Sweeney Todd (Ks. Jörg Sabrowski), Richter Turpin (Hans Neblung), Foto: (c) Olaf Struck

„Sweeney Todd“ in Kiel
Die Kunst des effektiven Kehlkopfschnittes

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Wer das Makabre liebt, sollte den Weg nach Kiel nicht scheuen. Dort, am Kleinen Kiel, treibt neuerdings „Sweeney Todd – Der Teufelsbarbier von der Fleet Street“ sein effizientes Gewerbe (Premiere: 26. Januar 2019), ein ferner Kollege von Mackie Messer, nicht so bekannt wie der und so potent, aber ähnlich skrupellos und geschäftstüchtig.

Ob Mackie oder Sweeney real oder fiktiv waren, ist gleichgültig. Der erste, ein Gentlemankiller, war in Soho aktiv, der andere, ein versierter Barber mit unbezwingbarer Rachgier, nicht weit davon in der Fleet Street, in der jetzt sinnigerweise Anwalts- und Gerichtskanzleien residieren. Einst war diese Straße Synonym für Presseerzeugnisse. Heute würde wohl „The Sun“ das Schauerlich-Schöne exquisit ins „Bild“ setzen. Doch geballte Gruselei, wie sie z. B. Sweeney Todd bietet, hat schon immer fasziniert, überall auf der Welt, in Moritaten und Groschenheften oder, wie jetzt in Kiel, im „Musical Thriller“. Denn jener Sweeney Todd war ein Virtuose im Kehlkopfschnitt, irgendwie als Barber prädestiniert dafür und immer nahe dran. Exzellent allerdings, dass er eine mordsmäßig clevere Partnerin fand. Sie hatte die Idee zum Joint-Venture, um ihre Pastetenbäckerei mit billig erworbenem Fleisch zu beleben, das er lieferte. Von besonderer Finesse sollte dabei ein pfiffiges Rezept à la Prälat werden. Es köderte neue Kundschaft.

Was zunächst aus Wut und Rache begann, verselbständigte sich. Das kam so: Benjamin Barker war ein tüchtiger Kollege vom Barbier aus Sevilla, lebte jedoch in Londons Fleet Street und konnte als Barber auch Zähne ziehen. Sein Verderben wurde, dass er eine schöne Frau hatte. Denn jene Lucy gefiel dem Richter Turpin. Der wiederum erfand einen justiziablen Grund, den Ehemann zu verbannen und sich der Frau zu bedienen. Ihr Baby nahm er als Mündel, schickte aber Lucy, binnen kurzem ihrer überdrüssig, auf die Straße. Das Mündel wuchs heran, wurde hübsch und entzündete Turpins Lust auf Knackiges. Wie aus Sevilla bekannt, fand Joanna jedoch an einem Jüngeren Gefallen, der hier nicht Almaviva, sondern Anthoney hieß. Als Matrose hatte er Benjamin Barker, als er nach etlichen Jahren zurückkehrte, aus Seenot gerettet. Nun aber stiftete der vor Rache Berstende unter dem neuen Namen Sweeney Todd, aber im alten Beruf, einige Unruhe, zunächst bei jener Mrs. Nelly Lovett, der erfolglosen Pastetenbäckerin. Sie hatte ihn wiedererkannt, gab ihm hoffnungsfroh seine alte Bleibe und ein ebenso altes Rasiermesser zurück, das sie ihm aus Zuneigung aufbewahrt hatte.

Sweeney Todd (Ks. Jörg Sabrowski), Mrs. Lovett (Ks. Heike Wittlieb), Foto: (c) Olaf StruckSweeney Todd (Ks. Jörg Sabrowski), Mrs. Lovett (Ks. Heike Wittlieb), Foto: (c) Olaf Struck

Das unwirtliche Ambiente, das Hans Kudlich auf eine munter sich drehende Bühne stellte, war glaubhaft dafür, dass dies für Mrs. Lovett nicht der den Umsatz förderndste Ort war. Mit Sweeney Todd aber, nachdem der sich unter seinem neuen Namen seinen Ruf zurückerobert hatte, wurden die Verhältnisse besser. Sie verarbeitete seine Probleme und er lieferte ihr günstig die Zutaten, was auch anderswo als merkantiler Interessenausgleich gut funktioniert. Die Folge blieb zudem nicht aus. Beider Gewerbe blühte auf.

Der Abend in Kiel wäre allerdings kurz gewesen und hätte der Berlinerin Ricarda Regina Ludigkeit wenig Möglichkeit gegeben, das Schaurige sinnenfroh zu choreografieren, wenn Sweeney Todd schon am Ende des ersten Aktes seine Rache an Richter Turpin befriedigt hätte. So viel sei verraten, es gab noch einen zweiten Akt – mit manchen Schwierigkeiten. Die Handlung sei allenfalls erahnbar, auch aus der umfangreichen Zahl der Mitwirkenden, die mit größter Freude am Makabren bei der Sache waren. In der Titelrolle spielte Jörg Sabrowski mit einem durchschlagenden Bariton die expressive Titelfigur. In wahren Rachearien schrie er seine Wut heraus, konnte dennoch auch lachen und an der Ungerechtigkeit verzweifeln. Auch Heike Wittlieb bei ihrem Tun zuzuhören, war eine Lust, vor allem, wenn sie mit ihrem schönen Sopran das verfeinerte Backwerk lobt. Gabriele Heimann hatte sie – wie die anderen – hübsch angezogen, wobei die Kleider der Mrs. Lovett den Geschäftserfolg unterstrichen. Waren sie zu schicklich, dass Sweeney standhaft blieb? Wer weiß, aber dass sie durch ihn wie einst Gretel im Backofen endete, war eine der Notwendigkeit geschuldete Vorsichtsmaßnahme.

Joanna (Katerina von Bennigsen), Anthony Hope (Dustin Smailes), Foto: (c) Olaf StruckJoanna (Katerina von Bennigsen), Anthony Hope (Dustin Smailes), Foto: (c) Olaf Struck

Das Gegenstück war das herzhaft naive junge Paar. Bei stimmungsvollem Vogelgezwitscher und auf Julias Balkon durfte Katerina von Bennigsen als liebliche Tochter Joanna das Mitleid auf sich ziehen, so wie Dustin Smailes es als idealistischer Anthony tat. Wie einst Romeo oder auch Papageno schmachtete er: „Ich fühl‘ dich, Joanna!“. Aber solch köstliches Liebesleid gehört als Erholung vom Düsteren ebenso dazu, wie die Komik der Szene mit Pirelli, dessen Scharlatanerie Michael Müller-Kasztelan vollwertig traf. Den mächtigen Gegenspielern gaben Hans Neblung und Fred Hoffmann Statur und kräftige Stimmen, der Erste als penetrant eifersüchtiger Turpin, der andere als loyalerer Büttel Bamford. Wenig Bedauern hatte der Zuschauer mit ihrem Schicksal, mehr mit dem von Katharina Lochmanns herzzerreißender Bettlerin und Sascha Steads zurückgebliebenem Tobias. Beider Schicksal rührte an in diesem Bilderbogen der traurigen Gestalten, sie als Verachtete und Verstoßene, er als närrischer Prophet mit großem Beschützerinstinkt.

An beiden Figuren war die gelungene Balance zu erkennen, die die düstere Inszenierung durchhielt. Sie war laut und fand doch leise Töne, sie war derb und schuf doch Tiefe. Sie war dem sehr nahe, wie der Komponist und Textdichter Stephen Sondheim sich der Situation näherte, in sarkastischen Szenen und maliziösen Versen einerseits und mit Musik in schrillen Tönen andererseits, alles zugleich mit köstlichen Anspielungen verfeinert. Der Chor spielte grandios mit, gesanglich (Einstudierung: Lam Tran Dinh) oder spielend als vervielfachter Moritatensänger oder verdeutlichende oder illustrierende Masse. Moritz Caffier machte Tempo, förderte den Schwung der grell, doch geistvoll malenden und instrumentierten Musik. Manchmal nur ließ er den gewieften Kieler Philharmonikern zu viel Raum. Ein paar mehr leise Töne wäre wirkungsvoller gewesen.

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Fotos: (c) Olaf Struck

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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