Im isländischen Pavillion darf gekuschelt werden - Farbflash von Shoplifter (Island)

58. Biennale Venedig 2019
Mein Biennale-Nachklang zum Welt-Kunst-Festival 2019 in Venedig

Alle zwei Jahre zieht es mich in die wunderbare, wenn auch immer stärker durch Touristenmassen überlaufene Lagunenstadt Venedig. Dann versammeln sich dort die besten Künstler der Gegenwart, um ihre aktuelle Kunst zu präsentieren.

Neben der Documenta alle fünf Jahre in Kassel ist es die Biennale in Venedig, die die neueste Gegenwartskunst in einem Mix aus Fantasie, Poesie, Politik, Kreativität und Humor aus aller Welt zur Schau stellt. Es werden Preise, wie den „Goldenen Löwen“ für den besten Länderpavillon und die besten Künstler/innen der Zeit, vergeben, sowie großartige Übersichtsschauen zur aktuellen Kunst in den Giardini-Gärten, im Arsenale, sowie in diversen Palazzi, Fabrikhallen und verlassenen Privathäusern der Stadt geboten.

Kuratiert wurde die diesjährige Biennale von Ralph Rugoff aus den USA, der die Schau unter dem Motto „May you live in interesting times“ stellte. Die parallelen Ausstellungen im Giardini-Hauptgebäude und in den weitläufigen Hallen des Arsenale wiesen die Besonderheit auf, dass sie jeweils zwei Arbeiten von insgesamt 79 Künstler/innen präsentierten. Diese Paar-Strukturierungen wurden von ihm jeweils als Vorschlag tituliert, so dass sich die Besucher entscheiden konnten, nur eine oder doch beide Arbeiten anzuschauen.

Nebelschwadenkunst am Biennale-ZentrumNebelschwadenkunst am Biennale-Zentrum

Während der Kunstfreund in den Giardinis von Kunstnebel empfangen wurde, die Lara Favaretto aus Italien vom Dach des Zentralpavillons wabern ließ, begrüßten im Arsenale zwei „Trunkenbolde“ im Stile Andy Warhols (George Condo: Double Elvis) die Gäste. Gezeigt wurde mal wieder alles zwischen Performance, Video, Foto, Skulptur, Installation, Malerei und Artverwandtes. Höhepunkte für mich waren u.a. die Videoarbeiten der großartigen Deutsch-Japanerin Hito Steyerl, die das Publikum einen Blick in die Zukunft werfen ließ; die gruselige Roboter-Blutwisch-Installation des chinesischen Duos Sun Yuan und Peng Yu; die riesigen Schwarz-Weiß-Portraits der südafrikanischen Künstlerin Zanele Muholi oder die Arbeiten aus Malerei und Skulptur von der Amerikanerin Nicole Eisenman.

Die Blutmaschine vom chinesischen Künstlerduo Sun Yuan und Peng YuDie Blutmaschine vom chinesischen Künstlerduo Sun Yuan und Peng Yu

Bei den Länder-Pavillons konkurrierten hauptsächlich drei Länder um den Goldenen Löwen, den schlussendlich das kleine Litauen mit einer Performance als Burn-Out-Oper am Strand gewann. Dabei wurde in einem Schuppen eine Strand-Idylle gezeigt, in der Sänger/innen in Badeklamotten schmissige Arien über Entfremdung, Massentourismus und Klimawandel schmetterten – ganz großes Kino. Daneben war das kleine Ghana, das erstmals einen eigenen Länderpavillion zeigte, genau so favorisiert wie Frankreich mit seinem verspielten Environment aus flutschigen Unterwassergetier und Unrat im Gießharz-Fussboden als Gesamt-Installation. Für Ghana beeindruckten vor allem die riesigen Tapisserien aus prächtig schillernden Alu-Kronenkorken (El Anatsui), sowie wunderbaren Gemälden in einer Lehmhütte.

Frankreich versenkt wundersame Dinge im Kunstharzboden: Laure ProuvostFrankreich versenkt wundersame Dinge im Kunstharzboden: Laure Prouvost

Der deutsche Pavillon war diesmal eine riesige Enttäuschung oder einfach nur banal. Die seltsame Künstlerin Natascha Süder Happelmann (Pseudonym von Natascha Sadr Haghighian), die nur mit einem Pappmaschee-Stein auf dem Kopf auftrat, hatte einen kargen, düsteren, ernsten Raum entworfen, aus einer riesigen Trennmauer und ein paar Steinen. Das Ganze lief unter dem Titel „Ankersentrum“ und sollte wohl politisch sein, bot aber nur Langeweile und Ödnis.

Ganz anders hingegen meine persönlichen Favoriten, wie Island, das seine Künstlerin Hrafnhildur Arnardóttir, aka „Shoplifter“auf der vorgelagerten Insel Giudecca eine psychedelisch-flauschige Kuschelhöhle aus Farbflash und Kunsthaar zum Anfassen und Rumlümmeln installieren ließ. Wunderbar kuschelig im Stile der Farborgien einer Katharina Grosse aus Flokati. Ein paar Hundert Meter weiter gab es riesige Keramik-Muschies von Kris Lemsalu aus Estland, die weder schlüpfrig noch sexistisch waren, sondern nur schön.

Estland provoziert mit gigantischen Keramikmösen von Legno&LegnoEstland provoziert mit gigantischen Keramikmösen von Legno&Legno

Auch die Österreicher hatten heuer eine feministisch geprägte Künstlerin zu bieten. Renate Bertlmann provozierte mit Präservativ-Bildern und einer drastischen Installation aus 312 Rosen aus Murano-Glas mit Dolchen im Herzen. Auch Polen konnte gefallen mit seinem auf Links gedrehten Flugzeugwrack von Roman Stańczak. Während Serbien seltsame Betonhelden-Skulpturen zeigte, ließ Belgien die Kunstpuppen-Roboter als falsche Folklore irritieren.

Der Nordische Pavillon, in dem sich Schweden, Norwegen und Finnland gemeinsam präsentierten, wirkte wie ein Trockentauchgang unter Wasser mit Algenbahnen und allerlei Pflanzen und Tieren als Gesamt-Installation – schön und fantasievoll. Brasilien kam mit Musik, Tanz und Video daher. Gezeigt wurden junge Tänzer/innen, meist mit LGBT-Hintergrund aus den Armen-Vororten von Recife, die mit ihrem „Swinguerra“ für beste Laune sorgten. Chile zeigte eine Art Galerie aus schockierenden Bildern, Gemälden und Fotos, in denen es um Unterdrückung geht. Indien will Frieden mit Wänden aus Holzpantoffeln, während Lettland eine leichte, verspielte Installation aus Blumengebinden und Drähten zu bieten hatte.

Kunstpause mit AusblickKunstpause mit Ausblick

Darüber hinaus gab es natürlich Kunst und Spinnereien aus aller Herren Länder ohne Ende. Ich bin zwei volle Tage durch die Schauen gezogen, bis nichts mehr an Kunst in meinen Kopf passte. Dabei gab es natürlich noch diverse Nebenausstellungen, die mit der offiziellen Schau der Biennale eigentlich nichts zu tun haben, wie Extra-Ausstellungen von Jannis Kounellis, dem Altmeister der Arte Povera, oder vom Iren Sean Scully, der eine Basilika auf der Klosterinsel San Gorgio Maggiore bespielte, sowie eine großartige Übersichtsschau vom leider zu früh verstorbenen Jörg Immendorff. Kunst satt also wie alle zwei Jahre, aber überzeugen Sie sich selbst in meiner privaten Fotostrecke, die meine Lieblingskunst der 58. Biennale Venedig zeigen.

58. Biennale Venedig
vom 11. Mai bis 24. November 2019
www.labiennale.org

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Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.

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