in Ghettos leben, noch Superhelden, die auf alles eine Antwort haben“. Vielmehr gehe es um die Frage, was es heißt, Mensch zu sein.

Johny Pitts: Afropäisch - eine Reise durch das schwarze Europa, Suhrkamp Verlag Berlin, 2021, 461 Seiten, Amazon.

Die Bücher sind in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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