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Das Kieler Ballett mit einer farbenprächtigen „Cinderella“
Aschenputtel im Zirkus

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Nach den drei großen Tschaikowsky-Tanzschöpfungen und nach Sergej Prokofjews „Romeo und Julia“ hat Yaroslav Ivanenko nun folgerichtig dessen Ballett „Cinderella“ gewählt, in dem die so unsterbliche wie anrührende Geschichte einer geheimnisvollen Ballschönen erzählt wird.

Im Westen nennt man sie Cinderella oder frankophil Cendrillon, im Osten Soluschka. In den Ländern dazwischen heißt sie bechsteinisch Aschenbrödel oder mit Grimm Aschenputtel. In Kiel lebt sie, reizend durch Keito Yamamoto verkörpert, nun in einem Zirkus, muss aber auch dort den Boden schruppen, weil ihre Stiefmutter, die Zirkusdirektorin, es so will. Mit strengem Exercise malträtiert die Prinzipalin nicht nur das Personal, auch ihre in eine neue Ehe mitgebrachten zwei Töchter. Nur für deren Karriere sorgt sie (Victoria Lane Green mit geschmeidigem Ausdruck), hartherzig versagt sie dagegen der einzigen Stieftochter den Wunsch, Artistin zu werden. Ausgestattet mit einem rollbaren Doppeleimerwagen nebst breitflächigem Wischmopp hat die es an der Förde aber entschieden leichter als das historische Vorbild. Sie muss nicht mehr in Asche wühlen oder den Bretterboden bearbeiten. So kann sie ihre helle Arbeitskleidung samt passendem Glockenhut sauber halten.

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Auch andere Motive werden angepasst. Ihre Tanzschuhe braucht Cinderella sich nicht durch eine mitleidsvolle Tat zu verdienen. Stattdessen bringt ihr überraschend eine Dea ex Machina, eine derjenigen, die man einst Feen nannte, aus dem Schnürboden das Outfit für den Ball, auf dem sie sich ihren Prinzen ertanzt. Während die verzogenen Stiefschwestern (gar nicht so biestig Gulzira Zhantemir und Sabina Faskhi) sie verhöhnen, zeigen nur die drei Clowns Mitgefühl. Nicht einmal der eigene Vater (elegant Christopher Carduck) schafft Ausgleich, obwohl er im Zirkus als Zauberer auftritt und ein magisches Wesen haben müsste.

Das und ein paar andere Veränderungen haben das Theater in Kiel bewogen, „Cinderella“ als Uraufführung anzukündigen, für die der 6. Oktober 2018 der Stichtag war. Er stand unter keinem guten Stern. Wie der Rezensent erfuhr, war die Generalprobe perfekt, was in abergläubischen Theaterkreisen bedeutet, dass die Premiere dann nicht so läuft. So passierte, dass der Raffvorhang zum stummen und musiklosen Vorspiel sich zum Teil nicht öffnete, sich später eine Tänzerin verletzte und ausscheiden musste. Das zwang zu professionell schnell arrangierter Umgestaltung.

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Aber da waren auch noch ein Verfolgerscheinwerfer, der zur Unzeit aufleuchtete, und der Hula-Hoop-Reifen einer Artistin, der ihr zur Unzeit entschlüpfte, außerdem die wackelnden Übungen auf den Gymnastikbällen oder ein Pech beim Seilspringen. Ob ein paar Elemente der Choreografie, besonders bei Hebungen, Absicht oder Patzer waren, lässt sich bei einer Erstbesichtigung nicht beurteilen. Was aber nicht zu überhören war, waren einige Patzer im Orchester, das unter Daniel Carlbergs Leitung sich fernerhin recht lebendig für die Partitur einsetzte. Kleinigkeiten waren das, aber störende, wie auch das unbeholfene Schreiten von Statisten, die die Zirkusbesucher und später die Ballgesellschaft mimten.

Ivanenkos „Cinderella“ ist auch in seiner Umdeutung ein klassisches Handlungsballett geblieben, geprägt durch die Charaktere der Figuren. Die aber waren nicht konsequent geformt. Der Vater ist im Märchen sehr reich, aber durchsetzungsschwach. Hier wird er zum grandiosen Magier, der sich dennoch seiner ehrgeizigen und kalten Frau gegenüber nicht durchsetzt. Sie ist zudem nicht nur herrisch, dazu noch mannstoll. Bis zum Überdruss für ihn und für das Publikum wirft sie sich dem Prinzen an den Hals. Das ist auf Dauer gar nicht komisch, auch nicht logisch, da er ja eigentlich eine der Töchter ehelichen sollte. Dennoch schafft es der standhafte Prinz, die Sprunghafte immer wieder aufzufangen. Noch mehr erstaunt, dass die Regie den Vater nur devot zuschauen lässt, er seine Frau auch darin gewähren lässt. Desillusionierend ist das bei einem, der das Illusionsgewerbe beherrscht.

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Viel Mühe hatte man sich mit der Zirkusartistik gegeben, so dass sie manches Mal dem Tanz die Show stahl. Eine Vertikal-Tuch-Artistin machte anfangs noch deutlich, dass Cinderella ihrer Mutter nachtrauerte, die als Artistin zu Tode kam. Später waren es aber die Pezzi-Bälle, die Holzreifen und Flatterbänder, die Stelzen der Läufer und die Verrenkungen der Akrobaten, die als raffiniert gesteigerte Beigaben zu bewundern waren. Speziell der Hula-Hoop-Artist und der Vater mit seinen magischen Kunststücken waren dazu angetan, das Tanzgeschehen spektakulär zu überdecken.

Neben glänzenden Tanzschöpfungen wie dem Solo Cinderellas mit ihren Tanzschuhen in der Hand oder der großen Szene der Mutter, die die Zirkusleute trainiert, gab es anderes, das in sich unlogisch wirkte. So musste der Prinz (sprungstark Amilcar Moret Gonzales) einerseits immer wieder seine herrschaftliche Gnadenerweis-Geste zeigen, andererseits kann man sich kaum vorstellen, dass das Publikum im Zirkus sich dem Prinzen gegenüber so gleichgültig verhält. Dann waren da die Auftritte der drei Clowns, die in sehr ähnlicher Form mehrmals übereinander purzelten, und andere Tänze, die nicht so ausgeformt waren, wie man es aus Kiel gewohnt ist. Das Tänzerische trat zurück, schien weniger Beachtung bekommen zu haben.

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Der Bühnenraum war von Lars Peter zweckmäßig gestaltet und gut betanzbar. Ein Treppenelement, auf der Drehbühne oder umhergeschoben, öffnete unterschiedliche Perspektiven ebenso wie die Vorhänge und Zirkusrequisiten. Zudem brachten die bunten und vielseitigen Kostüme, von Angelo Alberto gestaltet, dem Auge viele Reize. Der Abend war bunt und das Publikum fühlte sich angesprochen und signalisierte das mit heftigem Applaus.

Eine kleine Nachbemerkung sei erlaubt: Für seine Körperlichkeit kann keiner etwas, auch wenn er sich dadurch stark behauptet. Als Vorsitzender im Theater kann er dem dahinter Platzierten einen Großteil Sicht auf das Bühnengeschehen verwehren, besonders problematisch bei einer Ballettinszenierung wie der hier beschriebenen, die mit leichtem, raumgreifendem Hin und Her alle Bereiche der Bühne nutzt. Das kann dazu führen, dass möglicherweise ungerecht rezensiert wird. Dafür sei im Voraus um Nachsicht gebeten.

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Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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