Julien de Casabianca verwandelt eine triste Bunkerwand in ein Kunstobjekt

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Die Hansestadt Lübeck ist um eine Attraktion reicher: Der französische Outing-Künstler Julien de Casabianca plakatierte auf einer Bunkerwand in der Schildstraße das Gemälde "Kind im Spielzimmer" von Heinrich-Eduard Linde-Walther, das als Original im Behnhaus Drägerhaus hängt. Wer ist Julien de Casabianca? Was ist das Besondere an seiner Kunst?

Seit einem Besuch im Louvre 2014 gehört der heute 46-Jährige Filmemacher und Kunstschaffende Julien de Casabianca zu den Shootingstars der Streetart-Szene. Im Pariser Louvre entdeckte der Künstler das Porträt Caroline Rivière von Jean-Auguste-Dominique Ingres. Er fotografierte das Bild mit seinem Handy, druckte das Gemälde auf Papier und plakatierte es an einer Pariser Hauswand. Ingres Portrait war der Anfang seines Outing-Projektes, in dem er Meisterwerke der Kunst aus ihren musealen Gefängnissen befreit, vergrößert und als Druck auf Papier mit Tapetenkleister an Wänden im urbanen Raum anbringt, sichtbar für alle vorbeieilenden Passanten. "They moved from museums walls to the streets", so der Künstler. Aufgrund ihrer begrenzten Haltbarkeit werden die Papierdrucke nach der Aktion fotografiert, gefilmt und in die Internet-Galerie des Künstlers aufgenommen.

Beim Outings-Projekt kann übrigens jeder mitmachen. Auf seiner Homepage gibt der Franzose Tipps, wie Interessierte ein Kunstwerk aus dem Museum der eigenen Stadt befreien können. Inzwischen ist Julien de Casabianca international bekannt und arbeitet für Museen in Warschau, London, New York und Los Angeles, Chicago oder New Orleans. Nach Frankfurt und Hamburg ist Lübeck die dritte deutsche Stadt.

 

Auf Einladung des NDR Kulturjournals war der in Paris lebende Künstler im Sommer 2015 zu Gast in Hamburg. Er fotografierte in der Hamburger Kunsthalle unter anderem Meisterwerke von Max Liebermann, ein Selbstbildnis von Philipp Otto Runge, Frauen beim Gebet in der Kirche von Wilhelm Leibl und platzierte sie an Hauswänden im öffentlichen Raum. Zum Beispiel am Klosterwall oder in Hamburg-Harburg.

Aber, wie kommt ein französischer Streetart-Künstler nach Lübeck? In der Hansestadt sind zwei Künstlerinnen auf das Hamburger Projekt aufmerksam geworden und haben es übernommen. Sie fotografierten heimlich Gemälde im Museum Behnhaus Drägerhaus, druckten acht Bilder aus und plakatierten sie im November 2015 in einer Nacht- und Nebelaktion an Wänden und Mauern der Lübecker Altstadt. Die Lübecker Bürger staunten, die Presse und Museumsleiter Dr. Alexander Bastek rätselten, bis sich endlich ein Vierteljahr später die Urheber dieser Aktion, Ulrike Heil und Ingeborg Pieper, outeten.

Auf Initiative von Dr. Alexander Bastek und Prof. Dr. Hans Wißkirchen, leitender Direktor der Lübecker Museen, erfolgte eine offizielle Einladung an den französischen Outing-Künstler. Dieser war begeistert und wählte als Bildmotiv Kind im Spielzimmer von Heinrich-Eduard Linde-Walther. Begeistert war auch Ellen Ehrich, Sprecherin der Hanse-Unternehmerinnen, ein Berufsverband für Unternehmerinnen, für Frauen in Führungspositionen und für Managerinnen, welche das Projekt mit einer großzügigen Spende unterstützte.

 Seit Mittwoch hängt das wunderbare Motiv eines spielenden Mädchens an der Bunkerwand in der Schildstraße. Zur Freude der Anwohner und der Lübecker. Freuen dürften sich auch die Kulturschaffenden, denn mit Sicherheit wird das Kunstobjekt eine Attraktion für die Touristen werden. Die auf ein Format von fünfzehn Meter Höhe gewachsene Else Gensel, vierjährige Tochter eines Berliner Freundes des Malers, blickt allerdings etwas skeptisch auf die gegenüberliegende St. Aegidien Kirche, die historischen Häuser des Viertels und auf ihre faszinierten Bewunderer.

Fotos: Oliver König

Mehr zu den interessanten Outing-Projekten von Julien de Casabianca sind im Internet zu finden:

[Fotoimpressionen] Ein Bunker wird bespielt - Outings Project Lübeck

 

Kommentare  

# Steigerung?Lieselotte Leiter (28.05.2016, 11:53)
Und wann holt Lübeck sich Banksy für ein Objekt? Bravo für diese Aktion erstmal! Freue mich schon auf Ende Juni, wenn ich das auch live sehen kann :-)
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