Solistinnen, Solisten, Corps de ballet des Ballett Kiel, Foto: Olaf Struck

Das Kieler Ballett gastiert am Theater Lübeck
Traumtänzer im Märchenschloss

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Das Lübecker Publikum darf sich glücklich schätzen, etwas von dem Glanz der Tanzkunst genießen zu dürfen, den das Ballett am Kieler Theater ausstrahlt.

Innerhalb von nur vier Jahren hatte dort neben anderen Schöpfungen der Kieler Ballettdirektor Yaroslav Ivanenko die drei großen Ballette Tschaikowskys für seine Compagnie choreografiert. In Kiew geboren und ausgebildet und unter John Neumeier über viele Jahre Tänzer beim Hamburg Ballett wurde er im Frühjahr 2011 Ballettdirektor und Chef-Choreograf in Kiel. Noch im Oktober des gleichen Jahres belegte er sein Können mit dem „Nussknacker“, 2013 folgte „Schwanensee“, 2015 schließlich „Dornröschen“, das vor allem durch die einzigartige Musik Tschaikowskys und die choreografische Gestaltung durch Marius Petipa zum Vorbild für die klassische Tanzkunst wurde. Selbst der Komponist hielt es für sein bestes Werk.

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Neben anderen Schöpfungen wie „Die drei Schwestern“ nach Musik von Schubert oder Prokofjews „Romeo und Julia“ fand nun auch dieses dritte Werk Tschaikowskys den Weg von der Förde an die Trave (Premiere: 17. Februar 2018). Möglich machte das wieder die seit ein paar Jahren bestehende Kooperation zwischen den Theatern Kiel und Lübeck, ein bislang glücklicher Weg, das Ballett-Vakuum an Lübecks Theater zu füllen. Und wieder traute Ivanenko seiner Balletttruppe, mit knapp 20 Tänzern vergleichsweise schmal, viel zu. Diese großen Ballette verlangen ja bekanntlich eine weit stattlichere Compagnie und die steht selbst dem Theater einer Landeshauptstadt nicht zur Verfügung. Neben sich gut einfügenden Gästen müssen deshalb ein paar Einfälle dafür sorgen, das märchenhafte Geschehen und den tänzerischen Pomp lebendig werden zu lassen.

Dazu gehörte, dass Ivanenko die Handlung aus einer anderen Perspektive erzählte. In Konsequenz davon benannte er die Tanzschöpfung von „Dornröschen“ in „Die schlafende Schöne“ um. Das erinnert an die Textvorlage des französischen Schriftsteller Charles Perrault aus dem Jahre 1696. „La Belle au bois dormant“ nannte der das Märchen, „Die schlafende Schöne im Walde“. Dieser Text war für den Tänzer und Choreografen Marius Petipa Quelle, nicht Grimms Märchen. Dennoch treten im dritten Akt eine Reihe von Märchenfiguren auf, von Grimms „Gestiefeltem Kater“ bis hin zu Bechsteins „Kleinem Däumling“. Da ist es legitim, noch andere Märchendichter heranzuziehen.

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Hans Christian Andersens Geschichte vom „Kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern“ hatte es Ivanenko angetan, wohl nicht wegen des Lokalbezugs. Denn 1845 war das Märchen auf dem Schloss Gravenstein an der wenig entfernten Flensburger Förde entstanden. Wichtiger war ihm das Motiv, dass in der Geschichte ein kleines Mädchen sich in eine Fantasiewelt hineinträumt. Allerdings geht die Übernahme nur sehr äußerlich auf. Bei Andersen bietet es frierend und hungernd auf der Straße vergeblich Schwefelhölzchen zum Kauf an. Um sich zu wärmen, reißt es verbotenerweise Hölzer an. Solange sie leuchten, erträumt es sich zunächst einen warmer Ofen mit Messingfüßen, dann ein Zimmer mit einem reich gedeckten Tisch, dann eines in einem Kaufmannshaus mit einem glänzenden Weihnachtsbaum. Ein letztes Holz bringt ihr die Erscheinung ihrer „alten Großmutter, welche die einzige war, die sie lieb gehabt hatte“ und die sie jetzt zu sich in den Himmel holt.

Ivanenko verändert die Gestalt und damit Andersens herbe Sozialkritik, die auch der eleganten Welt des Spitzentanzes entgegenstehen würde. In seiner Rahmenhandlung träumt sich das arme Mädchen lediglich in das Königliche Ambiente des Dornröschenschlosses hinein, zunächst mehr beobachtend, dann stärker, bis es schließlich Aurora, die schlafende Schöne, wird. Damit wandeln sich alle zu Traumfiguren, von Aurora, wie Dornröschen im Ballett heißt, über das Königspaar bis hin zum Prinzen und den Feen. Dennoch ist das ein nachvollziehbarer, wenn auch sehr äußerlicher Ansatz, weil das Mädchen austauschbar wäre. Welches hat nicht den Traum, Prinzessin zu sein? Zudem hätte man sich das Gleiten von einer der Realität nahen Welt in ein Traumgeschehen phantasievoller gewünscht.

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Kiel nutzt in letzter Zeit immer wieder Projektionen auf Zwischenvorhänge, die sehr atmosphärisch und schnell Ort und Zeit verändern. Hier aber will man die Handlung vertiefen, indem man drei Ebenen schafft, die jeweils einen eigenen Bühnenbereich bekommen. In seinem Beitrag zum Programmheft erläutert der Choreograf seine Absicht: „Die Geschichte des Mädchens mit den Schwefelhölzern findet ganz vorne an der Rampe statt. Die Welt des Prinzen und der Gesellschaft, in der er lebt, nimmt die Bühnenmitte ein und ganz hinten haben wir noch einen kleinen ‚Guckkasten‘, der uns Blicke in eine dritte, sehr märchenhafte Welt gewährt.“

Das aber wirkt äußerlich und kühl kalkuliert, wenig geheimnisvoll, weil vielerlei Figuren in allen Bereichen auftreten, nicht nur die schwarze Fee, die alle Bereiche durchmisst. Auch die guten Feen haben nicht nur im Guckkasten Platz, wenn sie ihre Gaben bringen und quasi als Kindermädchen die Prinzessin im Kinderwagen umtanzen. Dass alles dennoch wundervoll anzusehen ist, ist dem grazilen, schwebenden Fluss des Spitzentanzes und der anmutig geformten Choreografie der Soli oder der Ensembles zu danken. Verstärkend wirken auch die feinsinnig gefärbten Tuttis in hellen Tönen von Weiß über Rosa zum Pink der Fliederfee. Heiko Mönnich gestaltete die Kostüme stilsicher, gab dem männlichen Personal blaue oder graue bis hin zu schwarzen Tönen. Ein tiefes Schwarz ist Carabosse vorbehalten, der bösen Fee, die durch alle Bereiche geistert. In dieser Dornröschen-Version wird das neidisch-boshafte Wesen männlich, warum nicht? In einem flatternden Gewand gibt ihr der Kubaner Yat-Sen Chang Oliva, ein Gast, mit wirbelnden Kreisen und grotesken Sprüngen einen hinreißend dämonischen Charakter.

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All das geschieht in Lars Peters Bühnenbild, das trotz riesiger geometrischer Elemente, reduziert auf Flächen mit Bogenformen, viel Raum bietet. Sie schweben wie selbst im Tanz über die Bühne, bewegt von magischen Kräften. Dennoch wirken auch sie kühl, stehen in ihrer Komplexität einer romantischen Empfindung im Wege, wie sie die Kostüme verbreiten, wie auch der klassische Tanz an sich ihn bewirkt. Denn Ivanenko versteht die Tanzsprache lebendig zu machen, kennt auch seine Tänzer genau, um sie ganz nach ihrem Vermögen und wirkungsvoll einzusetzen. In der Hauptrolle glänzt die Japanerin Keito Yamamoto. Sie ist eine grazile Aurora, die im Solo etwa des Rosen-Adagios oder in ihren Pas de deux wunderbar leicht sich bewegt. Ihre „Partner“, die vier Prinzen, bringen einen humorvollen Akzent, durch fein charakterisierende Bewegungsunterschiede gestaltet.

Einen Designer fügt Ivanenko in seine Choreogafie ein, von dem Russen Andres Rudnev als Gast mit viel Komik gestaltet, während andere Figuren fehlen. Die Fliederfee tanzt die Maiko Abe, auch sie Japanerin, ausdrucksvoll und mit fließender Eleganz. Glanzpunkt aber ist der Prinz, von Shizuru Kato getanzt. Er ist der dritte Japaner im international besetzten Ensemble und fällt durch seine Musikalität auf, die ihn seine Sprünge und Drehungen stets punktgenau passend zu Takt und Melodie gestalten lässt. Und noch eines sei erwähnt, dass auch in dieser Choreografie ein Tänzerpaar wieder Raum fand, das sich in Lübeck um den klassischen Tanz verdient macht. Es sind Caroline und Johannes Kritzinger, die als Königin und König viel Würde ausstrahlten.

Solistinnen, Solisten, Corps de ballet des Ballett Kiel, Foto: Olaf StruckSolistinnen, Solisten, Corps de ballet des Ballett Kiel, Foto: Olaf Struck

Die musikalische Leitung hatte Jan-Michael Krüger, der vom Gesang kommt und melodisch zu gestalten suchte, in dramatischen Momenten dem Orchester in der Lautstärke aber zu viel Raum bot. Im Violinsolo bewährte sich wieder einmal Lübecks Erster Konzertmeister Carlos Johnson.

Trotz einer nicht ganz aufgehenden Gesamtkonzeption und auch mit wenigen Momenten, die choreografisch erstarren, ist diese „Schlafende Schöne“ grandioses, mitreißendes Tanztheater.

Fotos: Kieler Aufführung aus dem Jahre 2015 (c) Olaf Struck

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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