Der Lohn des Wahrsagers, 1913, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: (c) Philadelphia Museum of Art, Louise and Walter Arensberg Collection

Hamburger Kunsthalle virtuell
De Chirico – Magische Wirklichkeit

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Die Hamburger Kunsthalle präsentiert vom 22. Januar bis 25. April 2021 den italienischen Maler Georgio de Chirico. Aus dem umfangreichen Œuvre des Künstlers werden rund sechzig Meisterwerke vorgestellt, die im Dialog stehen mit Arnold Böcklin, Max Klinger sowie Giorgio Morandi, Carlo Carrà und Alberto Savinio. Wer ist Giorgio de Chirico?

Beeinflusst von der Kunst der Symbolisten, den Schriften Arthur Schopenhauers und Friedrich Nietzsches, entwickelt der Italiener eine rätselhafte und ungewöhnliche Formensprache, die schwer zu interpretieren ist. Die Bildsprache irritiert bereits seine Zeitgenossen, die de Chirico als „Erfinder" der Metaphysischen Malerei enthusiastisch feiern. Der französische Literat und Kunstkritiker Guillaume Apollinaire bezeichnet 1913 erstmals de Chiricos Malereien als "metaphysische Landschaften".

Eigentlich sollte die Ausstellung mit Publikum eröffnet werden. Aber wegen der aktuellen Pandemie-Situation ist nur eine virtuelle Eröffnung und ein Online-Rundgang möglich. "Diese leeren Plätze haben auf einmal dieses Jahr eine unglaubliche Aktualität. Deswegen glauben wir: Es ist die richtige Ausstellung zum richtigen Zeitpunkt … ", so Kuratorin Annabelle Görgen-Lammers.

Die Rückkehr des Dichters, 1914, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: (c) Fondation Aga KhanDie Rückkehr des Dichters, 1914, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021, Foto: (c) Fondation Aga KhanAuf dunkelblau gestrichenen Wänden erstrahlen die berühmtesten Gemälde des italienischen Künstlers. Entstanden um 1909 bis 1919. Sie werden de Chirico, als Gründer der metaphysischen Malerei, in der Kunstgeschichte unsterblich machen. Dennoch, auch heute verunsichern seine Bildmotive den Betrachter: Idealarchitekturen mit Fassaden, hohen Arkaden und leeren Fenstern, menschenleere Stadtansichten und Plätze. Industrieschornsteine und Türme, Züge, Uhren und antike Statuen. Signalisieren sie den Stillstand der Zeit? Sonnendurchflutete Plätze und Straßen mit seltsamen Schlagschatten verdunkeln die Bildkompositionen. Wie erstarrt und eingefroren wirken die Motive: „Die Rückkehr des Dichters", „Der Lohn des Wahrsagers“, „Die Eroberung des Philosophen“, „Der beängstigende Vormittag“, um einige Bilder zu nennen.

Seine Protagonisten sind keine Menschen, sondern „Manichinis“ – mechanische Gliederpuppen mit eiförmigen Köpfen. Gesichtslos, mit teils amputierten Gliedmaßen lehnen sie an Holzgerüsten. Sie sind fast immer in einem Außenraum platziert. Manchmal sind sie Helden der griechischen Mythologie, manchmal deformierte Holzpuppen: „Hektor und Andromache“, „Der Troubadour“, „Der Wahrsager“, „Der Wiedergänger“. Sind sie Symbole für die verkrüppelten Kriegsversehrten und anonymen Toten?

In den Jahren in Ferrara erweitert de Chirico sein Bildvokabular um das Bild-im-Bild-Motiv, ein seit dem 16. Jahrhundert beliebtes Sujet in der Kunstgeschichte: „Metaphysisches Interieur (mit großer Fabrik)“, „Metaphysisches Interieur (mit Leuchtturm)“.

Der Wahrsager, 1914/15, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: (c) The Museum of Modern Art, New York / Scala, FlorenceDer Wahrsager, 1914/15, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: (c) The Museum of Modern Art, New York / Scala, FlorenceGiorgio de Chirico, 1888 im griechischen Volos geboren, verbringt seine Kindheit in Athen. Von daher stammt seine Liebe zur Antike, zu Marmorköpfen und Statuen. Zu antiken Sagen und Mythen, die in einigen Bildern verherrlicht werden. Bereits 1911 nimmt er in Paris an Ausstellungen des Salon d’Automne und des Salon des Indépendants teil. Seine figurative Bildsprache ist neu. Seine Bildkompositionen, egal ob Stillleben oder Landschaftsbild, erregen Aufmerksamkeit und sind finanziell erfolgreich.

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs zieht de Chirico 1915 nach Ferrara, wo er zusammen mit seinem Bruder, der als Musiker und Schriftsteller unter dem Pseudonym Alberto Savinio arbeitet, seinen Militärdienst leistet. In Ferrara lernt er den Futuristen Carlo Carrà kennen. Die drei jungen Männer gründen die „scuola metafisica", eine neue metaphysische Malerei, die pittura metafisica. Eine „...künstlerische Ausdrucksweise, die minutiös realistisch anmutet, dabei jedoch darauf abzielt, Desorientierung, Verstörung und Beunruhigung zu erzeugen, sowie den großen Wahnsinn der Welt und der Dinge zum Vorschein zu bringen".

Nach Ende des Krieges wird er 1919 nach Rom versetzt. Im Februar desselben Jahres zeigt die Galerie „Casa d'Arte Bragaglia" eine Einzelausstellung seiner metaphysischen Kompositionen aus Ferrara. Die Resonanz der italienischen Presse ist vernichtend. „[...] Aber wollen wir uns dabei vorgaukeln, wir können die Bilder von Giorgio de Chirico zu unserem künstlerischen Erbe zählen? De Chiricho – da ist er glücklich dran – besitzt immerhin die besten Absichten, schafft aber keine Malerei", schreibt der Kritiker Orio Vergani. Der Traum vom Siegeszug der pittura metafisica ist, zu mindestens in Italien, für de Chiricho geplatzt. Seine Ausstellungen werden verrissen, seine Kunst nicht verstanden. Um das Jahr 1920 ist die neue Bewegung am Ende.

Die Heiterkeit des Gelehrten, 1914, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: (c) Digital image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, FlorenceDie Heiterkeit des Gelehrten, 1914, (c) VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: (c) Digital image, The Museum of Modern Art, New York / Scala, FlorenceDagegen wird die metaphysische Malerei aus Ferrara über Reproduktionen in der Zeitschrift „Valori plastici" europaweit bekannt. Mit seinen revolutionären Bildkompositionen inspiriert der Italiener die Avantgarde des Surrealismus, Dadaismus und der Neuen Sachlichkeit: Renè Magritte, Salvator Dali, Max Ernst, Kurt Schwitters, Oskar Schlemmer und andere.

In Paris, zehn Jahre später, kommt es in seinem Schaffen zu einer Zäsur. Vielleicht aus Frust oder Enttäuschung wendet sich de Chirico von der Pittura metafisica ab und wieder dem akademischen Malstil zu. Er kritisiert die moderne Malerei und kehrt - nicht sehr erfolgreich – zur barocken Malweise zurück. Um zu überleben, fälscht er eigene Bilder oder variiert seine alten Motive. Von 1939 bis zu seinem Tod lebt de Chirico wieder in Italien. Er stirbt am 20. November 1978 in Rom.

De Chirichos Stellung in der Malerei des 20. Jahrhunderts sei zwiespältig, schreibt Ende der 1980er-Jahre der Kunsthistoriker und Kritiker Wieland Schmied. Im deutschen Sprachraum sei er nie so richtig populär geworden. Liegt das an der kalten Ästhetik der Bilder, oder an seinen verrätselten Bildelementen, die an irreale Traumwelten erinnern und die Betrachter irritieren? Eine Interpretation fällt schwer, denn die dargestellten Objekte ergeben keinen logischen Sinn. "Diese Bilder lassen uns Rätsel erkennen, Lösungen geben sie uns nicht", so Wieland Schmied.

Hier geht es zur Website der Hamburger Kunsthalle mit dem Video der Eröffnung, Infos und Rahmenprogramm: www.hamburger-kunsthalle.de/ausstellungen/de-chirico

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