Große Barlach Werkschau in Lübeck
Ernst Barlach und die Frauen - ein schwieriges Verhältnis

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Mit einem Kooperationsprojekt starten das Behnhaus Drägerhaus und das Günter Grass-Haus in das Jahr 2011. Zu sehen ist  eine umfangreiche Werkschau des vielseitigen Schaffens von Ernst Barlach (1870-1928). Der 1870 in Wedel geborene Künstler gehört zu den herausragenden Künstlerpersönlichkeiten Norddeutschlands. Barlach der Maler, Zeichner und Bildhauer, diesem Thema widmet sich das Behnhaus Drägerhaus. Den Dramatiker und Schriftsteller stellt das Günter Grass-Haus in den Mittelpunkt.

Die Schau mit dem bildnerischen Schaffen im Behnhaus wurde zuvor in Passau und in Güstrow gezeigt, die Exponate zu seinen Dramen, Prosatexten und Gedichten im Günter Grass-Haus werden in dieser Form das erste Mal präsentiert. Zum ersten Mal auch geht es, und dies in beiden Ausstellungen, um eine Auseinandersetzung mit Barlachs Frauenbild. Diesem Aspekt seines Schaffens habe die Kunstwelt, so betont Andrea Fromm, Kuratorin der Werkschau im Behnhaus, bislang nicht die ihm zukommende Aufmerksamkeit geschenkt.

Barlach der Maler, Zeichner und Bildhauer
Wie bei so manchem seiner Künstlerkollegen ist auch Barlachs Verhältnis zu Frauen ambivalent, schwankt zwischen Lust und Sublimierung - die Frau als Heilige oder Hure. „Die Frau sei fähig, den Mann durch ihre Schönheit zu unterjochen, deshalb hielt sich Barlach von ihr fern“, erklärte Fromm Barlachs Beziehungen zu Frauen. Die symbiotische Bindung an seine von Depressionen heimgesuchte Mutter dürfte viel dazu beigetragen haben, dass Barlach der Frau in seinem bildnerischen Spätwerk den Eros raubt, sie mythisch verklärt. Die Macht des Eros scheint ihm eher Last als Lust. Seine Vision von der Frau als Heilige, Hüterin, Mutter stellt er über die sexuelle Beziehung zu ihr. Von seinen

Liebesbeziehungen enttäuscht, lebte er seinen Sexus vorwiegend in der Kunst aus. Davon zeugen die zahlreichen Aktbilder, Bilder und Zeichnungen, die das Behnhaus Drägerhaus zeigt. "…das Kunstwerk dieser Erde". Barlachs Frauenbilder ist der Titel dieser Ausstellung. Immer wieder widmet sich Barlach dem weiblichen Körper. Dass er eine Frau als Revolutionsführerin in den Mittelpunkt eines großen Bildes stellt wie in der Revolutionsszene von 1896, macht deutlich, dass Barlach Frauen aber auch Stärke, Kraft und Duchsetzungswillen zuerkennt, Eigenschaften, die zu Barlachs Zeit noch als männlich definiert wurden. Seine Formensprache ändert sich im Laufe seines Künstlerlebens. Stellt er in seinem Frühwerk Frauen noch erotisch-sinnlich dar, versehen mit den Attributen weiblicher Koketterie wie Rüschenbluse oder Bändern, geht er später zu einer abstrahierenden, blockartigen Darstellung ihrer Körper über. Eine Reise in die russische Steppe im Jahre 1906, bei der er auf die einfachen und dabei kolossalen Formen der von den Polovzern im 11. Jahrhundert überall in der Steppe errichteten Stelen traf, bewirkte diesen merkbaren Wandel in seiner Formensprache, der sich insbesondere in seinem bildhauerischen Schaffen zeigt. Frauen sind jetzt nicht mehr Objekt der Begierde, ihre Körper sind verhüllt, weibliche Rundungen verschwinden unter kastenförmigen Gewändern.

Barlach der Dichter

Zwischen Circe und Gretchen ist der Titel der Ausstellung im Günter Grass-Haus, kuratiert wurde sie von Helga Thieme. Sie geht der Frage nach, welches Frauenbild Barlachs Dramen und Prosatexte vermitteln. In Der tote Tag verarbeitet Barlach seine unglückliche Beziehung zu der Mutter seines Sohnes Nikolaus. Barlach erkämpfte sich das alleinige Sorgerecht. Diesem Sohn wollte er Vater und Mutter zugleich sein. „Göttersöhne sind keine Mütterkinder“, heißt es im ersten Akt des Dramas. Die Frau und Mutter wird hier dem Niedrigen, Animalischen zugeordnet, der Vater als „Gott“ der Welt des Geistes. Diverse bibliophile Erstausgaben seiner Dramen sind in der Schau zu sehen, die Barlach oft häufig mit Zeichnungen anreicherte. Besonders stolz ist Thieme, dass sie ein handschriftliches Exemplar von Der Tote Tag zeigen kann, das kürzlich in der Barlach-Stiftung in Güstrow gefunden wurde. Barlachs Stück Der arme Vetter wurde 1923 unter der Regie von Jürgen Fehling in Berlin uraufgeführt. Den Vetter spielte der unvergessene Heinrich George. Als Ergänzung sind im Kunsthaus Lübeck in der Königstraße Barlachs Zeichnungen zu diesem Stück zu entdecken.

Mit den Barlach-Figuren an der Katharinenkirche, den detailreichen Ausstellungen im Behnhaus Drägerhaus und Günter Grass-Haus, ergänzt durch die Exponate im Kunsthaus, bietet Lübeck die einmalige Chance, einen ganz neuen Blick auf Ernst Barlach zu gewinnen. Das umfangreiche Rahmenprogramm enthält u. a. eine szenische Lesung aus dem Blauen Boll sowie eine Reihe vertiefender Vorträge. Die Ausstellungen sind noch bis zum 29. Mai dieses Jahres zu sehen.

Die Abbildungen sind mit freundlicher Genehmigung der Lübecker Museen dem Katalog entnommen. Bild 1: Drei singende Frauen, Bild 2: Bettlerin mit Schale, Bild 3: Der arme Vetter

Museum Behnhaus Drägerhaus
Galerie des 19. Jahrhunderts und der Klassischen Moderne
Königstraße 9 -11, Lübeck

Günter Grass-Haus
Forum für Literatur und Bildende Kunst
Glockengießerstraße 21, Lübeck

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