Lilly Gropper (Momo)

Premiere im Theater Lübeck
„Momo“ - Ach, du liebe Zeit

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100 Jahre, vielleicht 102 ist sie alt, wohnt in einem Amphitheater oder in dem, was davon übriggeblieben ist, und sie heißt Momo, ein Name, den sie sich selbst gegeben hat. Was sie besonders auszeichnet, ist etwas Einfaches, dennoch sehr Seltenes. Sie schenkt Zeit, nur dadurch, dass sie zuhört.

Was Momo noch einzigartig macht, ist ihre Kleidung, der man nicht ansieht, wann und wo und für wen sie geschneidert wurde (Kostüme: Linda Schnabel). Alles passt nicht zusammen und ihr nicht richtig. Das stört sie nicht, weil die Menschen sie so und wegen der anderen Sache lieben. Zuhören nämlich kann kaum einer. Das macht Momo zu einer wichtigen Person für viele. Beppo ist darunter, der erst durch sie merkt, wie bedeutsam er als Straßenfeger und Langsamdenker ist. Er wird ihr bester Freund wie auch Gigi, der vieles ist. Unter anderem betätigt er sich als Fremdenführer, weil er wundervolle Geschichten erzählen kann. Wenn Momo in der Nähe ist, und das ist sie oft, beflügelt sie ihn in seiner Fantasie. Fremden erzählt er dann, was ihm gerade einfällt, wenn sie wissen wollen, was sie nicht wissen. Sie fragen ganz selten, ob das wahr ist, was er erzählt, wenn die Geschichte gut ist. Man muss ihm nur zuhören.

Jan Byl (Beppo Straßenkehrer)Jan Byl (Beppo Straßenkehrer)Das sind nur zwei der vielen Gestalten, die in Michael Endes Roman für Kinder vorkommen. Man liest es mit Vergnügen, auch als Erwachsener, weil es ziemlich tiefgründig ist. Der Bayer aus Garmisch hat sich in seinem Buch, das er nach seiner Hauptfigur einfach „Momo“ betitelt hat, viele Gedanken gemacht, was Zeit bedeuten kann. 1973 kam das Buch heraus. Nur sieben Jahre später hat Vita Huber, eine Österreicherin, daraus ein Theaterstück gemacht. Jetzt, 40 Jahre danach, ist es in Lübeck endlich aufgeführt worden, inszeniert von Anna Werner. Corona war schuld, dass es nicht schon im letzten Jahr zu Weihnachten gezeigt werden konnte.

Viele Kinder hat das erfreut, dass es nun doch anzusehen war, auch die Eltern oder Großeltern, die sie zur Premiere am 24. Mai 2021 begleitet hatten. Es war nämlich ein Familienstück. Meine Enkelin fand es toll. Sie ist neun, und ich? Ich habe schon viel Zeit verbraucht, also Schwamm drüber. Ich verrate mein Alter nicht, aber das, dass ich auch begeistert war. Wir waren beide aber froh, dass ihre Schwester nicht mitkam, weil sie erst 6 Jahre ist. Die grauen Männer wären ihr nicht geheuer gewesen. Das waren die, die bei der Zeitsparkasse arbeiteten. Von Kopf bis Fuß waren sie aschgrau angezogen. Noch unsympathischer machte sie, dass sie stets aschgraue Zigarren rauchten und dass sie eine ungeheure Kälte um sich verbreiteten. Sie vertraten eine fiese Idee. Sie wollten Menschen dazu bringen, Zeit zu sparen, um die für später aufzubewahren. Das geht nur, wenn man alles, was das Leben lebenswert sein lässt, eben sein lässt.

Jan Byl (1. grauer Herr), Susanne Höhne (der Friseur Fusi)Jan Byl (1. grauer Herr), Susanne Höhne (der Friseur Fusi)

Für das Spiel hatte Margrit Flagner ein Bühnenbild entworfen, das aus Wandelementen bestand, die unterschiedliche Glasflächen hatten. Bunt war das, vielleicht auch praktikabel, hatte aber nichts mit der Arena zu tun, in der Momo zu Hause war. Das störte nicht nur mich, auch meine Enkelin. Wir vermissten zudem an Momo, der Hauptfigur, die schwarzen Haare. Die hatte Michael Ende ihr angedichtet. Momo wurde von Lilly Gropper, die eine struppige Perücke trug, die blond war und gesträhnt, gespielt. Als wir beide das vergessen hatten, fanden wir ihr Spiel aber ganz toll.

Auch ihre besonderen Freunde, Beppo den Straßenkehrer, den Jan Byl spielte, und den Fremdenführer Gigi, von Johann David Talinski dargestellt, bewunderten wir. Der zweite konnte nämlich auch noch gut auf der Gitarre spielen und dazu singen, was Peter Imig komponiert hatte. Alle mussten im Eiltempo in neue Kostüme schlüpfen und andere Personen darstellen, auch der Gastwirt Nino, den Marcus Hering abgab. Jeder war irgendwann ein grauer Herr, von denen es sechs gab.


Susanne Höhne (Meister Hora), Rachel Behringer (die Schildkröte Kassiopeia)Susanne Höhne (Meister Hora), Rachel Behringer (die Schildkröte Kassiopeia)

Selbst eine Schauspielerin, Susanne Höhne heißt sie, musste als Frau einen davon spielen, dazu noch zwei weitere Männerrollen, die des schönbärtigen Friseurs Fusi und die des bunten Meisters Hora. Das war eine Verwandlung, in der sie meine Enkelin besonders beeindruckte, mich auch noch die zur kalten Managerin, die den armen Gigi als Gesangsstar ausbeutete. Man spürte bei ihr wie bei den anderen auch, was für einen Spaß ihnen das Spielen machte. Besonders herausstechend war die Schildkröte Kassiopeia. Rachel Behringer rollte auf ihrem Brett so majestätisch umher, dass man in keinen Zoo mehr gehen muss. Dass sie auch die Puppe Bibigirl war und den Maurer Nicola verkörperte, werden wir nicht vergessen.

Lange haben wir geklatscht, auch die anderen Besucher, große wie kleine.

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Fotos: (c) Falk von Traubenberg

 

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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