Die Manns
Eine Familie – zwei Bücher

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Thomas Mann – Der Verfall einer selbstverliebten Familie. Mit diesem Untertitel erschien der SPIEGEL im Oktober letzten Jahres anlässlich der Frankfurter Buchmesse und vor dem Hintergrund des Erscheinens zweier neuer Biographien der Familie Mann. Der vermeintliche Verfall der Familie findet im angekündigten Artikel dann allerdings doch nicht statt. Stattdessen zieht der Autor das Resümee, dass die Manns „unsere Präsidentenfamilie“ geblieben sind. Aber man sieht: Mann sells! Übrigens schaffte es die Familie Mann im Jahre 2001, im Zuge der Verfilmung der Familiengeschichte der Manns durch Heinrich Breloer, schon einmal sogar als Titelstory in den SPIEGEL. Seinerzeit waren die Manns übrigens noch die „Windsors der Deutschen“. So vergehen die Zeiten.

Es ist schon wirklich etwas Einzigartiges: 60 Jahre nach dem Tod Thomas Manns erscheinen fast zeitgleich zwei neue Biographien über die Familie Mann – und schaffen es sogar in die Bestsellerlisten! Die Rede ist von Manfreds Flügges Das Jahrhundert der Manns sowie Tilmann Lahmes Geschichte der Manns. Beide jeweils über 400 Seiten starken Familienporträts erblickten im letzten Jahr – nur wenige Monate voneinander getrennt − das Licht der Öffentlichkeit. Dabei haben diese beiden Biographien manche Vorläufer: von der nüchtern-sachlich geprägten Variante Die Familie Mann von Hans Wißkirchen bis zum tiefenpsychologisch durchtränkten Stoff Marianne Krülls Im Netz der Zauberer, um nur die wichtigsten Antipoden zu nennen.

Es zeigt sich somit einmal mehr, dass Klaus Mann mit seiner 1939 im Exil getroffenen Prophezeiung, nach der man später Bücher über die Familie und ihre einzelnen Mitglieder schreiben würde, Recht behalten hat.

Was hat es nun aber mit diesen Neuerscheinungen auf sich, was macht ihre Besonderheiten aus, was unterscheidet sie?

Zunächst ist festzuhalten, dass es sich bei Manfred Flügge und Tilmann Lahme um zwei Autoren handelt, die sich vor wenigen Jahren schon einmal mit den Biographien zweier Mitglieder der Familie Mann verdient gemacht haben, nämlich mit Heinrich Mann bzw. Golo Mann. Ihr Nukleus lag bisher nicht auf Thomas Mann. Dieses muss bei einer solchen Familienbiographie durchaus kein Nachteil sein, zumal beide Autoren beim Fährtenlesen unterschiedliche Perspektiven gewählt haben. Dieses macht die Auseinandersetzung mit ihren neuen Büchern aber gerade interessant und reizvoll.

So wählt Manfred Flügge bei seinem Nachzeichnen der Biographie der Manns den Weg von 28 Essays, um die einzelnen Familienmitglieder und deren Leben zu porträtieren: beginnend von den Großeltern Katia Manns, den Dohms, bis zur Zeit der Mann-Verfilmung durch Heinrich Breloer. Diese Darstellungsweise hat ihre Vorteile, vor allem den, dass durch diese intensiven Einzelbetrachtungen vertiefende und klar strukturierte Charakterisierungen der Porträtierten ermöglicht werden.

Dieses geschieht allerdings um den Preis, dass eine Verknüpfung der einzelnen Handlungs- und Wirkungsstränge zwischen den Mitgliedern der Familie Mann kaum zu erkennen ist. Im Gegenteil: Die Figuren stehen als Solitäre freischwebend und oftmals eher zusammenhanglos in Raum und Zeit; ihre gegenseitigen persönlichen Beziehungen und Abhängigkeiten im Tun und Lassen sind nicht immer erkennbar. Dieses ist aber gerade bei der Familiengeschichte der Manns schade, wird doch so die Chance verpasst, dem Leser Komplexität und Wirkungszusammenhang dieser Familie und ihrer einzelnen Mitglieder im Kontext ihres familiären Verbundes deutlich zu machen. Viele Einzelbilder, die nur mühsam zu einem Buch zusammengeführt werden, machen eben noch kein ganzes Bild aus.

Dafür gelingen Manfred Flügge in seinen Essays sehr schöne und teilweise anrührend zu lesende Passagen. Dieses gilt vor allem dann, wenn Thomas Mann im Mittelpunkt steht. Selten ist wohl über die Einzigartigkeit des Schreibstils von Thomas Mann Treffenderes, Einfühlsameres oder Anmutigeres geschrieben worden als in diesem Buch.

Leider relativiert sich das Lesevergnügen an manchen Stellen und zwar in zweierlei Gestalt: Zum einen verdrießen Flüchtigkeitsfehler jeglicher Art, die dem Lektorat entgangen sind. Zum anderen fällt man über manche inhaltliche Unebenheit: So wird sich nicht jeder der Auffassung von Manfred Flügge anschließen, dass Thomas Mann 1938 aus rein finanziellen Gründen die Schweiz verließ und in die USA übersiedelte. Und man staunt darüber, dass Thomas Mann die Anregung zum Titel Tod in Venedig über Ernst Bertrams Nietzsche-Buch erhalten haben soll, denn dieses erschien erst im Jahre 1918 und somit über fünf Jahre nach der Veröffentlichung der Novelle von Thomas Mann. Schließlich stutzt man, wenn man liest, dass Joseph von einem seiner Brüder aus dem Brunnen gerettet worden sei, in dem ihn diese vorher gesteckt hatten, was das Vertrauen in die Werkkenntnis des Autors ein wenig erschüttert.

Diese Schwächen wurden zwischenzeitlich erkannt, denn der Autor hat eine „Errata-Seite“ auf seiner Website eingerichtet, auf der schon über 20 Fehler in der ersten und zweiten Auflage des Buches verzeichnet sind. Die Kundschaft bleibt aufgefordert, neue zu melden, um sie in der nächsten Auflage einzuarbeiten. Hier übernimmt also das Publikum das Qualitätsmanagement und erhält auf diese Weise Gelegenheit, am Gelingen der nächsten Auflage des Buches aktiv mitzuwirken − kurios, kurios, wie der alte Buddenbrook (und Thomas Mann) sagen würde …

Weitere Reibungsflächen bieten die vielen mehr oder weniger umfangreichen Werkbesprechungen von Manfred Flügge: Hier fragt man sich, welche Sinnhaftigkeit die (teilweise sehr subjektiv eingefärbten) Inhaltswiedergaben der Werke der schreibenden Familien-Mitglieder im Kontext einer Familienbiographie haben, zumal diese nicht nur an einigen Stellen fehlerhaft, sondern höchst unterschiedlich proportioniert sind. So beschäftigt sich Manfred Flügge über acht Seiten sehr kritisch mit dem Doktor Faustus von Thomas Mann, aber nur auf einer knappen Seite mit dem kompletten Spätwerk von Heinrich Mann. Dieses reicht ihm (wohlgemerkt dem Verfasser seiner Biographie) aber, um es mit wenigen Worten völlig zu zerreißen und abzutun. Und seltsam, eine der Anmerkungen, die Manfred Flügge zum Faustus u. a. einfallen, mögen auf sein eigenes Buch mindestens genauso gut zutreffen: „Es ist eine große Galerie von Porträts, aber die stehen unbezogen nebeneinander …“

Gleichwohl erfreut man sich an der Lektüre seines Buches nicht zuletzt wegen einiger „Sommersprossen“: So liest man − quasi als „Beifang“ − unter Hinweis auf Karsten Blöckers Untersuchungen über den Lübecker Juristen und Politiker Arnold Brecht und seinen Einfluss auf Thomas Mann (siehe Lübeckische Blätter Nr. 3/2013). Auch findet der gemeinsame Freund von Heinrich und Thomas Mann, Maximilian Brantl, im Zusammenhang mit der Versöhnung der seinerzeit feindlichen Brüder zumindest kurz Erwähnung (siehe Lübeckische Blätter Nr. 16/2015).

 Den Gegenentwurf zu Manfred Flügges essayhafter Sammlung Jahrhundert der Manns stellt Tillmann Lahmes flüssig und geschmeidig zu lesende Geschichte der Manns dar. Hier findet sich nun eine gänzlich andere Erzählweise, und zwar in Form einer chronologisch aufbereiteten Familienbetrachtung, die sich weitgehend auf die sechs Kinder von Herrn und Frau Thomas Mann (so nannte sich Katia Mann tatsächlich selbst) konzentrieren, ohne dabei deren Umfeld, z. B. Heinrich Mann und die jeweiligen Lebensabschnittsbegleiter der Kinder auszublenden.

Doch Tilmann Lahmes Geschichte der Manns ist in Wirklichkeit nur eine Teilgeschichte, denn ihre Geschichte beginnt erst im Jahre 1922, also zu einem Zeitpunkt, als sämtliche der sechs Mann-Kinder geboren und teilweise erwachsen sind und sich Thomas Mann zum allseits arrivierten Schriftsteller und demokratischen Republikaner entwickelt hat. Dieses Ausblenden wesentlicher, weil prägender Teile der Vergangenheit schmerzt, zumal der Anspruch einer seriösen Familienbiographie doch ein anderer ist. Schließlich will der Leser wissen, warum man(n) so ist, wie man(n) ist …

Anders als Manfred Flügge setzt Tilmann Lahme bei seinem Buch deutlich stärker auf die gegenseitigen Beziehungen zwischen Eltern und Kindern auf der einen und die zwischen den Kindern auf der anderen Seite. Bisweilen ist man an eine ganz eigene Art einer Familienaufstellung erinnert. Hieraus entwickelt Tilmann Lahme nun ein in sich schlüssiges und konsequent chronologisches wie aus einem Guss zu lesendes Bild des Gesamtkomplexes der Familie Mann – allerdings eben erst ab der zweiten Lebenshälfte Thomas Manns.

Hierbei spielt Tilmann Lahme den Vorteil aus, sich mit den ca. 3.000 erst vor drei Jahren aufgefundenen Briefen aus dem Nachlass von Katia Mann beschäftigt zu haben. Anders als bei Manfred Flügges Jahrhundert der Manns hat man in diesem Buch das Gefühl, nicht nur vertiefendes, sondern tatsächlich auch inhaltlich Neues zu erfahren – ohne dass dieses explizit Erwähnung findet (eine Auswahl von ca. 300 Briefen soll laut Verlagsangaben in diesem Jahr erscheinen). Ein Beispiel hierfür ist Erika Mann, deren Neigung, die Wahrheit nach eigenem Gusto zu gestalten und diese dann nach außen zu tragen, durchaus erhellenden Charakter hat. Tilmann Lahme eröffnet hierfür den Blick, aber nicht die Quelle.

Allerdings ist Vorsicht geboten. Der überaus gefällige und höchst unterhaltsame Stil des Autors birgt die Gefahr, insgesamt ein wenig zu oberflächlich und geschmeidig zu erzählen und dabei – gewollt oder ungewollt − den Stab über die einzelnen Familienmitglieder zu brechen. Tilmann Lahme gelingt es durch seine sprachlich gediegene Sezierkunst letztlich, so gut wie bei jedem Mitglied der Familie mindestens ein charakterliches Defizit herauszuarbeiten. So erscheinen alle Kinder von Thomas und Katia Mann als höchst fragwürdige Gestalten. Doch wird man damit den Personen und ihrer Zeit, in der sie lebten, wirklich gerecht? Zweifel sind angebracht. Einzig Golo Mann bleibt im Wesentlichen von dieser bisweilen respektlosen Darstellungsweise verschont – hier meint man das Wohlwollen seines Biographen zu erkennen.

Ein wesentlicher Unterschied besteht auch darin, dass Tilmann Lahme das Werk von Thomas Mann und den Seinen bestenfalls beiläufig erwähnt, es aber weder beschreibt noch wertet. Dieses Auslassen fördert natürlich den Lesefluss, setzt allerdings gefestigte Kenntnisse über die Produktion der Familienmitglieder voraus. Fehlt diese Grundierung, läuft man Gefahr, die Familienbiographie mit einem „Klatsch-Buch“ einer mehr oder weniger beliebigen Prominenten-Familie (egal ob nun Windsors oder Präsidentenfamilie) und ihren Schrullen und Störungen zu verwechseln – nämlich ohne Bezug zum Eigentlichen: der Literatur, der Geschichte ihrer Entstehung und ihrer damaligen und heutigen Bedeutung.

Ist man hingegen mit den Zusammenhängen vertraut, besteht das Gefährdungspotenzial darin, dass sich beim Leser nach Lektüre des Buchs das Gefühl einschleicht, nun mit den Manns und der Familie endgültig „fertig“ zu sein − und sich Hanno Buddenbrooks erinnernd, womöglich einen geistigen Schlussstrich unter das Kapitel dieser offenkundig desolaten Familie ziehen zu wollen. Beides wäre aber ebenso falsch wie schade! Insofern sollte man um die Begleiterscheinungen und möglichen Nebenwirkungen beider Bücher wissen und sich entsprechend wappnen – und sich an einen lohnenden Lesestoff machen!

Manfred Flügges und Tilmann Lahmes Bücher stehen übrigens für einen weiteren und grundsätzlichen Aspekt bei der Beschäftigung mit der Familie Mann: Wie gehen wir mit Thomas Mann, seinem Werk, aber auch mit den Seinen und deren Schaffen – als Anknüpfungspunkte zu ihrer jeweiligen Zeit − zukünftig um?

Bei allen kritischen Anmerkungen zu Manfred Flügges Das Jahrhundert der Manns gelingt es ihm mit seiner Biographie doch, die Aufmerksamkeit auf etwas zu lenken, was in den letzten Jahren zunehmend verloren gegangen ist: das konkrete Einlassen und die Beschäftigung mit Thomas Manns Schaffen, mit seinem Werk, d. h. mit seiner Auseinandersetzung mit sich und der Welt! Auf der anderen Seite soll und darf keinesfalls auf die kritische Würdigung der Person Thomas Manns und seiner Familie verzichtet werden. Im Gegenteil: Diese ist weiterhin notwendig und unverzichtbar, zumal sie dem Interesse der breiten Öffentlichkeit entspricht! Tilmann Lahme hat in seiner Biographie anschaulich gezeigt, wie man auf dieser Tastatur zu spielen vermag. Alleine die Balance beider Aspekte sollte stimmen, will man sich auch zukünftig nachwachsender Lesergenerationen versichern. Die beiden hier besprochenen Bücher verdeutlichen Risiken und Chancen einer solchen inhaltlichen Auseinandersetzung und bieten Potenzial für spannende Diskussionen über die zukünftige Aufstellung von Thomas und Co. in der Öffentlichkeit – auch und gerade in Lübeck und der künftigen inhaltlichen Ausrichtung und Gestaltung des Buddenbrookhauses!

Manfred Flügge: Das Jahrhundert der Manns, Aufbau Verlag, Mai 2015, 416 Seiten
Tilmann Lahme: Geschichte der Manns, Fischer, Oktober 2015, 480 Seiten

Die Bücher sind u.a. in den inhabergeführten Lübecker Buchhandlungen erhältlich: Buchfink, Arno Adler, Langenkamp und maKULaTUR.

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