Christoph vor der Brötchenfrage: Gluten oder nicht Gluten?, Foto: Beatrice Schuberth

Nachhaltiger Handel
Was konsumieren?

Christoph KrelleVon

Es ist ein ganz normaler Morgen. Ich gehe zum Bäcker, hole Brötchen. Und schon stehe ich vor der ersten entscheidenden Frage. Mit oder ohne Gluten?

Hm, meine Nachbarin meinte, es wäre gesünder, Bio zu essen, auf Gluten und Geschmacksverstärker zu verzichten. Überhaupt müssten meine Nerven schon ganz schön abgestumpft sein, wenn ich immer nur esse, was mir vor die Nase kommt. Also gut, diesmal Bio-Dinkel.

Am Frühstückstisch wische ich übers Tablet und öffne die Nachrichten-App. Neueste Meldung: Die Bienen sterben aus. In den vergangenen fünfzehn Jahren wurden an den Bienenstöcken vermehrt tote Tiere gefunden – der Grund scheint bislang unbekannt, doch es gibt Erklärungen. Ich stelle den Honig beiseite und lege mir lieber eine Scheibe Käse auf die Dinkelhälfte. Dann lese ich weiter: Viele Bauern würden ihren Anbau mit Chemikalien übersäen, um sie vor Insekten zu schützen. Nicht nur die Bienen, auch andere Arten wie Fliegen, Schmetterlinge oder Käfer hätten darunter zu leiden. Bio-Bauern dagegen würden so etwas nicht tun. Aha, dann liege ich mit Bio-Dinkel ja goldrichtig.

Ich wische weiter, nächste Headline: Erstmals könnte die Menge an Plastik in den Meeren die Menge an Fischen übersteigen. Laut einer Studie sollen vor allem Autoreifen, Verpackungen und sogenanntes Mikroplastik den Lebensraum der Ozeane gefährden. Nachdenklich blicke ich auf den Tisch. Das Honigglas – es hat einen Plastikdeckel. Hätte ich den Honig nicht kaufen sollen? Im Beitrag heißt es, die Verbraucher könnten dazu beitragen, das Problem zu lindern, indem sie auf Kunststoff verzichten, das Auto öfter stehen lassen und statt Kleidung aus Polyester lieber zu Naturfasern wie Baumwolle, Viskose oder Leinen greifen. Zum Bäcker bin ich gefahren. Und mein Hemd enthält tatsächlich synthetische Anteile. Ich fühle mich unwohl.

Schnell schließe ich die Rubrik, wechsle zur Wirtschaftsseite. Top-Thema: Billigware aus Bangladesch – wie große Modekonzerne bedürftige Menschen schuften lassen. Kunden, die sich für die bunten Baumwollpullover entscheiden, sollten wissen, woher sie kommen, denn die Arbeitsbedingungen wären weit schlechter als hierzulande. Ist Polyester also doch nicht so verkehrt? Hm. Ich werfe meine Kleidung ja nicht direkt ins Meer, ich trage sie möglichst lange auf und dann kommt sie in die Kleidersammlung, für einen guten Zweck. Nächster Beitrag: Das große Geld mit der Recycling-Mode – Unternehmen mischen Altkleider mit Altplastik, um nachhaltig zu produzieren.

Im dritten Absatz heißt es, es sei unklar, wer davon den größten Vorteil hätte, also Umwelt, Kunde oder doch das Unternehmen. Das vermeintlich nachhaltige Verfahren würde vor allem die Produktionskosten senken, durch das Öko-Versprechen würde die Ware jedoch teurer verkauft als andere, und was die Umwelt angeht, kann nicht davon ausgegangen werden, dass es sich um wirklich gute Qualität handeln würde. Insbesondere die recycelten Plastikflaschen seien oft mit heiklen Krankheitserregern kontaminiert, die bei der Produktion nicht immer erkannt werden könnten. Ich schlage verzweifelt die Hände über den Kopf.

Ich erinnere mich an eine ehemalige Kollegin, die mir erklärte, wie viel umweltfreundlicher es ist, in der Mode-Industrie auf Kunstfell zu setzen, dabei steht hier nun, synthetische Textilien lassen Fische sterben und schaden der Gesundheit. Wetten, ich finde noch einen Bericht, aus dem hervorgeht, dass die wilden Tiere im Wald gezielt von Jägern gezüchtet wurden, damit die ihren Jagdsport nicht verlieren? Sie nehmen Leben und fügen es wieder hinzu … Seltsamer Gedanke. Aber wenn sie vielleicht nehmen, was sie vorher gegeben haben, dann wirkt das im Verhältnis ja auch irgendwie schonend, oder?

Alle drängen darauf, nachhaltiger, bewusster, ökologischer zu leben, doch an allem Ökologischen, Bewussten, Nachhaltigen scheint es immer wieder einen Haken zu geben. Ist diese denn wirklich schon die beste aller möglichen Welten? Mein Smartphone vibriert. Sabine ruft an. „Hey, wie geht’s?“ – „Bestens, und dir?“ – „Ich frühstücke gerade …“ – „Etwa ohne Gluten, ohne Geschmacksverstärker?“ – „Ja, Bio.“ – „Was genau?“ – „Dinkelbrötchen.“ – „Die sind nicht glutenfrei.“ – „Sind sie nicht?“ – „Nein.“ – „Sollen aber Bio sein!“ Wir diskutieren. Und ich stelle mir vor, wie sie daliegt, auf dem blanken Fußboden. Sabine hat seit drei Jahren keine Möbel mehr. Wegen der Umwelt. Ist auch besser für ihren Rücken, sagte sie. Und ich? Ich sitze gemütlich auf meiner Couch. Leder. Naturprodukt. Von genetisch gezüchteten Ziegen. Mit Gütesiegel, also extrem nachhaltig. Garantiert!

Im Übrigen, Sabine trägt Palmblätter statt Kunststoffslips. Ich warte noch, bis die für Herren zertifiziert werden. Sicher ist sicher.

Christoph Krelle
Christoph Krelle
Nicht in Lübeck geboren, aber in Lübeck zum Schreiben gefunden - auch dank "unser Lübeck", für das er seit 2014 in unregelmäßigen Abständen schreibt. Ansonsten Journalist, Autor und Dozent für kreatives Schreiben.
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