Skulptur der Meerfrau Sedna von Isaak aus Sanikiluaq, Kanada, um 2015, (c) Völkerkundesammlung Lübeck

Ausstellung im St. Annen Museum
„Nordwärts - Südwärts. Begegnungen zwischen dem Polarkreis und Lübeck“

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Es ist unglaublich, was für Schätze in den Depots der Lübecker Museen schlummern. Die Völkerkundesammlung - zur Zeit noch ohne festen Wohnsitz - ermöglicht mit der aktuellen Ausstellung Einblicke in die nördlichen Polarregionen: Skandinavien, Sibirien, Grönland, Kanada und Alaska.

Mit über 200 Objekten aus traditioneller und moderner Kunst, Fotografien und Videos, Kleidung, Haushaltswaren, Musikinstrumenten und Jagdwaffen sowie Ritualgegenständen ermöglicht die Sammlung spannende Sichtweisen auf nördliche Kulturen. Reiseberichte und Musik geben ergänzende Einblicke und zeugen von der gegenseitigen kulturellen Befruchtung der Hansestadt Lübeck und den Nordländern. Aber was genau verbindet Lübeck, mit den indigenen Gemeinschaften der Arktis, den Samen und Inuit?

Polares Leben – das bedeutet lange Dunkelphasen, Kälte und Eis im Winter - minus 20 bis minus 50 Grad sind normal -, kühle Temperaturen im Sommer. Sie machen die Polarregionen zu einem extrem feindlichen Lebensraum für Menschen, Pflanzen und Tiere. Unter diesen Bedingungen schien eine Besiedelung unmöglich. Und doch haben es die ersten Ureinwohner geschafft. Bereits vor 3000 Jahren kamen die Inuit über die Beringstraße von Asien nach Alaska, wanderten weiter gen Osten, besiedelten die nördlichen Teile Kanadas und Grönlands.

Sie konnten in der Arktis nur überleben, indem sie sich anpassten, sich als Jäger und Viehzüchter spezialisierten. Neben dem Fleisch ihrer Jagdbeute verwendeten sie die Felle, Haut und Knochen als Material für Kleidung und Alltagsgegenstände. Aus den Zähnen von Walrossen, dem sogenannten Walrosselfenbein, schnitzten sie Schmuck oder kultische Gegenstände. Geniale Erfindungen wie Skier, Kajak, Anorak und Parka sind heute feste Bestandteile unserer westlichen Lebenswelt: Kapuzenjacken/Anoraks- und Stiefel aus Seehundfell, ein Überwurf/Parka, traditionell aus Leder und Fell, heute hauptsächlich aus Stoff.

Figur eines Seehund-Jägers (Inuit) von einem unbekannten aus Inukjuak, Kanada, 1960er-Jahre, (c) Völkerkundesammlung LübeckFigur eines Seehund-Jägers (Inuit) von einem unbekannten aus Inukjuak, Kanada, 1960er-Jahre, (c) Völkerkundesammlung LübeckDer Name „Eskimo“ tauchte erstmals 1584 in einer englischen Untersuchung auf und bedeutet so viel wie „Esser von rohem Fleisch“. Die Eskimos lebten als spezialisierte Jäger und Fischer von Robben, Walen, Karibus und Lachsen. Im Laufe der Zeit haben sie sich aber der westlichen Zivilisation angepasst. Schamanismus spielte in ihrer Kultur eine große Rolle, bis im 17. und 18. Jahrhundert die Christianisierung begann und Missionare das Schamanentum als Hexerei brandmarkten. Die in der Ausstellung präsentierten Gürtel, Amulette, Trommeln, Puppen und Masken waren wichtige Requisiten eines Schamanen.

Zwar sollen antike griechische Seefahrer bereits um das Jahr 320 v. Chr. die Nordpolargebiete entdeckt haben - sie orientierten sich auf ihren Expeditionen an den Gestirnen des Nordhimmels wie Großer Bär und Kleiner Bär. Aber die Berichte erschienen den damaligen Menschen zu unglaubwürdig.

Seit dem Mittelalter rückten die Nordländer in den Fokus von Händlern und Kaufleuten. Der Fang und die Verarbeitung von Walen waren zu einem wichtigen Wirtschaftszweig geworden. Bereits Mitte des 17. Jahrhundert erlebte der Walfang einen wahren Wirtschaftsboom: Vor allen Dingen die Produkte aus dem Wal - Tran und Öl - brachten den Seeunternehmern beachtliche Gewinne. Der kommerzielle Walfang oder die „Grönlandfahrt“ waren zwar ein riskantes aber auch profitbringendes Geschäft.

Mit dem Niedergang der Hanse stiegen die Niederlande zur ersten Welthandelsmacht auf und übernahmen auch den lukrativen Walfang. Nicht nur die Niederländer, auch Hamburger, Kopenhagener und Reeder aus Schleswig und Holstein stiegen im Laufe der Jahrzehnte in das Geschäft ein.

Auch Lübeck beherrschte diesen Markt. Die Lübecker Grönlandfahrergesellschaft beteiligte sich Ende des 17. Jahrhunderts mit teilweise über 40 Schiffen am Walfang. Bildliche Darstellungen der Grönlandfahrt im St. Annen-Museum Lübeck lassen die beschwerliche Arbeit nur erahnen.

Postkarte von 1935, (c) Völkerkundesammlung LübeckPostkarte von 1935, (c) Völkerkundesammlung Lübeck

Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert begann das schleichende Ende des Walfangs. Die Schiff-Fahrten rechneten sich nicht mehr, da die Wal-Bestände inzwischen stark dezimiert waren. Zudem waren Wal-Produkte nicht mehr gefragt. Die Epoche des historischen Walfangs war beendet.

Die Ausstellung in den Räumen des St. Annen-Museums wirft einen völlig neuen Blick auf die Länder rund um den Polarkreis. Galt Lübeck bisher als kultureller „Heilsbringer“ für den Norden, muss diese Sichtweise revidiert und aus heutiger Sicht neu interpretiert werden. Ein gegenseitiger Austausch und eine kulturelle Befruchtung sind nicht von der Hand zu weisen.

Neben erstklassigen Exponaten widmet sich die Ausstellung auch unbequemen politischen Themen: Welche Rolle spielte Nazi-Deutschland in der Arktis? Welche aktuellen Probleme verursacht der Klimawandel und der Massentourismus? Oder die Erschließung von arktischen Rohstoffreserven sowie die kontroversen Diskussionen um die Pipeline Nord Stream.

Vom 17. September 2020 bis 3. Januar 2021 kann die interessante und informative Ausstellung besichtigt werden. Kuratiert wird sie von dem neuen Leiter der Völkerkundesammlung, Lars Frühsorge. Zu sehen im St. Annen Museum Lübeck. Die Öffnungszeiten sind Dienstag – Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

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