56. Nordische Filmtage - Es war enttäuschend

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Man kann sich an ein hohes Qualitätsniveau gewöhnen: Wenn man sich schon am Mittwoch mit Freunden streiten kann, wer denn jetzt schon den klaren Gewinner des Jahres bereits gesehen hat. Wenn alle Foyergespräche von Zufriedenheit fast schon klebrig werden. Wenn man gar nicht weiß, wie man all die interessanten Filme rein zeitlich auf die Reihe bekommen soll. Ein Programm wie das diesjährige holt den verwöhnten langjährigen NFL-Besucher jedoch auf den harten Boden zurück.

Was den "typisch" nordischen Film ausmacht, wird jeder individuell anders definieren. Es ist allerdings ein Trend zu beobachten, dass über die letzten Jahre im Spielfilmbereich nur noch die Facetten Beziehung, Familie, Komödie (der Fachbesucher spricht auch von "Pädagoginnenfilmen") bedient werden. Die Besucher, die über die Jahre all die schwarzen Formate lieben gelernt haben, werden mittlerweile z.B. bei ZDF, Arte und ZDFneo eher fündig als auf den NFL. Und da müssen sie auch nicht beim Vorverkaufsstart an der wie immer hochgradig verbesserungsfähig organisierten Kasse 3 1/2 Stunden in der Kälte stehen. Der einzige diesjährige Film dieser Richtung war Einer nach dem Anderen von Hans-Petter Moland. Unter der Vorstellung, ein humorvolles tarantinoeskes Racheepos machen zu wollen, wurde hier allerdings die Grenze zum Klamauk zu oft überschritten. Das Publikum, vom Moderator gebrieft, lachte dann auch pflichtgemäß an den falschen Stellen: halt wenn jemandem der Kopf weggeblasen wurde. Peinlich und zum fremdschämen!
 
Noch nie ist es dem Rezensenten passiert, dass er, obwohl großzügig und wohlwollend entscheidend, nicht eine einzige Stimmkarte für den Publikumspreis bei "sehr gut" einwarf. Dieses scheint kein persönliches Phänomen zu sein (an diese Möglichkeit muss man ja immer denken), sondern stellte sich in sehr vielen Foyergesprächen mit alten hartgesottenen NFL-Fans in vergleichbarer Weise da.
 
Es steht außer Zweifel, dass neue Ideen, Formate und experimentelle Ansätze auf ein Filmfestival gehören. Ein kräftiger Trend scheint aber zu sein, ideenlose, schlecht umgesetzte, ohne jede Geschichte oder auch nur angedeuteten Erzählfaden zusammengeschusterte Filme unter dem Experimentallabel über den Zuschauer auszuschütten. Damit tut man den wirklich experimentellen Filmen keinen Gefallen. Beispiele? Gerne: Anderssons Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. Stilistisch sehr eigenwillig - mit den schon wie Installationen gestalteten Bühnenbildern, den mitunter ulkigen Verknüpfungen der ansonsten eher zusammenhangslosen Episoden und der Anti-Dogma-Kameraführung. Interessant - wenn es nicht nach Songs from the second floor und Das jüngste Gewitter der dritte Film der selben Art und - ist das nun eigentlich nur frech oder schon Chuzpe? - mit derselben Geschichte wäre. Was soll denn dann kommen? - "Warten auf Godot" 14 Mal hintereinander abgedreht mit jeweils minimalen Veränderungen? 
 

Filmszene aus 'Auf der Flucht'
 
Dagegen hat Blind von Eskil Vogt zumindest eine bestechende Idee und eine schon fast geniale Umsetzung des wahnhaften Erlebens und der Phantasie der plötzlich erblindeten Hauptfigur Ingrid. Die mitunter mitleidslos eingearbeiteten Längen machen dem Zuschauer den Film eher zur Qual, was wegen Idee und Umsetzung sehr schade ist. Vielleicht sollten sich die NFL auch mal überlegen, die Anzahl der vorzeitig gehenden Zuschauer zu erfassen. Diesbezüglich hat der Film Auf der Flucht die Zuschauer - wie es im Jargon so schön heißt - "mitgenommen", da diese in erheblicher Zahl den Titel für sich zum Programm machten. Man kann es ihnen nicht verdenken! Keine echte Geschichte, das versprochene Psychogramm bleibt aus, die kleinen Road-Movie-Episoden sind belanglos und langweilig, und warum die Protagonisten in Erdkäfige gesperrt und mit Schweineblut übergossen werden wird weder aufgeklärt, noch besteht irgendein Zusammenhang mit dem restlichen Film. Es ist offenbar kein Problem, für ein x-beliebiges liebloses Projekt eine Finanzierung zu bekommen. Muss man dafür kein Drehbuch einreichen oder liest das kein Geldgeber?
 
Wo bleiben die Kracher, die den Vergleich mit Filmen wie In China essen sie Hunde, Die Bank, Jägarna, Bye, bye Bluebird, Ein gutes Herz (willkürliche Miniauswahl) nicht scheuen müssen? Ein kleiner Trost mag da die Qualität des Kinder- und Jugendfilmprogrammes sein. Es kann aber gut sein, dass in diesem Bereich schlechte Filme einfach nicht überleben können.
 
Es mag sich schlicht um eine inferiore Marktlage im Filmangebot handeln. Das wird sich aber niemals verbessern, wenn man jeden auch noch so schlechten Film für das Programm akzeptiert. Dann doch lieber mal den einen oder anderen hervorragenden Film der Vergangenheit als Retrospektive rein nehmen - als Zeichen für die Produzenten, auch mal gerne wieder auf Qualität zu achten.
 
Zum Abschluss noch ein Zitat aus dem großartigen norwegischen Film Die Kunst des negativen Denkens: "Tori, Du wirst Deine Probleme nie in den Griff bekommen, wenn Du nicht lernst, die Dinge auch mal negativ zu sehen."


Filmszene aus 'Die Kunst des negativen Denkens'
 
Titelfoto: Filmszene aus 'Einer nach dem Anderen'
Marvin
Schreibt seit 2009 für "unser Lübeck". Schwerpunkt: Film (Nordische Filmtage) und Konzerte.
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