Wie Doris Märtin die wohlhabende Wildkatze in uns weckt
"Habitus: Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben?"

Christoph KrelleVon

Die Armen unten, die Reichen weit darüber – und die Mittelschicht ist so dünn, man sieht sie kaum mehr. Das ist keine kühne Rhetorik, sondern leider belegbare Realität. Die Einkommensschere geht immer weiter auseinander.

Einer Studie im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung zufolge ist heute nicht nur die Einkommensungleichheit in Deutschland deutlich höher als noch vor 20 Jahren. Auch sind die Vermögen sehr viel ungleicher verteilt als die Einkommen. So hat es im Jahr 2013 in Schleswig-Holstein 547 Steuerpflichtige mit einem Einkommen von mindestens einer Million gegeben. Das sind 32 Millionäre mehr als noch im Jahr 2010. Demgegenüber, so eine aktuelle Statistik,ist die Zahl der Steuerpflichtigen, die weniger als das Durchschnittseinkommen verdienen, von 65 auf 66 Prozent gestiegen. Das durchschnittliche Jahresbruttoeinkommen in Schleswig-Holstein liegt nach Angaben des Statistikamts Nord bei 35.443 Euro.

Wo die Ursachen dafür liegen, soll hier nicht besprochen werden. Doch während es einerseits viele Bürger gibt, die angesichts der Ungleichheit lauthals um eine sozialere Politik flehen, gibt es auch solche, die trotz aller Dramatik gelassen bleiben und leise zu hinterfragen versuchen, woran das eigentlich liegt. Stimmt das eigentlich? Kann das sein? Und was hat das mit mir zu tun? Wo verorte ich mich eigentlich? Bin ich arm, reich oder vielleicht eher irgendetwas dazwischen? Bin ich zufrieden damit? Und falls nein: Was kann ich tun, um meine Situation zu ändern?

Wer sich der sozialen Ungleichheit auf diese Weise nähert, der wird mit dem neuen Buch der promovierten Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Doris Märtin reich beschenkt. In „Habitus: Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben?“ geht die Autorin dem Phänomen aus der Perspektive des Individuums, man könnte auch sagen: aus der Perspektive des Bürgers auf den Grund.

Dazu bedient sich die Doris Märtin dem Habitus als Ausgangspunkt. Das sei die Art, wie wir uns in der Welt bewegen. „Jeder hat ihn. Aber nur bei manchen ist der Habitus so ausgebildet, dass er alle Wege ebnet.“ Der Habitus sei Ergebnis und Ausdruck unserer sozialen Position. Er offenbare unseren Rang in der Gesellschaft. Und die zentrale Botschaft, die Märtin liefert, lautet: Es ist theoretisch jedem möglich, über seinen Habitus hinauszuwachsen.

Sie sind reicher als Sie vermutlich denken

Doris Märtin, Foto: (c) Marcus MerkDoris Märtin, Foto: (c) Marcus MerkDie Fachjournalistin Doris Märtin gehörte viele Jahre dem Deutschen Knigge-Rat an und bricht nicht nur mit Klischees und Vorurteilen. Sie regt unterhaltsam dazu an, sich selbst zu reflektieren und zeigt einem – inspiriert von den wirklich Erfolgreichen in unserer Gesellschaft, also der Oberschicht – überraschend realistische Wege auf, wie man seine ganz persönliche Lage nach und nach zum Besseren hin wenden kann. Wie man es schaffen kann, sich von einer Gesellschaftsschicht in die nächsthöhere zu entwickeln - und dass es wirklich möglich ist. Sie macht einem ehrlich Mut. Ja selbst der „Sprung nach ganz oben“, mit dem auf dem Cover opulent und vielleicht auch etwas augenzwinkernd geworben wird, erscheint einem nach der Lektüre gar nicht mehr so abwegig.

Besonders inspirierend an Märtins Abhandlung: Wie reich jemand tatsächlich ist, ergibt sich nicht allein durch einen Blick auf dessen Kontostand. „Das Geld allein gibt nicht den Ausschlag“, konstatiert sie. „Mindestens genauso wichtig für ein bedeutsames Leben, Größe, Einfluss und Erfüllung sind andere Ressourcen.“ – Wer also bislang meinte, „arm dran zu sein“, wird an dieser Stelle dringend aufgefordert, dies noch einmal zu überprüfen!

So unterteilt Märtin das gesamte Kapital, über das ein einziger Mensch theoretisch verfügen kann, in sieben verschiedene Kapitalsorten: finanzielles Kapital, Wissenskapital, soziales Kapital, kulturelles Kapital, sprachliches Kapital, physisches Kapital und psychologisches Kapital.

Dazu erklärt sie: Bei jedem von uns sei das Kapital anders angelegt, anders strukturiert und unterschiedlich hoch. „Manche Menschen sind reich an Geld und Beziehungen. Andere brillieren durch Kompetenz und Kultiviertheit. Wieder andere sprühen selbst dann noch vor Leistungskraft, wenn andere im gleichen Alter schon die Rente planen.“ – Und während „ganz oben“ für gewöhnlich alle Kapitalsorten im Überfluss vorhanden seien, gelte es dagegen für Kinder aus „weniger begüterten Verhältnissen“, sich dasjenige Kapital anzueignen, das sie für ihren individuellen Aufstieg – hin zu ihrem persönlichen Traum vom Glück, den jeder selbst bestimmt – brauchen.

Kurzweilig, pointiert mit Anekdoten der Erfolgreichen

Und wie das gelingen kann, erläutert die Expertin mit Anekdoten prominenter Vorbilder, sie lässt Experten zu Wort kommen, diskutiert und resümiert die Erkenntnisse der soziologischen Forschung. Und obwohl es sich hier um Ratgeberliteratur handelt, enthält das Buch keine vorgefertigten Kniffe, mit denen man in null Komma nichts zum Milliardär wird.

Zum Glück, denn sonst wäre es gewiss nur halb so wertvoll. Stattdessen wird die Vielfalt der Lösungen betont und auch angemerkt, dass sicherlich etwas Glück dazugehört. Denn wer sich auf den Weg nach „ganz oben“ macht, muss wissen, dass er sich damit einer Lebensaufgabe widmet, die unablässig Disziplin, Fleiß und Mut von ihm verlangt. Da kann es nicht schaden, ein so optimistisches wie kluges Buch als intellektuellen Kompass bei sich zu wissen.

 Ganz grundsätzlich möchte ich abschließend vermerken, dass ein jeder Ratgeber nur so gut sein kann, wie man seine Anregungen auch umzusetzen vermag. Es nutzt alles Reden nichts, wenn niemand zuhört und der, der zuhört, muss dem Gehörten dann auch folgen. Sonst wird das leider nichts. So auch hier. Doch dank der fabelhaften Gestaltung des Umschlags, bin ich sicher: Der Leser wird das Buch kaum mehr aus der Hand legen wollen, ehe er zu jener gut situierten Raubkatze geworden ist, die das Leben ganz entspannt durch die getönten Scheiben ihrer Luxusmarken-Sonnenbrille betrachtet.

Doris Märtin: Habitus: Sind Sie bereit für den Sprung nach ganz oben?, Campus Verlag, Februar 2019, Amazon

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

Christoph Krelle
Christoph Krelle
Nicht in Lübeck geboren, aber in Lübeck zum Schreiben gefunden - auch dank "unser Lübeck", für das er seit 2014 in unregelmäßigen Abständen schreibt. Ansonsten Journalist, Autor und Dozent für kreatives Schreiben.
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