Lübeck würdigt seine Völkerkundesammlung mit einer Ausstellung in der Kunsthalle St.-Annen

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In einer spektakulären Ausstellung zeigt die Kunsthalle St. Annen seit dem 26. Juni 2011 eine repräsentative Auswahl der wertvollen Lübecker Völkerkundesammlung. Nachdem das Zeughaus 2007 geschlossen wurde, sah es lange so aus, als würden die Exponate auf Dauer der öffentlichen Betrachtung entzogen.

Weil die Unterhaltung eines festen Hauses nicht mehr zu finanzieren war, verstaubten sie seither im Magazin. Nicht zuletzt Proteste Lübecker Bürger dürften bewirkt haben, dass die Politik sich ihrer Verantwortung stellt, die daraus erwachsen ist, dass Lübecker Kaufleute ihrer Stadt einen erheblichen Teil der Sammlung schenkten und dies mit der Verpflichtung verbanden, sie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Statt in einem festen Haus sollen Objekte der Sammlung künftig jedes Jahr in einem anderen Haus gezeigt werden. Den Anfang macht die Kunsthalle St.-Annen.

Noch nie habe die Kunsthalle eine solche Ausstellung gesehen, sagte der Direktor der Kulturstiftung, Prof. Hans Wißkirchen bei der Eröffnung. Im Mittelpunkt dieser Schau steht das ästhetische Erleben qualitativ herausragender Skulpturen, Masken, Textilien und Zierrate in ihrer Einzigartigkeit. Sie machen deutlich, dass Kunst als universales Phänomen in allen Kulturen der Welt zu finden ist. Im aktuellen Diskurs rückt der künstlerische Wert solcher Sammlungen mehr und mehr ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Neu eröffnete oder neu gestaltete Völkerkundemuseen wie das Museum Quai Branly in Paris und das Rautenstrauch-Joest Museum in Köln stellen den künstlerischen Gehalt völkerkundlicher Objekte in den Vordergrund. Diesem Konzept folgt auch die Ausstellung in der Kunsthalle St.-Annen. 

Die Schau ist nach Kontinenten geordnet. Auf vier Etagen geht der Besucher auf eine Reise um die Welt. Mehr als 300 selten oder nie gezeigte Objekte aus 40 Ländern werden vorgestellt. Dem Betrachter eröffnet sich ein Reichtum an Farben, Formen und Materialien, der seinesgleichen sucht. Die Schau öffnet den Zugang zu bislang unbekannten Weltregionen und Völkern. Wer hat zum Beispiel schon je von den Tswana, Tolai oder Chudach-Alutiik gehört? Die Ausstellung gibt Einblick in die religiösen Vorstellungen der Kulturen der Welt genau wie in die künstlerische und handwerkliche Meisterschaft zum Teil namenloser Schöpfer, deren Werke die Moderne Kunst entscheidend beeinflusst haben. Maler der Moderne wie Picasso, Gauguin, Klee und Nolde ließen sich davon inspirieren. Die Exponate entfalten eine Magie, die den Besucher gefangen nimmt. Erheblicher finanzieller und logistischer Aufwand war nötig, die Objekte aus ihrem Magazin im Zeughaus in die St.-Annen Kunsthalle zu transportieren. Er hat sich gelohnt!

Zu den künftig geplanten Wechselausstellugen der Sammlung an verschiedenen Orten erklärte Prof. Renate Kastorff-Viehmann, Vorsitzende der Gesellschaft für Geographie und Völkerkunde zu Lübeck, ihre Gesellschaft sei stolz auf diese wunderbare Ausstellung. Die Völkerkundesammlungen an wechselnden Orten zu zeigen, könne aber nur eine Übergangslösung sein. Ihre Gesellschaft verfolge weiter mit Nachdruck das Ziel, der Sammlung wieder ein festes Haus zu verschaffen. Darin werde man von zahlreichen befreundeten Verbänden unterstützt.

Die Ausstellung wurde am Sonntag, 26. Juni gleich zweimal eröffnet. Einmal am Vormittag und noch einmal speziell für Kinder um 15.00 Uhr. Zur Eröffnung am Vormittag war die Kunsthalle bis auf den letzten Platz gefüllt. Lübecker Prominenz war genauso vertreten wie zahlreiche Verbände und Vereine. Prof. Hans Wißkirchen, Direktor der Kulturstiftung, bedankte sich bei allen Beteiligten für die engagierte und sachkundige Vorbereitung und stellte dabei das herausragende Engagement von Dr. Brigitte Templin, Leiterin der Völkerkundesammlung und Kuratorin der Ausstellung, besonders heraus. Er hob hervor, dass die Ausstellung nur durch ein beispielhaftes bürgerliches Engagement möglich wurde. Noch nie zuvor sei die Bereitschaft so groß gewesen, sich finanziell und organisatorisch zu beteiligen. Brigitte Templin erläuterte das Konzept der Ausstellung und berichtete von den Schwierigkeiten, aus den mehr als 26.000 Objekten, die für die Ausstellung am besten geeigneten herauszusuchen. Sie verwies darauf, dass die Lübecker Völkerkunde insbesondere für ihre Afrikasammlung weltweit bekannt sei. Die Ausstellung verstehe sich als Verbeugung vor den Menschen, die überall auf der Welt Großartiges geschaffen haben. Wer Brigitte Templin kennt, weiß wie sehr sie ihren anspruchsvollen Beruf und ihre Sammlung liebt. Zu fast jedem der Stücke hat sie eine Geschichte zu erzählen. Wer das erleben möchte, dem sei eine Führung mit ihr ans Herz gelegt.

In der mitreißenden Eröffnungsveranstaltung wurde die Geschichte, Musik und  Poesie der Kulturen der Welt lebendig. Die Deutsch-Kolumbianerin Maria Cohn plädierte dafür, Kolumbien nicht nur mit Drogen und Kriminalität in Verbindung zu bringen, sondern auch die reichen Kunstschätze ihres Landes zu würdigen. Die Irakerin Darstan Laylanee erinnerte an die reiche Kultur des Zweistromlandes und seiner Hauptstadt Babylon. Der Mongole Enkhjargal Dandarvaanchig, dessen Namen bei uns niemand aussprechen kann und der allerorten nur „Epi“ genannt wird, sang die fremdartige Weisen seiner Heimat. Den für sein Volk typischen Obertongesang hatte wohl kaum ein Lübecker zuvor jemals live gehört. Stürmischen Applaus bekamen auch Helga Trud und Alexander Col mit ihren russischen Weisen und die Kindertanzgruppe, die den Gesang mit fliegenden Zöpfen begleitete. Filigar Zorom aus Burkina Faso rezitierte das Gedicht eines bekannten Dichters seiner Heimat, der wie so viele Intellektuelle und Künstler sein Land verlassen musste. Eine rundum gelungene Veranstaltung, so war beim anschließenden Empfang vielfach zu hören.

Überwältigt von der Vielfalt, Fülle und Magie der Exponate drängten sich die Besucher am Eröffnungstag in allen Etagen. Mit großen Augen und roten Wangen versammelten sich die Kinder am Nachmittag in dem auf dem Hof aufgestellten Tipi. Auch sie staunten über die fremdartigen Objekte in der Ausstellung. Von manchen Völkern und Ländern hatten sie noch nie gehört. Mehr über die Kulturen der Völker der Welt wird ihnen im umfangreichen museumspädagogischen Programm vermittelt. Ein in Text, Bildern und Design meisterlich gestalteter Katalog gibt erstmals seit 1921 einen umfassenden Einblick in die wertvollen Bestände der Sammlung. Anders als gewohnt, wurde dieses Mal erst die Idee einer Dokumentation der Sammlug geboren und danach erst die Ausstellung konzipiert. Mit mehr als 400 farbigen Abbildungen enthält der Katalog  mehr Objekte, als in der Kunsthalle zu sehen sind. Wie in der Ausstellung sind auch hier die Objekte nach Kontinenten geordnet vorgestellt. Sachkundige Erklärungen über Herkunft, Material und Gestaltung der Stücke helfen dem Leser, sich in der Fülle des Gezeigten zurechtzufinden. Während der Ausstellung ist der Katalog zum äußerst günstigen Preis von 29, danach für 44 Euro erhältlich. Im Grußwort zum Katalog schreibt Prof. Wißkirchen, dass die künftige regelmäßige Präsentation der Sammlung den Boden dafür bereite, dass in nicht allzu ferner Zukunft wieder ein Ort in Lübeck entstehen kann, wo die Lübecker Völkerkundesammlung gezeigt werden kann - dauerhaft und auf einem der Sammlung angemessenen Niveau. Das Engagement Lübecker Bürger, Vereine und Verbände für eine Wiedereröffnung zeigt also Wirkung.

Verwiesen sei auch auf das vielfältige Rahmenprogramm. Fast jeden Tag wird etwas geboten. Von Vorträgen über Filme, Märchenstunden, Führungen auch in russischer Sprache und Musik bis hin zu einem balinesischen Abend ist alles vertreten. Ende August wird es eine Ausstellung in der Ausstellung geben. Unter dem Titel Der zweite Blick konfrontieren drei Lübecker Künstler die zum Teil 2.000 Jahre alten Objekte mit eigenen Werken. Museumspädagogen haben sich inspirieren lassen und für Kinder das umfangreichste Programm zusammengestellt, das je zu einer Ausstellung in Lübeck entwickelt wurde. Die großartige Schau ist ein Highlight des diesjährigen Museumsprogramms. In dieser Fülle werden die Exponate kaum je wieder zu sehen sein. Gehen sie unbedingt hin, und lassen Sie sich verzaubern. Nehmen Sie ihre Kinder, Verwandten und Freunde mit. Alle werden begeistert sein! 

Fotos: Ilona Ripke

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