Der Künstler Martin Streit und seine Camera Obscura vor dem Holstentor

Lübeck
Open-Air-Kunst für alle

Holger KistenmacherVon

Wer sich in Lübeck auf einen Altstadt-Spaziergang macht, kann ganz nebenbei wunderbare Kunst und Künstler bei der Arbeit erleben.

So ist seit einiger Zeit der berühmte Bildhauer Bertrand Freiesleben in einem offenen Atelier am Parkhaus St. Marien tagsüber anzutreffen, wo er an Porträt-Büsten der drei Lübecker Nobelpreisträger Thomas Mann, Willy Brandt und Günter Grass arbeitet. Aus Ton modelliert der in Lübeck geborene und jetzt in Berlin lebende Künstler die Charakterköpfe aus Literatur, Kunst und Politik.

Dabei erweist sich der sympathische und freundliche Bildhauer Freiesleben als äußerst auskunftsfreudig. Ich konnte mich in einem über einstündigem Gespräch, (währenddessen auch immer einmal wieder verschiedene Leute zur Begutachtung der Arbeiten vorbei kamen), ausführlich über die Kunst und die Welt im Allgemeinen, sowie seine Biografie und sein aktuelles Kunstprojekt im Besonderen mit ihm austauschen.

Bertrand Freiesleben arbeitet an einer Thomas Mann PorträtbüsteBertrand Freiesleben arbeitet an einer Thomas Mann Porträtbüste

So hat er mir erzählt, dass sein künstlerischer Werdegang erst über die Konzeptkunst zur Bildhauerei führte. Deren berühmter Protagonist und Kollege Hans Haacke hatte ihn vor ca. 30 Jahren nach New York gelockt, wo er gegenüber dem US-Kunststar Donald Judd wohnte, der eine herrliche Licht-Installation seines Kunstfreundes Dan Flavin an der Decke hängen hatte, die er von seinem Fenster aus bestaunen konnte. Er habe aber nur ein Jahr in New York gelebt, wo er sich aus der in Kiel gelernten Konzeptkunst verabschiedete, um zur Plastik überzuwechseln.

Nach einer Gemeinschafts-Ausstellung mit Freunden in New York sei er eher durch Zufall zum Porträt gekommen. Dabei hatte er schon als Kind bei seinem Lehrer Hans Peters früh mit dem Zeichnen begonnen. Er wollte sich als Künstler selbst mehr zurücknehmen. Stattdessen wollte er eher der Beobachter sein. Ein gutes Auge, was für ein Porträt notwendig sei, habe er schon immer gehabt. In Berlin ist er heute mit Kollegen wie Rainer Fettig, der die berühmte Willy Brandt-Skulptur geschaffen hat oder dem Maler Christoph Lehmkuhl befreundet, der für seine fett aufgetragenen Öl-Gemälde, die meist in der freien Natur per Hand entstehen, gut befreundet.

Bertrand Freieslebens Pop-Up-Atelier im Parkhaus St. MarienBertrand Freieslebens Pop-Up-Atelier im Parkhaus St. Marien

Sein derzeitiges Projekt in Lübeck, für das er keinerlei offizielle Förderung bekommen hat, geht noch bis zum 24. Mai. Danach werden von den Ton-Köpfen Abgüsse geschaffen, die dann im Rahmen des Museums-Tages gezeigt werden sollen. Abgesichert ist Bertrand Freiesleben als Künstler aber doch, weil ein Sammler von ihm bereits den Ankauf jeweils einer Skulptur versprochen hat. Bis dahin will er aber noch unbedingt die „nuancenreichsten und coolsten Köpfe von Mann, Brandt und Grass erstellen“.

Aber seinen ersten Versuch von Thomas Mann, der noch von Plastikplane bedeckt im Pop-Up-Raum rumsteht, hat er jedoch als schlecht verworfen. Eine weitere fertige Mann-Skulptur ist ihm aber schon gut gelungen. Jetzt arbeitet er momentan an Version Nummer drei, wo er aber Thomas Mann Porträtbüste von Bertrand FreieslebenThomas Mann Porträtbüste von Bertrand Freieslebenmit der linken Augen-Partie noch nicht zufrieden ist. Immer wieder lässt er den Blick auf dem Laptop, auf dem diverse Fotos von Thomas Mann in allen Altersschichten zu sehen sind, wandern, um dann mit den Fingern oder dem Spatel an dem Ton-Kopf zu arbeiten. Für den August hat der Künstler aber schon ein neues Kunstprojekt am Start. Dann geht es nach Bodowin an die Oder im Osten auf den größten Demeterhof der Republik, wo er ein Land-Art-Projekt schaffen will.

Bertrand Freiesleben freut sich übrigens über jeden Besuch, wenn er konstruktiv ist. Gerne lässt er sich über die Schulter schauen und plaudert ausgelassen mit den Kunst-Freund/innen. Freiesleben arbeitet täglich zwischen 9 und 20 Uhr in oder an der Pop-Up-Galerie im Parkhaus St. Marien, die man am besten von der Beckergrube aus erreicht. Weitere Infos.

Weiter führte mich mein Kunst-Spaziergang auf die große Grünfläche vor dem Holstentor. Dort steht seit kurzem ein riesiger schwarzer Kasten, der Mittwochnacht per Schwertransport dort angeliefert wurde. Dabei handelt es sich um eine sogenannte Camera obscura, die der Kölner Künstler Martin Streit nach Lübeck gebracht hat. Noch ist nicht viel zu sehen außer den zwei 40-Fuß-Containern, denn erst am 18. Mai ist die offizielle Eröffnung mit Stadt-Prominenz und Publikum. Also muss man sich noch ein wenig gedulden, um das Ergebnis besichtigen zu können.

Die Camera Obscura vor dem HolstentorDie Camera Obscura vor dem Holstentor

Erwartet wird ein fast schon malerisches Holstentor auf Groß-Leinwand - allerdings seitenverkehrt und auf dem Kopf stehend. Genau das passiert nämlich, wenn man nur mit einem kleinen Loch ohne Spiegel und Linsen das Bild des Gebäudes auf die vorbereitete Leinwand projiziert. Der 57jährige Kölner Künstler entwickelte seine riesige Kamera erstmals 2010 zu einem Projekt auf der Insel Hombroich bei Neuss. Danach hat er schon den Kölner Dom vor 8 Jahren künstlerisch in Szene gesetzt.

Er sei jetzt nach Lübeck gekommen, weil er die Stadt so wunderschön findet, berichtet der Künstler Streit. Bereits im März war er deshalb in der Stadt unterwegs gewesen, um Kirchen und andere Architektur künstlerisch abzulichten. Die Ergebnisse dieser Arbeit werden vom 21. Mai bis zum 28. August in dem Lübecker St. Annen-Museum zu besichtigen sein.

Der Künstler Martin Streit vor seiner Camera ObscuraDer Künstler Martin Streit vor seiner Camera Obscura

Wer also das Lübecker Wahrzeichen mal mit anderen Augen sehen möchte, sollte am besten zwischen 15 und 18 Uhr vor das Holstentor kommen, dann ist das Licht am schönsten, betont Streit. Am spannendsten sei es immer, wenn die Besucher/innen aus dem grellen Licht in den dunklen begehbaren Kasten kommen und sich das Auge erst langsam an das Bild adaptieren kann. „Erst ganz allmählich entwickelt sich das besondere Bild langsam vor dem eigenen Auge“.

Die Camera obscura ist, wie das Holstentor während des Projektzeitraums von 10 - 18 Uhr zu besichtigen. Tickets für die Besichtigung gibt es im Museum. Ein Kombi-Ticket kostet 8 Euro. Wer nur in die Kamera will, bezahlt 4 Euro. Weitere Infos.

Fotostrecke

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Fotos: (c) Holger Kistenmacher

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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