Der MESSIAS
Ein Händel-Festspiel in St. Jakobi zu Lübeck

Von

Interessierten Oratorienliebhabern ist sicherlich bekannt, dass gerade der Händel`sche Messias praktisch zu jeder Jahreszeit zur Aufführung gelangen kann, weil hier alttestamentarische Verheißungen, adventlich-weihnachtliche Geschehnisse, Passions- und Ostergeschichten sowie Zukünftiges aus der Johannes-Offenbarung thematisiert werden; also ein bunter Strauß aus vielen Bibelstellen und zeitlich weit auseinanderliegenden Ereignissen.

Jedoch vermag dieses Meisterwerk gerade während der Adventszeit seine größte Wirkung zu entfalten, so wie es auch an diesem 3. Advent in der Lübecker St. Jakobi-Kirche eindrucksvoll gelungen ist. Der Impuls für Händel, den Messias in der uns bekannten Form zu komponieren, kam von seinem Vertrauten und Librettisten Charles Jennens, der für die textliche Zusammenstellung solcher Oratorien zuständig war. 

Um das angelsächsische Publikum dafür zu erwärmen, dies sakrale Werk auch in weltlichen Theatern anzuhören, machten beide den einen oder anderen Kompromiss, direkte Zitate Jesu wurden ausgespart, selbst der „Messiah“-Titel war umstritten. Man schrieb immerhin das Jahr 1743, und speziell London gab sich sehr puritanisch.

Der Ablauf untergliedert sich grob in drei Teile:
- die Verheißung und Geburt des Heilands, meist aus dem Jesajabuch entnommen
- Passion und Auferstehung Jesu
- Erlösung und Wiederkunft des Messias mit dem großen „Amen“ zum Schluss in Anlehnung an die Johannes-Offenbarung

Das Geheimnis um den Erfolg gerade dieses Oratoriums könnte man mit den drei Stichworten umschreiben, die schon bald nach der Dubliner Uraufführung 1742 die Runde machten: „the Sublime, the Grand and the Tender“. Musikalisch vermag Händel in einzigartiger Weise die Eigenschaften Gottes durch die Zeitgeschichte hindurch zu beschreiben und die Facetten des Schöpfers des Universums vor Augen zu führen. Das Erhabene (Sublime) sowie die Größe (Grand) drücken vor allem die Mächtigkeit und das Heilige Gottes aus – sicherlich am ausdrucksstärksten im „Halleluja“ und der „Amen“-Fuge. Aber auch die Zärtlichkeit (Tender) des Herrn der Welt breitet Händel in einem bunten Klangteppich gleich vor den Zuhörern aus - gerade auch im Adventsabschnitt, wo über die „Pifa“, einer Hirtenmelodie, oder das Duett He shall feed his flock den Hirten zu Bethlehem die Geburt im Stall ganz sanft angekündigt wird. Und selbst im Halleluja-Chorteil ist dieses dreiteilige Muster auszumachen, da es sich hierbei keineswegs um ein vierminütiges Fortissimo handelt. Georg Friedrich Händel kannte das Opernfach von der Pike auf und wusste auch im Oratorium alle nutzbaren Stilmittel optimal einzusetzen.

Dass sich also Ulrike Gast, Kantorin an St. Jakobi, mit ihrem Ensemble sowie dem Elbipolis Barockorchester und den vier Solisten an dieses Opus wagte, ist schon allein aller Ehren wert. Alle Beteiligten meisterten es mit Bravour. Die Akustik St. Jakobis verlieh Chor als auch Instrumenten einen Abstand zum Profanen oder Alltäglichen. Die klangliche Virtuosität will quasi den Hörer zur Botschaft des Evangeliums locken. Der im Englischen vorgetragene Text des Chores schmiegte sich völlig an instrumentale Begleitung und ins Kirchengemäuer ein. Und selten zuvor habe ich Trompetenpassagen so vollendet gehört wie in der Bass-Arie The trumpet shall sound.

Was die Illumination anbetrifft, so war der Altarbereich mit den reich verzierten Skulpturen in ein sehr angenehmes Nachtblau getaucht. „So war die Nacht über den Hirtenfeldern“ konnte man assoziieren. Einzig die sinnfreien Überblendungen im mittleren Deckenbereich haben einfach nur abgelenkt, sobald man hochblickte.

Ein Grund für den Erfolg dieser Komposition Händels ist in der Tatsache begründet, dass sie Gewissheit transportiert. Es gibt einen Anfang, die Ankündigung des Messias, das Weihnachts- und Passionsgeschehen und als Endpunkt die Auferstehung der Toten beim Klang der Posaune. Während Oper und Theater das Publikum zuweilen mit einem offenen Ende im Ungefähren und oftmals ratlos entlassen, wird im Genre des Oratoriums kein Zweifel über die Faktenlage gelassen.

Ulrike Gast und ihre Mitstreiter haben jedenfalls Gefallen gefunden an solchen Herausforderungen. Im kommenden Jahr soll dann die Matthäus-Passion anstehen. Es wäre in jeder Weise eine mindestens ebenso große Aufgabe. Für diesen 3. Advent hat sich auf jeden Fall aller Einsatz der Akteure gelohnt, was sich nicht zuletzt auch im lang anhaltenden Beifall niedergeschlagen hat. Es war ein Stück Advent in Reinkultur. 

Titelfoto: Elbipolis Barockorchester (c) Marianne Menke

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