Kent Nerburn
Nicht Wolf nicht Hund. Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer

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Das Buch – geschrieben im Stile eines Roadmovies - erzählt von der Ignoranz der weißen Amerikaner gegenüber den amerikanischen Ureinwohnern, von Gewalt und Leid, aber auch von Vergebung und Versöhnung - und es ist kein einfaches Buch.

Es führt den weißen Ethnologen und Schriftsteller Kent Nerburn an seine physischen und psychischen Grenzen und erweist sich auch für den Leser als schwere Kost. Der mit dem indianischen Leben vertraute Schriftsteller Kent Nerburn wird von dem alten Lakota-Indianer Dan damit beauftragt, seine über Jahrzehnte gesammelten Aufzeichnungen zu einem Buch indianischer Prägung zusammenzustellen.

Dan stemmt sich mit aller Kraft gegen den endgültigen Untergang der indianischen Geschichte und Kultur und „benutzt“ Nerburn als sein Sprachrohr. „Ich sage diese Dinge, weil ich glaube, dass sie gesagt werden müssen.“ Er möchte am Ende seines Lebens „das Wort erheben“. Doch schnell wird deutlich, dass dem Indianer der Blick des Weißen auf seine Aufzeichnungen nicht gefällt, und er entscheidet „Wir sollten es wohl doch besser auf die indianische Art machen.“

So nehmen der fast achtzigjährige Indianer Dan und dessen Freund Grover in Begleitung eines alten Hundes den Autor Nerburn (und den Leser) mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Dans Sprache gegenüber Nerburn ist rau, aber nicht feindselig, eher die Sprache eines Lehrers einem Unwissenden gegenüber, manchmal nachdrücklich und ohne Schnörkel.

Er erzählt, ja doziert über die Zeit, als die weißen Siedler sich anschickten, den Kontinent Amerika zu erobern und dabei den Indianern unendliches Leid zufügten: Sie töteten viele von ihnen, vertrieben sie aus ihrem eigenen Land, stahlen ihnen ihre Weisheit und Religion. Und der Schmerz, den Dan empfindet, wird deutlich spürbar geschildert.

Nerburn stößt zunächst auf reserviertes Verhalten der Indianer ihm gegenüber, auch auf Ablehnung. Welchen Grund hätten die Indianer auch, freundlich gegenüber einem Weißen zu sein, ihm zu trauen? Nerburn ist sich des Drahtseilaktes bewusst, als er sich eingesteht, dass er als Weißer „Angst hat, unter Indianern zu versagen, womöglich nicht wieder gut zu machenden Schaden anzurichten, wie so viele zuvor.“

Auf der Fahrt durch die Weiten der USA geraten Dan und Nerburn häufig in Streit über die weißen Amerikaner und die Ureinwohner Amerikas, fechten ihre Auseinandersetzungen aber mit viel Witz und Ironie aus, was das Buch auch an vielen Stellen durchaus unterhaltsam und lebendig macht. Dan berichtet von den Werten der Indianer, den Konflikt mit den weißen Siedlern, der durch die unterschiedlichen Wertvorstellungen entstanden ist, z.B. die unterschiedliche Einstellung zu einem einmal gegebenen Versprechen, was für den Indianer heilig ist, für den Weißen aber durchaus beliebig.

Er erzählt mit großer Ehrfurcht von der Erde, die ihnen Mutter ist. „Wir waren eins mit dem Lande.“ „Wir betrachten das Land nicht als unser Eigentum.“ „Die Erde gab uns, was wir benötigten, und wenn wir es brauchten, gaben wir es ihr zurück.“ Die fremden, weißen Siedler wollten die Erde, das Land besitzen. Zwei völlig entgegengesetzte Auffassungen prallten aufeinander, was dazu führte, dass die Weißen die Lebensgrundlage der Ureinwohner zerstörten und sie heimatlos machten.

Und dieses Unrecht führt der alte Lakota-Indianer Nerburn und damit dem Leser an vielen Stellen des Buches vor Augen, so dass es manchmal schwer fällt, sich in dieser Offenheit und Ehrlichkeit mit den Wahrheiten von Gewalt und Leid zu konfrontieren. In der Einführung drückt der Autor es so aus: „Indem ich die Geschichte aus meiner Perspektive erzähle, biete ich eine Identifikationsmöglichkeit, nehme ich Sie mit in die Welt der amerikanischen Ureinwohner und überlasse Sie dann jenen Menschen, deren Stimmen darauf warten gehört zu werden.“

Dan führt Nerburn an für die Indianer wichtige Orte und Gedenkstätten - physisch, aber auch spirituell -, um ihm eine Lektion zu erteilen und letzten Endes das den Indianern zugefügte Leid und die Gewalt für ihn am eigenen Leib erlebbar zu machen. Es ist ein Buch der Abrechnung, der Konfrontation, es ist aber auch der Versuch, einen Weg zur Versöhnung und für Vergebung zu finden.

Das Buch ist 1994 in den USA erschienen. 2017 ist es in Großbritannien neu aufgelegt worden mit einem Vorwort von Robert Plant, dem Sänger von „Led Zeppelin“. 2017 wurde das Buch verfilmt.

Kent Nerburn: Nicht Wolf nicht Hund. Auf vergessenen Pfaden mit einem alten Indianer, C.H.Beck, 2. Auflage, 2018, Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich.

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