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Über die göttliche Gabe artikulierter Rede
„My Fair Lady“ in Schwerin

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60 Jahre ist sie alt, immer noch attraktiv. Seit ihrer Uraufführung 1956 am Broadway rührt die Geschichte der Eliza Doolittle als "My Fair Lady" die Herzen landauf, landab.

In Lübeck stand sie vor 5 Jahren auf der Bühne, in Kiel wird sie in diesen Tagen wieder in den Spielplan aufgenommen. Und auch das Mecklenburgische Staatstheater in Schwerin bietet sie, solide, zugleich publikumswirksam (Premiere: 11. November 2016, besucht wurde die zweite Aufführung am 13. November). Dort hat Schwerins neuer Operndirektor Toni Burkhardt die Wette zweier wissenschaftlicher Hagestolze inszeniert, den Dissens darüber, ob eine junge Blumenverkäuferin, eben jene Eliza, von ihrem Straßenjargon weg hin zur göttlichen Gabe artikulierter Rede geführt werden kann.

Burkhardt stellte sich damit zum zweiten Mal an seiner neuen Wirkungsstätte vor. Auf die Beschäftigung mit einer romantischen Oper, Offenbachs Hoffmanns Erzählungen, folgte nun die mit My Fair Lady, einem der beliebtesten Musicals. Zugrunde liegt dem die gesellschaftskritische Komödie Pygmalion von Bernhard Shaw. Ihr gab der amerikanische Autor Alan Jay Lerner in seinem Libretto einen versöhnlichen Schluss, womit die böse Story weithin konsumierbar wurde. Zudem hatte Frederick Loewe, als Friedrich Löwe 1901 in Berlin geboren, später nach Amerika ausgewandert und dort 1988 gestorben, einschmeichelnde, bis heute mitreißende Melodien gefunden. Sie entfalteten auch in dieser Darbietung ihre Ohrwurm-Wirkung, wenn Eliza „Es grünt so grün“ artikuliert oder „Ich hätt‘ getanzt heut‘ Nacht“ träumt.

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Burkhardt hatte die revueartige Inszenierung vom Theater Nordhausen mitgebracht, wo er vorher arbeitete. Er verließ sich auf den bekannten Stoff und auf die wirkungsvolle Musik – und auf die am mecklenburgischen Haus bewährten Kräfte. Katrin Hübner gehört dazu, eine sehr bewegliche und bewegende Eliza, auch gesanglich mit hellem Sopran von großer Klasse. Man spürte ihren Spaß an der inneren und äußeren Wandlung von der kessen Verkäuferin, deren Sehnsucht die „warmen Beene“ sind, „wäre det nich‘ wundascheen“, und die zu einer gesellschaftlichen Aufsteigerin wird, vorher derb diszipliniert von dem, den sie liebt und der plötzlich merkt, dass er ohne sie nicht sein kann. Wie es in diesem Genre sein muss, bekommt sie nach einigen Verwirrungen ihren Dompteur. Den gestaltete der in Hamburg geborene Schauspieler Jochen Fahr. In 20 Jahren an diesem Theater hat er sich die Achtung des Publikums erworben.

Sein Professor Higgins, Phonetiker seines Zeichens, war quirlig angelegt, war kein verschrobener Gelehrter. Gekonnt überspielte er das Verachtende, das sein „Experiment“ und die Wette mit seinem Freund und Kollegen Oberst Pickering kennzeichnet. Pointiert, eher zurückhaltend und köstlich Higgins, seinen Wettkontrahenten, wiederholt mäßigend, spielte ihn der Tenor Christian Hees, auch er ein langjähriges Ensemblemitglied. Aus der gesellschaftlichen Gegenwelt stammt Alfred P. Dolittle, verkörpert von Christoph Reiche, dem man die Spielerfahrung an der Fritz-Reuter-Bühne anmerkte. Großartig verstand er den verqueren Charakter seiner Figur zu zeichnen. Der Müllkutscher und Vater Lizas sucht mit vom Alkohol umnebelter Derbheit und Gewitztheit „mit ´nem kleenen Stückchen Glück“ an dem seiner Tochter Anteil zu gewinnen und räsoniert, dass er sich den Luxus Moral nicht leisten kann. In kleineren Rollen glänzten Petra Nadvornik als rührige Mrs. Pearce, Elfie Schrodt als leise, doch resolute und würdevolle Mrs. Higgins und Matthias Koziorowski als Freddy Eynsford-Hill in sentimentaler Zuneigung zu Eliza. Er ist zurzeit auch in Lübecks Ariadne auf Naxos als Brighella zu erleben.

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Das Bühnenbild von Wolfgang Kurima Rauschning, auf der Drehbühne ein Gebäude, das einmal die Straßenseite, dann die Innenseite von Higgins Haus präsentierte, und dann die teils üppigen Kostüme (Ascot-Szene) von Anja Schulz-Hentrich passten zum Regiekonzept. Es war durch den Showcharakter geprägt, wobei Chor und Ballett häufig frontal zum Zuschauer agierten. Beides, Bühnenbild wie Kostüme, verzichten darauf, sich genau auf Zeit und Ort festzulegen. London wurde nur sprachlich assoziiert, aber auch der Ruhrpott. Aufgelockert wurden die Massenszenen durch die acht Tänzer des Balletts. Sie füllten in Jutta Ebnothers Choreographie geschickt den Markt und auch den Ballsaal. Assistiert wurden sie dabei vom Chor, der nicht nur gut klang, auch sicher agierte und mit vielen kleinen Partien gefordert war.

Die musikalische Leitung lag bei dem Kapellmeister Gregor Rot, der mit den Musikern der Staatskapelle der Bühnen beste Unterstützung gab, sich wunderbar in die Dialoge einfügte und sie in Gesang überleitete, auch den tänzerischen Duktus vieler Nummern feinsinnig traf.

Mit großem Applaus feierte das voll besetzte Haus die unprätentiöse, aber sympathische und in sich schlüssige Inszenierung.

Weitere Vorstellungen erst 2017: am 20. Januar, 23. und 24. März, 4., 5. und 17. Mai sowie am 3. und 4. Juni

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Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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