Fest der Chöre im Dom zu Lübeck

Gerda VorkampVon

Einsingen 14:15 Uhr, Auftritt 16:31 Uhr. Eigentlich rechnet niemand damit, dass ein so strenger Zeitplan auf die Minute eingehalten werden kann, wenn elf Chöre, ein Bläserkreis, die Orgel, die Gemeinde und sogar alle gemeinsam agieren.

Umso erstaunlicher, wie reibungslos die Organisation dieses großen Ereignisses funktioniert. Da ist es überhaupt nicht mehr nötig, auf die Uhr zu schauen, und es lässt sich nur noch erahnen, wie viel Logistik und Engagement bereits im Vorfeld nötig waren, um dann mit gebotener Gelassenheit das gesamte Geschehen über die Bühne bringen zu können. Empfangen von festlichen Bläserklängen, trudeln um 14 Uhr herum die ChorsängerInnen in Scharen im Dom ein, finden unter anderem anhand der jeweiligen Farbakzentuierungen auf vorherrschendem Schwarz zueinander, gruppieren sich in allen Ecken und Winkeln, um sich dort dem Einsingen zu widmen. Mit Schwung werden wir dazu angehalten, die allgegenwärtige Botschaft des Nachmittags schon jetzt zu verkörpern: Singen macht Freude. Die Sonne dieses strahlenden Spätsommertages bringt Helligkeit und zusätzliche Wärme in das gesamte Kirchenschiff und trägt zur positiven Grundstimmung bei.

Kaum dass die Mitwirkenden noch ein brauchbares Plätzchen im fast voll besetzten Dom gefunden haben, ertönt von den Bläsern unter der Leitung von Margarete Heller das Motto des Festes „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn“ in der Vertonung von Dieter Wendel. KMD Hans-Martin Petersen führt mit knappen Ansagen schnörkellos, aber dennoch heiter und informativ durch das Programm, das auch optisch im kleinen Begleitheft ansprechend und übersichtlich gestaltet ist. Dort finden sich gut lesbar abgedruckt ebenfalls die zum Teil vierstimmigen Choräle, die vom Publikum mit Bläser- oder Orgelunterstützung gesungen werden und jeweils die Chorauf- und abtritte überbrücken.

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Schnell wird klar, dass es hier um keinen Wettstreit der Chöre geht, sondern in einem lockeren Reigen ein Querschnitt dessen dargeboten wird, was in Lübeck an kirchenmusikalischen Aktivitäten anzutreffen ist. Entsprechend groß ist die Spannweite der Qualität und des Repertoires, in dem Werke von Hugo Distler ein weiteres Mal in seinem Jubiläumsjahr einen Schwerpunkt bilden. Einfache Choralsätze wechseln ab mit höchst anspruchsvoller Chorliteratur aus unterschiedlichsten Epochen, Gospels und Popsongs sind ebenso vertreten wie ein schwedisches Volkslied, Altbekanntes tritt neben selten zu Hörendes. „Vom Spatzenchor bis zum Seniorenchor ...“, wie Herr Petersen meint. Da hat er wohl beim Spatzenchor die Größe und beim Seniorenchor das Alter im Sinn, denn leider tritt weder ein Kinder- noch ein Jugendchor auf.

Ansonsten dürfte aber wirklich für jeden Geschmack etwas dabei sein. Sicher ein Grund mit dafür, dass die meisten Anwesenden von Anfang bis Ende des kostenlosen zweieinhalbstündigen Festes ausharren und nur hier und da die Plätze tauschen, um die Chöre auch besser sehen zu können. Wem der Klang im hinteren Teil des Doms nicht mehr differenziert genug überkommt, was bei dem langen Nachhall einfach nicht zu vermeiden ist, wagt sich behutsam weiter vor. Hier und heute geht es nicht nordisch steif zu, aber dennoch entsteht in diesem ungezwungenen Rahmen erstaunlicherweise keine störende Unruhe, was selten ist. Den aus rein praktischen Gründen seitwärts platzierten Bläsern sowie Prof. Armin Schoof an der Orgel gebührt ein besonderes Lob, sozusagen je ein Oscar für die besten Nebenrollen. Eine Beurteilung der einzelnen Chöre würde diesen Rahmen sprengen und wäre der Sache auch überhaupt nicht dienlich. Singen macht Freude, auf welchem Niveau spielt in diesem Fall gar keine Rolle, im Gegenteil, es möge sich jede Stimme ihren Fähigkeiten entsprechend wohlfühlen; da kommt ein breites Spektrum an Singgemeinschaften doch gerade recht. Zumindest aber seien alle singenden Mitwirkenden samt ihren DirigentInnen abschließend der Vollständigkeit halber in der Reihenfolge ihres Auftritts genannt – in der Hoffnung, dass auch im nächsten Jahr wieder ein Fest der Chöre stattfinden wird, vielleicht mit dem Auftritt eines Kinderchores um 15:42 Uhr.

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Es sangen mit Freude: St. Johannes-Chor Kücknitz (Norbert Drechsler), St. Jürgen-Kantorei/St. Augustinus-Chor (Claudia Nolte), Lübecker Seniorenchor an St. Jakobi (Hanne-Lore Reetz), Kantorei der Wichern- und der Luthergemeinde (Volker Linhardt), PopcOhr der Kirchengemeinde Kücknitz (Raphael De Vos), Lübecker Gospel- und Popchor „GosPop“/Vocapella Lübeck/Vereinigte Kantoreien in St. Gertrud (Peter Wolff), Bodelschwingh-Kantorei/Lübecker Vocalensemble (Bärbel Barschkies-Miura), Lübecker Domchor (Hartmut Rohmeyer). Ihnen allen ebenso wie dem Publikum vielen Dank für ein gelungenes Fest!

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Fotos (c) Katja Launer

Fotos: (c) Katja Launer

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
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