Peter Nagel: Kunstbetrachtung II, 2019/20, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Stadtgalerie in Kiel
Peter Nagel. 60 Jahre Malerei und Gäste

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Die Stadtgalerie in Kiel feiert den 80. Geburtstag des schleswig-holsteinischen Künstlers.

Anfang der 1960-Jahre rebellierte eine Gruppe von Kunststudenten an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg gegen die abstrakte Malerei. Sie hatten keine Lust mehr auf deutsche Nachkriegskunst, auf Abstraktionen, auf Informel, Tachismus und Action Painting. Sie forderten einen neuen, modernen, zeitgenössischen Realismus. Eine figurative Malerei, welche die Realität ungeschönt darstellt, selbst die gewöhnliche und hässliche Seite.

Zu diesen „Revoluzzern“ gehörte Peter Nagel. Mit einigen Kommilitonen der Hochschule gründete Nagel um das Jahr 1964 die Gruppe ZEBRA. War es ein Zufall, dass zu diesem Zeitpunkt die von Amerika kommende Pop-Art die europäische Kunstszene eroberte? Wie auch immer!

Die Hamburger Gruppe und ihre Künstler wurden schnell über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und als Vertreter einer modernen figürlichen Kunst gefeiert. Ihre Kunst war anders und neu: Weg von abstrakten Doktrinen und Lehrmeinungen, hin zu einer modernen, fast fotografischen Malweise: akkurat und detailgetreu, in kräftigen, kontrastreichen Farben und Formen.

Peter Nagel: Junge mit Kegeln, 1966, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021Peter Nagel: Junge mit Kegeln, 1966, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021Winddrachen, bunte Bälle und Kreisel, farbige Luftballons, Schlauchboote, Möbel und Klettergerüste dominierten die Bildthemen. Tiere, Menschen und Kinder wurden in grotesken Situationen und skurrilen Bildkombinationen dargestellt. Die Bewegungen wirkten steril, fast erstarrt, wie eingefroren. Die neue Malergeneration nutzte die moderne Technik der Fotografie, als Skizze und Bildvorlage.

Das schwarz-weiß gestreifte Zebra wurde zum Symbol dieses Neuen Realismus und zum Synonym für die junge Kunst aus der Hansestadt Hamburg. Im ZEBRA-Manifest heißt es: „Es geht in diesem Moment der Malerei um die komplexe Neuerstellung von Dingen im Bild, um das ABC der Dinge, ohne auf die vorabstrakte Malerei zurückzugreifen.“

Die wichtigste Maxime war also für die Mitglieder von ZEBRA, einen "Neuen Realismus" zu kreieren, der nicht an die Vorkriegskunst anknüpfen sollte. Diesem in dem Manifest postulierten Ziel ist Peter Nagel in seinem Werk bis heute treu geblieben: in seiner eigenwilligen Farbwahl, den wie eingefroren wirkenden Bewegungen, der hohen Plastizität und großen Detailtreue. Wobei er diese Grundaussage in sich ständig ändernden Bildthemen angeglichen hat, indem er Bildkomposition mit freien, spontanen Farbsetzungen auflockerte.

Peter Nagel: Spielkiste I, 1972/73, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Peter Nagel: Spielkiste I, 1972/73, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Vorbei an frühen Farbradierungen und Siebdrucken geht der Besucher in die Ausstellungsräume. Beim Flanieren durch die retrospektiv geordnete Ausstellung entdeckt er Altbekanntes und Neues: Bilder von Kindern. In „Spielkiste II“ von 1976 steckt ein Kind bis zu den Schultern in einer Kiste von kleinen grauen Kugeln. Nur der Kopf schaut heraus, mit vorgestreckten Armen, den nach außen gedrehten Handflächen sieht es aus, als wolle es schwimmen. Ist hier der Überfluss in dem Spielzimmer gemeint, in dem das Kind im wahrsten Sinne des Wortes „schwimmt“? In "Spielkiste I" von 1972/73 sind es sechs Kinder, die anscheinend in bunten Bällen ertrinken. Ist auch dieses Bild eine visualisierte Metapher für den Überfluss an Spielsachen?

Eine völlig neue Sichtweise findet sich in seinen Spätwerken. Neue Bildthemen wie in „Hysterie“ von 1989 oder „Stillleben mit brennendem Buch“ beherrschen seine Malerei. In „Kunststück II (vor Atelierwand), 1987, hängt der Künstler kopfüber schreiend an einer Reckstange, umgeben von Gebrauchsgegenständen. Schafft er den Aufschwung? Kann er sich aus eigener Kraft nach oben ziehen? Verbergen sich hinter diesen Bildern visuelle Existenzängste?

Zu seinen bekanntesten Werken gehört ein in den 1970er Jahren gefertigtes Deckengemälde in der Eingangshalle des Bildungszentrums Mettenhof mit dem Titel „Klettergerüst“. Zu sehen sind acht Kinder, die von oben jede Menge Spielzeuge nach unten zu werfen scheinen: Bälle, Bauklötze, Kugeln und Würfel oder Spielzeuglaste. Erst wenn der Besucher sich im oberen Stockwerk befindet, erkennt er, dass die Gegenstände von der Decke hängen. Eine gelungene Mischung aus perspektivischer Malerei und realen von der Decke hängenden Spielsachen.

Blick in die Ausstellung, Foto: Christel BuschBlick in die Ausstellung, Foto: Christel Busch

Von 1985 bis 2004 war Peter Nagel Professor für Malerei an der Kieler Muthesius Kunsthochschule. Unzählige nationale und internationale Preise sowie Auszeichnungen hat er während seiner Laufbahn erhalten. Die derzeitige Kieler Ausstellung wird von 52 Arbeiten seiner ehemaligen Kunstschüler begleitet. Sie belegen, welchen Einfluss Peter Nagels Lehre auf die nachfolgende Generation hatte.

Die farbenfrohe Ausstellung „Peter Nagel. 60 Jahre Malerei und Gäste“ ist bis zum 30. Mai 2021 in der Stadtgalerie Kiel, Andreas-Gayk-Straße 31, 24103 Kiel zu besichtigen.

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