Grund dafür ist …
Die Bahn

Christoph KrelleVon

Es gab Zeiten, da hat man sich zu Tode gefürchtet: Der Zug galt als dampfendes Ungeheuer. Als industrialisiertes Monstrum, das wie eine Schlange durch die Landschaft zieht und alle Passagiere in sich umbringt. Heute hingegen hat der Zug ein gesundes Image: Öko-Strom. Gemeinschaft. Preiswert. Wir nennen ihn „Die Bahn“ – ganz liebevoll.

Wovor wir uns heute fürchten, sind nicht mehr die dampfenden Lokomotiven, deren Rauch fast dreifach so lang ist wie ihr ratternder Schwanz. Gibt es so ja auch nicht mehr, jedenfalls nicht im Personenverkehr. Wovor wir heute Angst haben? Zu spät zu sein. Hoffentlich kommt der Zug pünktlich. Und hoffentlich fährt er auch rechtzeitig ab und ist dann auch rechtzeitig da. Nicht auszudenken, wenn der Zug einmal gar nicht kommt, ganz ohne Vorwarnung. Früher hätten sich manche vielleicht noch gefreut. Heute gibt es konsequent keinen mehr, der Verständnis dafür hat, dass ein Zug ausfällt.

Mehr noch, kommt es mir so vor, als würden die Passagiere zunehmend unterstellen, es gäbe keine ernsthaften Gründe für die Verspätungen. „Die Bahn lässt sich auch immer wieder etwas Neues einfallen“, höre ich häufiger. Wie absurd. Neulich setzte sich jemand zu mir, der meinte, genau abgezählt zu haben, dass an dem Tag ein Waggon weniger als sonst in Betrieb wäre – auf der ansonsten gleichen Linie, zur gleichen Uhrzeit. „Verstehen kann man so etwas nicht“, murmelte er und schüttelte den Kopf. Erstaunlich finde ich inzwischen, wie schnell manche bereits zum Smartphone greifen und ihre Verabredung verschieben, nur weil sich die Geschwindigkeit des Zuges etwas drosselt – ja solche Leute warten ja nur darauf, dass die Bahn sich verspätet. Paranoid.

 

Zuzugeben ist aber, dass es wahrlich mannigfaltige Gründe dafür gibt, warum ein Zug sich verspätet. Egal ob nun für fünf Minuten, dreißig oder ein totaler Ausfall, so gut wie alles ist möglich. Nur erweckt das nun den Anschein, diese Gründe wären nicht echt? Ich finde es eher glaubhaft. Glaubhafter als nur zu hören, es läge an den Verspätungen des vorangegangenen Zugverkehrs. Als hätte man es nicht geschafft, da ein paar Minuten aufzuholen. Wobei, auch das kann man ja irgendwie logisch herleiten. So ein Zug ist halt kein Düsenjet. Gefangen auf festgefahrenen Gleisen.

„Meine Damen und Herren, wir haben derzeit eine Verspätung von …“, und dann der schöne Satz: „Grund dafür ist …“ – klingt je nach Dialekt der Zugbegleitung oftmals schon wie eine Melodie. Die haben diesen Satz drauf, ohne ihn jemals auswendig gelernt zu haben. Learning by doing.

 Und dann die Gründe: Verspätete Abfahrt. Signalstörung. Verspätungen des vorangegangenen Zugverkehrs. Vandalismus am Bahngleis. Zugfolge. Warten auf einen bereits verspäteten Zug, der schon früher hätte vor uns fahren sollen. Warten wegen eines entgegenkommenden Zuges. Polizeieinsatz am Hauptbahnhof. Warten auf den Notarzt. Unwetter. Zugausfälle im vorangegangenen Betriebsablauf. Falsche Weichenstellung. Defekt am Bahnübergang. Vorbeilassen eines schnelleren Zuges. Türen schließen nicht. Türen öffnen nicht. Defekt am Triebwagen. Es gibt noch mehr …

„Was sollen denn das immer für Signalstörungen sein?“, raunte jüngst eine quakige Passagierin einer anderen zu. – „Weiß ich auch nicht.“ – „Darunter kann man sich so gar nichts vorstellen, was das sein soll.“ – „Hm ...“ (Schulterzucken)

Hier die Lösung: „Ein Stein hat sich in einer Weiche verkeilt, abgebrochene Äste liegen auf den Gleisen, Hochwasser und Überschwemmungen nach heftigen Regenschauern überfluten die Strecke, LED-Lampen im Signal oder Stelldrähte in einem mechanischen Stellwerk zum Umstellen von Weichen sind kaputt – dies alles kann eine Signalstörung auslösen“, schreibt Die Bahn. Und: „Signale an Gleisen sind wie Ampeln an Straßen: Sie regeln den Verkehr. Sobald ein Signal rot leuchtet, muss der Zug stehenbleiben.“ Fällt nun ein solches Signal komplett aus oder leuchtet aus nicht ersichtlichen Gründen rot, wird gestoppt, bis die Ursache geklärt und die Strecke wieder freigegeben ist. Und abschließend: „Ihre Sicherheit hat oberste Priorität.“

 

Genau die scheint den Leuten, die regelmäßig die Bahn beschimpfen und auf Verspätungen bedingungslos beleidigt reagieren, egal zu sein. Aber ist für solche Leute dann die Bahn überhaupt das geeignete Verkehrsmittel? Hand aufs Herz, was hören Sie lieber? Dass Ihr Zug eine Verspätung hat und es einen Grund dafür gibt? Oder dass Sie pünktlich angekommen sind – Sie dafür aber noch ein letztes Mal umsteigen müssen, in den Leichenwagen?

„Meine Damen und Herren, obwohl wir drei von fünf Waggons verloren haben, ein Teil des Zuges entgleiste und wir trotz Vandalismus am Bahngleis sowie entgegenkommenden Zugverkehrs das Tempo nicht gedrosselt haben, liegen wir gut in der Zeit und erreichen alle vorgesehenen Anschlüsse. Grund dafür ist die von den nun leider verstorbenen Passagieren eingeklagte Pünktlichkeitsgarantie.“

 

Bleiben wir also beruhigt. Haben wir Verständnis. Damit aus unserer geliebten Bahn kein mörderisches Monster wird. Denn die Zeiten sind ja wohl vorbei.

Christoph Krelle
Christoph Krelle
Nicht in Lübeck geboren, aber in Lübeck zum Schreiben gefunden - auch dank "unser Lübeck", für das er seit 2014 in unregelmäßigen Abständen schreibt. Ansonsten Journalist, Autor und Dozent für kreatives Schreiben.
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Kommentare  

# Grüne Bahn ?Railfriend (29.11.2018, 16:36)
Der Bahn-Grünstrom ist leider eine Mogelpackung ohne Klimaschutznutzen.
https://klima-luegendetektor.de/tag/deutsche-bahn/
Bei allem sonstigen technischen Fortschritt passieren in keinem Bahnsystem so viele Menschen- und Tierunfälle wie im elektrischen: in DE im Mittel alle 14 Tage ein Bahnstromunfall, weil mehr Stromschlagschutz den Profit senkt.
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