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Brechts und Weills Meisterwerk in Kiel
Für drei Groschen Opernvergnügen

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Brechts „Dreigroschenoper“ aus dem Jahre 1928 zählt bis heute zu seinen bekanntesten und erfolgreichsten Werken.

Einmalig ist die künstlerische Form geblieben, diese Mischung von Schauspiel und unterschiedlichen Musiktheater-Genres, und in ihrer Zeit- und Sozialkritik ist sie merkwürdig zeitlos, teils auch erschreckend nahe an den Problemen unserer Tage. Bewirkt hat den Dauererfolg neben Brechts pointiertem Text zu mindestens gleichen Teilen die Musik von Kurt Weill, der die Pointen Brechts in süffige Musik kleidete. Die melodisch eingängigen Nummern haben noch 90 Jahre später die Kraft von Ohrwürmern und verfehlten bei der neuen Inszenierung im Schauspiel Kiel ihre Wirkung nicht.

Bei der zweiten Aufführung einen Tag nach der Premiere (7. Oktober 2018), bei einem Publikum also, das kein typisches Premierenpublikum war, erlebte man ein ähnliches Phänomen wie bei der Uraufführung am Theater am Schiffbauerdamm im Berlin vor 90 Jahren. Ernst Josef Aufricht berichtet darüber. Er hatte kurz zuvor das Theater gemietet und versuchte mit Brechts Werk einen Neubeginn. Er schilderte, wie die ersten Szenen, darunter die Ouvertüre, auch noch der heute weltberühmte Mackie-Messer-Song und ein paar wenige der folgenden Stücke, vom Publikum frostig aufgenommen wurden. Erst mit dem „Kanonen-Song“ änderte sich das, „kam der Durchbruch. Der Zuschauerraum taute nicht langsam auf, er geriet in Siedehitze.“

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Die erreichte der Zwischenapplaus in Kiel zwar nicht, aber Annette Pullens Regie kam hörbar an. Sie hatte Brechts Anregungen zu einer epischen Darstellung recht geschickt übernommen, ohne sie sklavisch zu befolgen. So verzichtete sie auf die optischen Zusammenfassungen auf Tafeln. Stattdessen fand sie zusammen mit ihrer Bühnenbildnerin Iris Kraft überzeugende Spielorte, die den temporeichen, sprunghaften Fortgang ermöglichten. Etliche Szenen spielten vor dem Vorhang und auf einem knappen Catwalk, der das kleine Orchester im Graben zweiteilte, rechts die Saiten- und Schlaginstrumente, links die Bläser. Andere Szenen nutzten den offenen Bühnenraum, in dem mit wenigen Versatzstücken die Interieurs entstanden, Peachums Asservatenkammer, der Pferdestall für die Hochzeit, das Bordell oder das Gefängnis.

Auch das Sprechen im Brecht-Stil beherrschten die Schauspieler nahezu ausnahmslos, ohne manieriert zu wirken, bemühten sich zudem beim Singen um den verfremdenden Ton, ohne zu sehr zu distanzieren. Das machte den Abend zu einem geglückten Ensemblestück und zugleich vergnüglich. Erfreulich begann bereits die Ouvertüre. Das komplexe Stück mit seiner Struktur aus dem 18. Jahrhundert und der Klangschärfe des 20. spielte die kleine Combo unter Moritz Caffiers Leitung auffallend sensibel und verstärkte dadurch den Kontrast zum Leierhaften im folgenden Song, den Rudi Hindenburg als Moritatensänger in zwielichtiger Transgendererscheinung auf hohen, silbrigen Stöckelschuhen zelebrierte.

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Im Ensemble sind eine Reihe von Schauspielern, die vorzüglich singen können. Marko Gebbert gehört dazu, gab seinem Mackie Messer kraftvoll draufgängerische Züge, wurde nur in wenigen Momenten zu laut und einfarbig wie in seiner „Ballade vom angenehmen Leben“. Christian Kämpfer schaffte mit seinem Tiger Brown dagegenzuhalten und sein krokodiltränendes Mitleid zu vermitteln. Eine Spelunken-Jenny von Format gelang Isabel Baumert, in ihrer Sinnlichkeit nur durch das aufwändig Steife ihre Korsage und des Rockes gehemmt (Kostüme: Barbara Aigner). In Familie Peachum hatte Jennifer Böhms Polly die Nase vorn, beeindruckte mit ihrer Ballade von der „Seeräuber Jenny“ und im „Barbarasong“, wie später auch in ihrem „Eifersuchtsduett“ mit Lucy (Olga von Luckwald) im schrullig keifenden Widerpart.

Yvonne Ruprecht zeichnete eine tatkräftige und anständig ordinäre Mrs. Celia Peachum, die zu Beginn zusammen mit ihrem Ehemann Jonathan einen rasanten „Anstatt-Dass-Song“ hinlegte und in der „Ballade von der sexuellen Hörigkeit“ ihren Liebespragmatismus verkündete. Den Bettlerking hatte man mit einer merkwürdig langen Haarsträhne unter seinem Zylinder ausstaffiert. Zacharias Preen zeigte zwar Spaß an seiner Rolle, überhastete aber die Bissigkeit seiner Welt- und Menschensicht, auch im „Lied von der Unzulänglichkeit des menschlichen Strebens“. Auch die kleineren Rollen hielten das Niveau, schon fast zu glatt im blütensauberen Unisono des „Hochzeit-Liedes“, vorgetragen von den willfährigen Ganoven, denen es allerdings Spaß machte, ihrem Arbeitgeber Mackie auch einmal Widerpart zu sein.

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Die „Dreigroschenoper“ sorgt in unserer Zeit immer noch für Aufsehen, gerade wieder im Film, der die turbulente Entstehung von Brechts Adaption der damals 200 Jahre alten „Beggar’s Opera“ zum Thema macht, der Fusion von Geschäft und Verbrechen. Kiel widmete sich eher genüsslich dem, was vorrangig sei, das Fressen oder die Moral, der Frage, was effektiver sei, die Gründung einer Bank oder ein Einbruch in sie. Das verlor an Würze im Gesprochenen, wurde zur Hauptsache den Songs mit ihrer einhämmernden Wirkung anvertraut.

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Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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