Emma Thompson in 'Years and Years'

Zwei satirische Tipps, dem Lockdown mit bissigem Humor zu begegnen
Schlimmer geht immer

Holger KistenmacherVon

Wenn uns jemand im Jahr 2005 gesagt hätte, dass wir 2020 und 2021 die meiste Zeit daheim verbringen werden - wer hätte das geglaubt? Aber wer weiß schon, was in ein paar Jahren sein wird? Nach der Pandemie ist vor der nächsten Pandemie?

Anyway, einige schlimme Prognosen treffen dann ja glücklicherweise doch nicht ein: die Wiederwahl von Donald Trump zum Beispiel. Doch was wäre wenn. Dieser Frage stellen sich ein grandios böses Buch von John Niven: „Die Fuck-It-Liste“ und eine sehenswerte TV-Miniserie: „Years and Years“.

Mit beiden Tipps der lustigen Sorte möchte ich allen Corona-Geschädigten, die weiterhin wie ich selbst, die meiste Zeit auf dem Sofa rumgammeln und sich dick und doof futtern, weil keine Kulturstätte und keine Muckibude geöffnet hat, die Stimmung aufhellen. Denn immer nur Spazierengehen - mittlerweile kenne ich jede einigermaßen ansehnliche Ecke im Umkreis von gut 50 Kilometern ziemlich gut - macht auf die Dauer auch nicht glücklicher. Also ran an den derben Satire-Krimi und die hellsichtige und beängstigende Zukunftsvision aus dem Heimkino.

Der englische Schriftsteller John Niven, 1966 in Schottland geboren, war lange in der Musikindustrie und als Gitarrist in den 80er Jahren bei der Indie-Band The Wishing Stones tätig. Seit 2006 schreibt er Bücher und Romane. 2008 landete er mit „Killing your Friends“ seinen ersten internationalen Bestseller. Es folgten weitere sehr lesenswerte Romane, wie den Kult-Klassiker „Coma“ und „Gott bewahre“.

Sein neuer Roman „Die Fuck-It-Liste“ ist eine derbe Satire über Donald Trump in Form eines Rache-Krimis und beschreibt das Jahr 2026, in dem die Trumps ihre Macht gefestigt haben. Dafür wurde der Donald zunächst mit großer Mehrheit, trotz eklatanter Lügen, Fake News und katastrophalen Folgen für die Wirtschaft, den sozialen Zusammenhalt, etc. für Amerika in eine zweite Amtszeit gewählt. Mitte der nächsten vier Jahre hat er dann seinen Vize geschasst und seine Tochter Ivanka auf den Sessel des Vize-Präsidenten gehievt. Prompt hat diese dann die nachfolgende Wahl ebenfalls gewonnen.

Donald selbst gibt den Elder Statesman der „Make America Great Again“-Bewegung, ist dauerhaft auf sämtlichen Kanälen präsent, dabei spielt er hauptsächlich Golf und mehrt seine ergaunerten Millionen. Zum Beispiel auf den neuen 100 Dollar Scheinen: „Die mit Donald Trump drauf. Das Gesicht extra schlank und die Schultern betont muskulös gezeichnet, den stolzen Blick in die Ferne gerichtet. Ihre Einführung war eine der ersten Amtshandlungen von Ivanka“.

Das Land ist weiterhin tief gespalten. Die Medien sind bis auf wenige Ausnahmen gleichgeschaltet und auf Fox-Niveau. Die Jahre populistischer Politik und Propaganda haben ihre Spuren hinterlassen, mit extremen Folgen. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit gehört zum Alltagsbild und wird belohnt. Gewalttätige Polizei geht mit äußerster Brutalität gegen jedwede Kritik oder Widerstand vor. Das Recht auf Abtreibung ist ausgehöhlt, Waffenkontrolle nicht mehr existent.

„Landesweit wurde in den Schulen nach waffenbegeisterten Pädagogen gesucht, die einen Gehaltsbonus erhielten, wenn sie sich an der Waffe ausbilden ließen und diese im Unterricht stets bei sich führten“. Dies führte aber ersichtlich nicht zu weniger Gewalt, sondern schlimmste Amokläufe nahmen sogar zu. All das beschreibt Niven in bekannt drastischer Sprache und mit scharfsinniger Beobachtungsgabe. Man merkt, dass der Mann viele Jahre in den USA gelebt hat, und dass viele seiner Ideen real aus dem kranken Hirn eines Donald Trump und Konsorten stammen.

Niven bringt folglich den ehemaligen Zeitungsredakteur Frank Brill ins Bild. Der war zeitlebens meist anständig und hat versucht, in seiner Kleinstadt ein wahrhaftiges Leben zu führen. Doch dann kam mit dem Ruhestand eine fatale gesundheitliche Diagnose: Krebs im Endstadium. Er beschließt, eine Liste zu schreiben mit Feinden, die er umbringen wird, bevor er selbst stirbt. Die „Fuck-It-Liste“, ein Wortspiel auf die englische Bucket-List, auf die man Dinge schreibt, die man unbedingt noch im Leben machen will.

Die Liste an Menschen, an denen er sich rächen will, reicht vom Vergewaltiger seines Jugendfreundes, den dieses in den Selbstmord trieb, bis hin zu politischen Würdenträgern, denn Frank sieht sich hauptsächlich als Opfer der Trumpschen Politik: Seine Frau ist bei einem Amoklauf getötet worden, den es bei verschärften Waffengesetzen nicht gegeben hätte, und seine Tochter ist bei einer illegalen Abtreibung verblutet. Also stehen ein raffgieriger Zahnarzt, der Chef der NRA (National Rifle Association - die Waffen-Lobby) und selbst Donald Trump auf seiner Abschussliste.

Das ist natürlich alles herrlich politisch unkorrekt, unterhaltsam und böse. Das Buch strotzt vor krassen, brutalen Beschreibungen, ist aber trotzdem derbe witzig und bissig. Einige sehen in John Niven schon den neuen Hunter S. Thompson (Adam Kay) oder andere möchten den Roman zur Pflichtlektüre für alle US-Bürger sehen, wie Marian Keyes: „Ein kraftvolles politisches Plädoyer, getarnt als Rachethriller. Brilliant!“

Für mich ist die „Fuck-It-Liste“ eine bitterböse Satire, die auf drastische Weise beschreibt, was passiert wäre, wenn die amerikanische Politik im Sinne der wahnsinnigen Trump-Anhänger ihren fatalen Weg fortgeführt hätte. Glücklicherweise ist es ja nicht so weit gekommen, und hoffen wir einmal, dass Joe Biden das Rad der Geschichte wieder ein paar Runden Richtung Frieden, Aussöhnung und Gerechtigkeit für alle zurückdrehen kann. Trotzdem ein köstliches, derbes und schlaues Buch voll Komik und drastischer Spannung.

John Niven: Die Fuck-It-Liste, Heine Hard Core, 2020, 317 Seiten, 22 Amazon.

Das Buch ist in den inhabergeführten Buchhandlungen BellingProsa, Buchfink, Arno Adler, Langenkamp, maKULaTUR und Buchstabe erhältlich. Derzeit sind die Buchhandlungen geschlossen, die Bücher können aber über "click & collect" in den meisten lokalen Buchhandlungen erworben werden. Nähere Informationen finden man auf den jeweiligen Homepages.

Mein zweiter Tipp ist eine englische Mini-Fernseh-Serie, die man momentan in der ZDF-Mediathek finden kann. Die von der BBC produzierte Serie „Years and Years“ spielt im Zeitraum 2019 bis 2034 und unternimmt den Versuch, die Zukunft der britischen Gesellschaft unter den laufenden Bedingungen voraus zu sehen.

Die sechs Folgen fokussieren sich auf den Alltag der Familie Lyons, die ursprünglich aus Manchester stammt. Im Mittelpunkt steht die Matriarchin, die Großmutter, die alljährlich die gesamte Sippe zum Grillen und Feiern anlässlich ihres Geburtstages einlädt in das große Haus der Familie.

Es spielen mit: Sohn Daniel, der in einem Wohnungsamt arbeitet, homosexuell ist und demnächst seinen Lebenspartner, den Grundschullehrer Ralph heiraten möchte. Der älteste Sohn, Stephen, ein Finanzberater und Banker, der im Laufe der Geschichte, der „Mann ist, der eine Million verloren hat“ - verheiratet mit Celeste, eine Buchhalterin und Vater zweier Töchter: Bethany und Ruby. Dann gibt es noch die jüngere Schwester Rosie, die in einer Schul-Cafeteria arbeitet, sich als allein erziehende Mutter um die beiden Söhne Lee und Lincoln kümmert und im Rollstuhl sitzt, aber auf der Suche nach einem neuen Partner ist. Die zweite Schwester ist Edith, die politisch stark engagiert in der Weltgeschichte rumreist, um für unzählige Hilles-Organisationen zu arbeiten. Sie ist bisexuell und in ihren politischen Aktionen eher radikal bis anarchistisch.

Dieser bunte Haufen Menschen agiert in einer Welt, die zunehmend instabiler daherkommt. Dabei geht es in der Serie sowohl um private und familiäre Entwicklungen, wie auch um politische, wirtschaftliche und technologische Fortschreibungen von Geschehnissen, die so kommen könnten. Der allgemeine Populismus nimmt rasant zu, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit werden alltäglich, Ausgrenzung und soziale Not fordern erste Opfer. Fake News und Medienmacht sorgen dafür, dass die populistische Politikerin, die herrlich von Filmstar Emma Thompson dargestellt wird, langsam aber sicher immer weiter aufsteigt, bis sie die Downing Street No. 10 bewohnt.

Die gesellschaftlichen Folgen werden immer drastischer und bedrohlicher. Es gibt einen Atomschlag auf eine chinesische Insel, die Asylpolitik artet aus in Lager, die KZ-mäßig organisiert werden, die Queen und Angela Merkel sind tot, die Ukraine von Russland okkupiert, die Technologie macht den Menschen zum lebendigen Telefon und Computer, etc. Die Zukunftsperspektiven sind absurd bis erschreckend, dabei oft komisch und suspekt, aber auch niemals völlig unrealistisch.

Wer weiß schon, was noch so alles kommt. Positiv bleibt zumindest, dass die Familie trotz aller Dramen und Widrigkeiten zusammenhält. Noch ist die Zivilisation nicht untergegangen, aber sie ist zumindest auf dem besten Weg dahin. Diese Serie ist eine drastische Warnung an die Menschheit, verpackt in einer dramatischen Familien-Dystopie, voller Ironie, aber auch Lust und Last des Alltäglichen, oft beängstigend, aber schlussendlich warmherzig und gut. Unbedingt ansehen!

„Years and Years“ in der ZDF-Mediathek

Holger Kistenmacher
Holger Kistenmacher
Jahrgang 1956, freischaffender Journalist seit gut 25 Jahren, studierter Realschullehrer, praktizierender psychosozialer Betreuer, ambitionierter Fotograf und Kulturschreiber mit den Fachgebieten: Moderne Gegenwartskunst, Literatur, Musik zwischen Jazz und Rock, Nordische Filme, Moderner Tanz. Weltenbummler und Reisejournalist.
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