„Licht und Schatten"
10 Jahre Kuhn-Orgel

Gerda VorkampVon
Wer wirklich besondere Konzerte mag, sollte seine Schritte vielleicht öfter einmal in die Propsteikirche lenken (auch und gerade bei heißem Wetter), die immer wieder für faszinierende Überraschungen gut ist. So auch am letzten Sonnabend, wo im Rahmen der Festtage „10 Jahre Kuhn-Orgel“ ein außergewöhnliches Abendprogramm für Percussion & Orgel stattfand, dargeboten von Cornelia Monske (Schlagwerk) und Kerstin Petersen (Orgel). Wenn bei einem Kirchenkonzert Johann Sebastian Bach zwar an zentraler Stelle im symmetrisch aufgebauten Programm, aber als absoluter Außenseiter neben den ansonsten zeitgenössischen Komponisten steht, will das schon etwas heißen.

Dennoch fügt sich [nomen est omen] seine etwas widerborstige Toccata und Fuge in d, BWV 538, in die Thematik des Abends, dem Wechselspiel zwischen Hell und Dunkel. Zu Beginn lässt die Sonne die Fenster des Altarraumes rot erglühen und schafft die passende Stimmung zur Komposition von William Albright (1944–1998), Halo für Orgel und Percussion, die die Brechung und Spiegelung von Sonne- oder Mondlicht akustisch umzusetzen versucht. Hier werden wir gleich mit den in einer Kirche selten anzutreffenden Percussion-Instrumenten (Becken, Tamtam, Glockenspiel, später auch Vibraphon) vertraut gemacht, und die Bedienung derselben hat durchaus auch seinen optischen Reiz, nicht nur für die anwesenden Kinder, die zunächst noch sehr gebannt gucken und lauschen (bevor sie sich später auch schon einmal die Ohren zuhalten). Vom Licht wenden wir uns sodann dem Schatten eines Totentanzes zu, Jig for the Feet, ein Orgelsolo, ebenfalls von Albright. Vertrautere Klänge? Vielleicht. Aber wer hat schon je ein Pedalsolo gehört, und kann es wirklich sein, dass diese Virtuosität allein von einem Paar Füßen bewältigt wird?

Die Hände dürfen bei der folgenden Elegy (In Memory of Albert Einstein) von Herman Berlinski (1910–2001) wieder mit dabei sein (übrigens ebenfalls die von Heiner Arden, der die Organistin heute beim Registrieren unterstützt – der so wichtige Part, der unverständlicherweise meist unerwähnt bleibt). In den anschließenden Schwarzen Wolken von Edisson Denissow (1929–1996) kommt das Vibraphon als Solist zum Einsatz und wir erleben, welch enorme Spannbreite an Ausdrucksmöglichkeiten diesem Instrument entlockt werden können. Nach der oben erwähnten Bach-Fuge erfolgt wiederum ein Wechselspiel zwischen Orgel und Schlagwerk, von den Spielerinnen so perfekt gestaltet und aufeinander abgestimmt, dass es bisweilen nur noch schwer zu unterscheiden ist, welche Töne im Moment vom Vibraphon und welche von der Orgel erzeugt werden. Das Werk stammt von Bernhard Krol (*1920) aus Vier Biblische Visionen für Vibraphon & Orgel, op. 147, wobei den einzelnen Teilen Bibelzitate vorangestellt werden (mit sonorer Stimme vorgetragen von Nils Petersen).

Nach einer weiteren, sinfonischen Orgelkomposition von Berlinski, The Burning Bush, aus dem Jahre 1957, das schon mal bis zur akustischen Schmerzgrenze vordringt, sie aber keineswegs überstrapaziert, folgt der Blues for Gilbert von Mark Glentworth (*1950), entstanden im Gedenken an seinen verstorbenen Freund und Lehrer. „Es ist eine jazzartige Improvisation für Vibraphon mit raffinierten Anklängen an bekannte ,Standards’, harmonisch ausgeklügelt, nachdenklich – zart, voller subtiler Melancholie, sphärenhaft – zauberisch, träumerisch – versonnen mit lange nachhallenden, an Orgelklänge erinnernden Tönen“ (Zitat aus dem sehr informativen, gerade auch die dunkleren Töne des Programms aufhellenden Begleittext). Dieses Stück empfinde ich als so wunderschön, das ich für lange Momente vollkommen versunken bin und nur mühsam für die letzten beiden Stücke wieder auftauche. Dabei hilft das laut tickende Metronom, das beim Schattentanz von Theo Brandmüller (*1948) zeitweise ein weiteres Pedalsolo begleitet und trotz seiner Rhythmusvorgabe wie ein Fremdkörper wirkt. Dass zum Abschluss des Konzertes Halo wiederholt wird und uns damit Ungewohntes nun bereits ein wenig vertrauter klingt, wirkt wie eine vorweggenommene Zugabe und rundet den Abend auf willkommene Weise ab.

Die hohe Konzentration, die beiden Spielerinnen abverlangt wird, um den starken Nachhall in der Propsteikirche samt räumlicher Distanz von Orgel zu Schlagwerk buchstäblich in Einklang zu bringen, steht während des gesamten Konzertes fast greifbar im Raum und überträgt sich auf das leider nur so kleine Publikum, das bis zum Ende mit großer Spannung diese gekonnte Darbietung verfolgt und mit starkem Beifall belohnt. Cornelia Monske, Professorin für Schlagwerk an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, und Kerstin Petersen, freischaffende Organistin, sind vortrefflich aufeinander eingespielt und agieren hier als gleichwertige Künstlerinnen, jede für sich ganz offensichtlich bzw. hörbar eine Meisterin auf ihrem Instrument und gemeinsam wie geschaffen dafür, uns diese selten gehörten Kompositionen in einem spannungs- und abwechslungsreichen Programm auf künstlerisch höchstem Niveau nahezubringen.

Ein heißer Tipp für die nun kühlere Witterung: das Abschlusskonzert im Rahmen o.g. Festtage, „Rejoice in the Lamb“, mit Werken für Chor und Orgel von Benjamin Britten, Zoltán Kodály u. a. (Jan Doležel: Orgel, Kammerchor Cantus Lübeck, Leitung: Heiner Arden), Sonnabend, 14. Juni, 18.15 Uhr, Propsteikirche Herz Jesu.

Gerda Vorkamp
Gerda Vorkamp
Geboren 1958 in Herford, Lehramtsstudium, Angestellte im Fremdsprachendienst, freiberuflich tätig als Lektorin. Bei Unser Lübeck seit Beginn als Autorin und seit 2016 als Redakteurin dabei.
Weitere Artikel

Kommentar schreiben
Wir freuen uns über konstruktive Kommentare, die die Nettiquette beachten. Unsere Autoren schreiben ehrenamtlich für "unser Lübeck". Bitte schreiben Sie nur, was Sie dem Gegenüber auch ins Gesicht sagen würden. Für ein kultiviertes Internet!

Unsere Kommentare werden moderiert! Wir bitten um Verständnis, dass wir Kommentare löschen oder nicht freischalten, die werblichen, strafbaren, beleidigenden oder anderweitig inakzeptablen Inhalts sind.