Foto: Kerstin Schomburg

"DEKALOG - Die zehn Gebote" oder
„Pass auf, neben Dir leben andere Menschen!“

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Wer kann sich nicht zumindest dunkel erinnern an den monumentalen Hollywood-Schinken aus dem Jahre 1956 mit Charlton Heston und Yul Brynner in den Hauptrollen, 14.000 Komparsen und 15.000 Tiere als Mitwirkende, wie Moses vom Gottesberg heruntersteigt und vor Zorn über das abtrünnige Volk Israel die in Stein gemeißelten Gesetzestafeln zertrümmert.

Alles andere als monumental war die Aufbereitung und Inszenierung der „Zehn Gebote“ bei der Premiere am letzten Freitag in den Kammerspielen, die als Vorlage die zehnteilige Verfilmung des polnischen Regisseurs Krzystof Kieślowski hatte. Jeder Film – alles spielte in den unsicheren Zeiten im Polen Ende der 80er Jahre - stand für je ein Gebot. Und so kommen zur Aufführung zehn aneinandergereihte Geschichten, die jeweils einen Bezug zu einem speziellen Gebot aus dem Exodus-Buch haben. Die Bühne gibt quasi schon eine minimalistische Struktur vor, und so werden die Szenen oft nur dialogisch oder zu dritt dargeboten. Alles lebt von der Zuspitzung von Alltagssituationen hin zu existenziellen Krisen im kleinen Lebensumfeld der Akteure. Der Nächste, Ehepartner, Nachbar, Vorgesetzte, Patient, das werdende Kind im eigenen Bauch, eine alte Beziehung, der Schutzbefohlene, die eigene Person, ja, die eigene Seele: Auf einmal gerät alles auf den Prüfstand, was bislang eine feste Größe war und welche Werte bis dahin zählten. 

Theater vollbringt an dieser Stelle die Verdichtung der Frage nach der Gültigkeit der Gebote über alle Epochen und Lebensumstände hinweg. Was heißt hier und jetzt: „Du sollst nicht ehebrechen“, heißt es überhaupt etwas? Dabei ist soziologisch gemeinhin anerkannt, dass es einer Gesellschaft guttut, sich nach solch einem „Rahmen“ zu richten. Tatsache ist allerdings, dass wir diese an sich guten „Rahmenbedingungen“ ja tausendfach am Tag brechen (nach der Bergpredigt Jesu brauche ich schon bei der einfachen gedanklichen Übertretung einen sehr guten Anwalt).

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Timo Tank, Foto: Kerstin Schomburg

Von den Schauspielern hervorragend umgesetzt sind die Wandlungen von einem hoch dramatisch inszenierten Dialog zum nächsten „Gebot“, das komödiantisch präsentiert wird, wo einem aber beim Erkennen des eigentlichen Konflikts das Lachen schon mal im Halse steckenbleiben kann. Die Wandlungsfähigkeit der Lübecker Ensemblemitglieder: einfach bewundernswert! Auch ein großes Lob an Regisseurin Crescentia Dünßer, die es verstanden hat, den zehnstündigen Filmstoff auf 2 Stunden 30 Minuten Theater „ruckelfrei“ zusammenzudampfen. Auch die A-cappella-Gesänge zur Unterstreichung des religiösen Bezuges sind eine (vielleicht zu zaghaft umgesetzte) gute Idee. Auch die zwischen den einzelnen Geschichten wie Fremdkörper wirkenden Engel mit viel zu großen Flügeln lassen den Gedanken freien Raum. Sind es etwa Schutzengel? Angenehm ist auch, dass aktuell-politische Themen nicht bemüht werden. Für Crescentia Dünßer gilt die Filmvorlage.

Was bleibt also? Erst mal die Einladung, ja fast Aufforderung, sich das Stück anzusehen. So viele Menschheitsfragen auf einmal, in zehn unterschiedliche Geschichten gepackt, werden ja selten auf einmal verhandelt. Aber nicht ohne vorher 2. Mose 20 gelesen zu haben, denn ein wenig Vorbereitung darf schon sein. Dann fällt die Antwort nach den eigenen Wertekoordinaten vielleicht einfacher aus, wenn ich mich frage: „Wie hättest du anstelle dieser oder jener Person gehandelt?“ Für den Agnostiker Kieślowski gilt der im Titel enthaltene Aufruf: „Pass auf, neben dir leben andere Menschen!“ Reicht das aus, führt uns das Stück auch auf andere Fährten? Wer weiß das schon im Voraus? Aber eben das macht Theater aus, ergebnisoffenes Nachdenken über das, was Menschen betrifft!

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DEKALOG - Die zehn Gebote - Susanne Höhne, Foto: Kerstin Schomburg DEKALOG - Die zehn Gebote - Susanne Höhne, Timo Tank, Annika Martens, Foto: Kerstin Schomburg DEKALOG - Die zehn Gebote - Henning Sembritzki, Annika Martens, Susanne Höhne, Andreas Hutzel, Jan Byl, Foto: Kerstin Schomburg DEKALOG - Die zehn Gebote - Timo Tank, Foto: Kerstin Schomburg

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