Delia Owens
Der Gesang der Flusskrebse

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Nachdem ich das Buch, das mich emotional sehr bewegt hat, zu Ende gelesen hatte, standen für mich mehrere Fragen im Raum: Was passiert mit einem Menschen, der von der Gesellschaft ausgesondert wird, wie Abfall, möchte ich fast sagen? Was passiert mit einer Gesellschaft, die es sich leistet, einen Menschen so gnadenlos zu stigmatisieren und auszusondern? Darf sie sich das leisten?

Das Buch hat mich wie ein Sog in seinen Bann gezogen, in die Landschaft der Marsch in North Carolina, USA, und in die Lebensgeschichte der Protagonistin Kya, die in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts spielt.

Ein Erzählstrang erzählt Kyas von Einsamkeit geprägtes Leben, nachdem sie von allen ihren Familienmitgliedern verlassen wird. Ab ihrem 6. Lebensjahr wächst sie, völlig auf sich allein gestellt, in einer alten Hütte nahe einer Kleinstadt auf, nur umgeben von Natur, die ihr zur Begleiterin und Mutter wird. Von den Menschen der Kleinstadt erfährt sie – bis auf wenige Ausnahmen - nur Feindseligkeit und Ablehnung.

Kyas Einsamkeit ist so tief, dass man sich irgendwann fragt, wie Liebe und Vertrauen zu Menschen überhaupt in ihrem Leben einen Platz finden können. Denn natürlich sehnt sie sich nach Liebe und Anerkennung. Das erzählt die Autorin in empfindsamen Worten und eindrücklichen Bildern. Sie erzählt, wie Kya den Widrigkeiten ihrer Existenz trotzt, sich unter großen Mühen ins Leben kämpft und sich der Liebe öffnen kann.

Beeindruckend sind für mich die Gedichte, die in den Text eingestreut sind. Sie untermalen und verdichten Kyas Erleben und machen es für den Leser in sehr poetischer Weise mit erlebbar. Die grandiosen Landschaftsbeschreibungen von Meer, Sandbänken, Salzwiesen, Vögeln und Muscheln lassen den Leser ebenso intensiv an der Natur des Marschlandes teilhaben. Kya wird im Verlauf der Handlung untrennbar so sehr ein Teil dieser Natur, dass sie tatsächlich zu dem „Marschmädchen“ wird, das die anderen immer in ihr sehen.

Mit Kyas Schicksal und dem Schicksal des Ortes ist ein Mord an einem jungen Mann verwoben. Die Aufklärung dieser Kriminalgeschichte bildet den anderen Erzählstrang des Romans. Ein Satz, den ihr Bruder an Kya richtet, weist für mich über die erzählte Geschichte hinaus und mag die Essenz dieses Romans sein: „Tatsache ist nun mal, dass Liebe oft Schiffbruch erleidet. Aber selbst wenn sie scheitert, verbindet sie dich mit anderen, und letzten Endes ist alles, was wir haben, Verbundenheit.“

Dies ist ein Buch, das man tatsächlich von vorn beginnen möchte, nachdem man die letzte Seite gelesen hat. Es ist aber auch ein Buch, das den Leser betört und verstört zugleich. Delia Owens ist in Georgia geboren und hat in North Carolina mit ihren Eltern als Kind Sommerurlaube verbracht. Viele Jahre hat sie als Zoologin in Afrika über Elefanten, Löwen und Hyänen geforscht. Dieser Roman ist ihr Romandebut.

Delia Owens: Der Gesang der Flusskrebse, Hanser Verlag, 5. Auflage Juli 2019, Amazon.

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