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„A Quiet Place“ – Bernsteins Opernversuch im Theater Lübeck
Von wegen „Ruhe in Frieden“!

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Taugt sie auf der Bühne oder doch nicht, Leonard Bernsteins Oper „A Quiet Place“, seine letzte „Bühnenarbeit“?

Bernstein selbst zweifelte 1983 nach der Uraufführung, - auch andere. Das Theater Lübeck versuchte nun, mit einer kammermusikalischen Fassung (Premiere: 8. März 2019) eine Antwort zu geben. Eine verständliche Bemühung, denn mit Werken von Bernstein hatte man gute Erfahrungen, nicht nur mit der rasanten „West Side Story“, vor zwei Jahren auch mit einer szenischen Realisation von „Mass“. Sie war ein bemerkenswertes Theatererlebnis.

Bernstein hatte „A Quiet Place“ mit dem Anspruch belastet, mit ihr eine amerikanische Oper schaffen zu wollen. Doch der geringe Erfolg zwang ihn, das Werk bereits ein Jahr nach der Uraufführung zu revidieren. Er arbeitete „Trouble in Tahiti“ ein, einen Einakter aus dem Jahre 1952, der quasi die Vorgeschichte bot. Aber auch damit stellte sich wegen des immensen Aufwands und der Rezeptionsschwierigkeiten kein Erfolg ein.

Seit ein paar Jahren gibt es einen weiteren Rettungsversuch. Er wurde post mortem von Kent Nagano angeregt, der Bernstein sehr gut kannte. Ausgeführt wurde die neue Fassung von Garth Edwin Sunderland, Vizepräsident vom „Leonard Bernstein Office“ und Arrangeur. Er schmolz die Orchestration stark ein, brauchte nur noch 18 Musiker und kürzte auch die Handlung (s. „Cuts, Big and Small, Transform Leonard Bernstein’s Final Opera“ von Zachary Woolfe, in: The New York Times vom 10. Aug. 2018).

Julia Grote (Mrs. Doc), Huub Claessens (Old Sam), Chor des Theater Lübeck, Foto: Olaf MalzahnJulia Grote (Mrs. Doc), Huub Claessens (Old Sam), Chor des Theater Lübeck, Foto: Olaf Malzahn

In Lübeck kümmerte sich Effi Méndez um die Inszenierung, gut bekannt durch ein paar besondere Regiearbeiten. Grell und bunt ließ sie es auf der Beerdigungspartie für Dinah zugehen, einer vielleicht 55-Jährigen. Der Raum, in dem die Zeremonie stattfand, barst einerseits vom Rot der Blumen an den Wänden und im üppigen Strauß auf dem Sarg in der Mitte (Bühne: Stefan Heinrichs) und andererseits von der agilen Betriebsamkeit der Anwesenden an weißen Stehtischen und in schrillen Kostümen (Ilona Holdorf-Schimanke).

Irgendwie ist Dinah zu Tode gekommen. Ob es ein Verkehrsunfall war oder Selbstmord, bleibt unklar. Ein unscharfes Video zeigt zu Beginn die Straße, lässt das Autowrack ahnen und die Gaffer, die kommentieren, ohne zu wissen. „The path of truth is plain and safe“ verspricht der Prolog, bevor es dann zu einer Fülle von kleinen und großen Eklats kommt. Denn neben einem Bruder sind eine Freundin gekommen, der Psychiater und ein Arzt nebst Frau, natürlich der Bestatter als äußerlicher Zeremonienmeister. Diese Figuren stehen für eine oberflächliche Gesellschaft, die die Trauerfeier als Vergnügen sieht, bleiben jedoch für den weiteren Fortgang nur Staffage.

Johan Hyunbong Choi (Junior), Huub Claessens (Old Sam), Foto: Olaf MalzahnJohan Hyunbong Choi (Junior), Huub Claessens (Old Sam), Foto: Olaf Malzahn

Im Fokus ist allein der Kern der Familie. Apathisch sitzt Ehemann Sam neben dem Sarg, während sich die exaltierte Tochter Dede mitsamt Ehemann François und, reichlich verspätet, Sohn Junior von ihrer Mutter verabschieden wollen. Lange haben sie sich nicht gesehen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Es ist eine Familie, deren Zusammengehörigkeit nach 30 Jahren brüchig wie Kitt geworden ist. Alles an Konflikten wird aufgeboten, was Familientherapeuten auch unserer Tage beschäftigen kann: Hass und Missverstehen, Eifersucht und Reste von Zuneigung, Selbstbezogenheit und Gleichgültigkeit. Erschwerend ist der Umgang mit der Homosexualität von Junior, der einst ausgerechnet mit Schwager François ein Verhältnis hatte.

Die Überfülle von Motiven wird in kürzester Zeit in rasendem Parlando exponiert. Auf Englisch gesungen, hat der Zuschauer es schwer, dem zu folgen, zumal recht heftig agiert wird. So muss er sich zwischen dem Blick zur Bühne und dem zur Übertitelungsanlage entscheiden, die selbst durch den rasanten Wechsel überfordert scheint. Hier offenbart sich der Unsinn, alles übersetzen zu wollen. Eine Zusammenfassung oder eine Andeutung wären hilfreicher.

Christopher Diffey (François), Johan Hyunbong Choi (Junior) Huub Claessens (Old Sam), Evmorfia Metaxaki (Dede), Foto: Olaf MalzahnChristopher Diffey (François), Johan Hyunbong Choi (Junior) Huub Claessens (Old Sam), Evmorfia Metaxaki (Dede), Foto: Olaf Malzahn

Nicht nur dadurch ist das Werk schwer zu realisieren. Die folgenden Szenen werden plötzlich sehr intim, vergessen alle Nebenfiguren und konzentrieren sich auf die vier zentralen Familienmitglieder. Grandios setzt der Bühnenbildner dafür ein schräg nach hinten gekipptes Haus auf die Bühne, bei dem die drei Geschosse auf unterschiedlichen Ebenen helfen, in Gruppen die Probleme zu lösen. Ein Brief der Muttern mit ihrem letzten Willen hilft, den Weg zu einem familiären Wir zu ebnen, ebenso wie der mahnende Sarg, der ständig im Vordergrund steht. Der Verlust der Mutter wird so zu einem neuen Band. Auch das findet im Schlussbild eine symbolisch tiefe Gestaltung, wenn sich die Familie findet, den Sarg im Garten einzubetten.

Über den Eklektizismus von Bernsteins Musik ist viel geschrieben worden. Gerade in diesem Werk ist er Atem nehmend, wenn zwischen sensibel den Gefühlen nachgehenden Partien Bernstein plötzlich Gershwin, Klassisches, Jazzartiges oder sich selbst zitiert. Großartig kommen alle damit zurecht, im von Manfred Hermann Lehner geführten Orchester oder als Sänger auf der Bühne. Dabei sticht vor allem Evmorfia Metaxaki hervor, die die Wandlung der Dede von Überspanntheit zu Mitgefühl stimmlich und schauspielerisch faszinierend einfängt.

Evmorfia Metaxaki (Dede), Huub Claessens (Old Sam), Chor des Theater Lübeck, Statisterie, Foto: Olaf MalzahnEvmorfia Metaxaki (Dede), Huub Claessens (Old Sam), Chor des Theater Lübeck, Statisterie, Foto: Olaf Malzahn

Der Niederländer Huub Claessens gibt dem Vater mit einem klangvollen Bassbariton Gewicht, in gleicher Stimmlage und ebenso kräftig steht ihm Johan Hyunbong Choi als exzentrischer Junior entgegen. Den François meistert Christopher Dilley mit einem schlanken, doch kraftvollen Tenor. Auch die Nebenrollen sind durchweg passend besetzt. Julia Grote ist eine wunderbar überdrehte Mrs. Doc, Mario Klein ihr Mann. Dinahs Freundin singt Juliia Tarasova, den Bruder Tim Stolte und Mark McConnell den Analysten. Auch der Bariton von Hojong Song als Bestatter erfreut das Ohr, wie sein agiles Spiel das Auge.

Ein bewundernswert geschlossener Eindruck entstand. So inszeniert und so musikalisch dargeboten konnte das Werk begeistern.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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Kommentare  

# RE: „A Quiet Place“ – Bernsteins Opernversuch im Theater Lübeck: Von wegen „Ruhe in Frieden“!E. Wilson (12.03.2019, 13:09)
Der Tenor heißt Christopher Diffey, nicht Dilley.
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