Stefan Vladar, Foto: (c) Olaf Malzahn

Das Neujahrskonzert der Lübecker Philharmoniker
Walzertraum und Polka-Lust an den Gestaden der Trave

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An diesem Jahr war Lübeck mit seinem Konzert dem Wiener Parallelereignis ganz nah auf den Fersen. Der Fluss nur wenige Meter vom Eingang zu seinem Musikfestsaal war just so blau oder grau wie die Donau. Hier wie dort war der Saal ausverkauft, Karten nicht zu bekommen. Die Roben waren nicht ganz so üppig, dafür das musikalische Programm in gleicher Weise bunt und hinreißend, ansprechend arrangiert und gut serviert.

Eines ist allerdings im Norden bitter. Tanz blieb ausgespart. Viele hätten – wie vor Jahren möglich – es selbst gern getan. Auch angängige Stellvertreter dafür fehlten. Eine städtische Truppe der grazilen Bewegungskunst ist bekanntlich wegrationalisiert, und außerdem würde es der Hansestadt an barocken Prachtsälen mangeln, um ihnen einen würdigen Rahmen zu geben. Der Audienzsaal im Rathaus ist ehrlicherweise in seiner nordischen Vornehmheit der habsburgischen Pracht nicht wirklich ebenbürtig.

Nur mit einem konnte das eurovisionäre Großprojekt in Wiens Musikvereinssaal nicht punkten, mit seinem Stabstar. So wienerisch echt wie der in Lübeck war der dortige nicht. Seit Beginn der Spielzeit steht den hansestädtischen Philharmonikern nämlich Stefan Vladar vor, der quasi Walzerblut in den Adern hat und zudem ein geschicktes Händchen, das zu demonstrieren. Und er tat es in aller Form, verbeugte sich vor der Tradition seiner Heimatstadt und erfüllte damit zugleich die Hoffnung des Trave-Publikums.

An den Anfang gehört, nicht nur dem Ritual zufolge, eine Ouvertüre, wozu Stefan Vladar Franz von Suppé (auch Suppè geschrieben) bemühte. Der hatte für Karl Elmars Posse „Dichter und Bauer“ sein weltbekanntes Musikstück erdacht, eines das so recht für den Auftakt geeignet ist. Wunderbare Aufgaben hat es, vorzugsweise für einen so auserlesen gestaltenden Cellisten wie Hans-Christian Schwarz, für die Streicher unter Carlos Johnson, die hier schon bewiesen, wie schön wienerisch sie Walzer können, und für ein Orchester, das lyrisch wie dramatisch so richtig loslegen darf.

Stefan Vladar, Foto: (c) Olaf MalzahnStefan Vladar, Foto: (c) Olaf Malzahn

All das brachte den ersten Beifallssturm, der ab nun jedem weiteren Programmpunkt folgte, diesmal ausschließlich mit Kompositionen der beiden Ältesten der Söhne von Johann Strauß (oder Strauss, auch hier muss man sich rechtschreibend entscheiden). Johann, der Erstgeborene, begann. Was ihn und seine Zeit groß machte, wurde mit je einem Exemplar belegt, der Walzer mit der „Tausend und eine Nacht“, der Marsch mit dem „Egyptischen“ und die Polka „Unter Donner und Blitz“. Im gleichen Jahr 1868 hatte dann der zwei Jahre Jüngere, Bruder Josef, „Sphärenklänge“ erlauscht und für einen Medizinerball recht irdisch umgesetzt. Für den Oboisten Johannes Brüggemann hatte er zudem exzellente Passagen gefunden.

Nach der Pause war Johann mit seiner flott gespielten Ouvertüre zur „Fledermaus“ dran, dann Josef mit der Polka-Mazurka „Aus der Ferne“, einem wehmütigen Gruß mit vielen Seufzern aus Russland, wohin er zusammen mit seinem Bruder eine Reise unternommen hatte. Dort entstand als Gemeinschaftsarbeit die „Pizzicato-Polka“. Johanns Frau Jetty schrieb dazu ihrer Schwägerin: „Pepi & Jean schreiben jetzt eine Polka zusammen, das wird wieder was Neues sein." Wir fügen hinzu: der leichtfüßige Scharm dieses Werkes begeisterte auch in Lübeck. Nicht so prickelnd wie die gespielte Musik war die ebenso dargebotene hochnotpeinliche Situation eines Schlagzeugers, der für die Dauer seines Abtritts dem Dirigenten den Triangel für ein paar Pling-Plings überließ. Gesagt werden muss, dass Vladar ihn während seines Austritts würdig vertrat.

Das Ende des offiziellen Programms werde durch drei Zugaben erweitert, kündigte der Dirigent zeitig an. Doch zunächst noch war Josefs Polka-Mazurka „Libelle“ zu erleben, die wieder einen sensibel umgesetzten Natureindruck schilderte. Dann leiteten Johanns übermütige „Tritsch-Tratsch-Polka“ und der die Beine und die Sehnsucht nach Jahreszeitenwechsel stimulierende „Frühlingsstimmen Walzer“ zu den erwarteten Zugaben. In Lübeck wählte man zunächst den „musikalischen Scherz“, die Schnellpolka „Perpetuum Mobile“, die Vladar wegen der immer gleichen Begleitung mit den Worten „Und so weiter, und so weiter“ abwinkte. Dann endlich wurde der Wiener Brauch vollendet und mit der „Schönen blauen Donau“ bedient, auch an der Trave mit dem Abbruch nach den ersten Takten und dem Wunsch des Orchesters für ein gutes Neues Jahr.

Stefan Vladar und die Lübecker Philharmoniker, Foto: (c) Olaf MalzahnStefan Vladar und die Lübecker Philharmoniker, Foto: (c) Olaf Malzahn

Ganz nach Wiener Reglement, dennoch mit einem Anflug von politischer Bitternis erklang zum Schluss Vater Strauß‘ Radetzky-Marsch. Dass „es nicht Leopold Weningers“ Instrumentation war, die gewählt worden war, bemühte sich das Programmheft zu versichern. Er war, wie inzwischen ins Bewusstsein gerückt ist, ein bekennender Nationalsozialist. Man war sich damit auch im Geiste mit den Wiener Philharmonikern eins, die in diesem Jahr ebenfalls auf dessen Lesart verzichteten. Erinnert sei auch nicht an den Ursprung dieser trotz allem liebenswerten Neujahrstradition, die es seit dem Jahresende 1939 in Wien gibt und überall als Vorbild dient. Wüssten mehr davon, würde möglicherweise das heitere Miteinander von Dirigent, Orchester und Publikum, das Stefan Vladar gut im Griff hatte, nicht so unbekümmert ausfallen.


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Ein Schlusswort

Gute Tradition in Lübeck sind die mit den Neujahrskonzerten verbundenen kleinen Ansprachen. Diesmal hielt sie wieder Christian Schwandt, in seiner Funktion als Geschäftsführender Direktor des Theaters letztmalig. Dem Orchester müssen die Ohren rot geworden sein, als er es das „beste B-Orchester Deutschlands“ nannte, zudem eines der fleißigsten. Im Dabeisein von Bürgermeister Jan Lindenau und Kultursenatorin Kathrin Weiher forderte er weiterhin, die Kultur zu stärken, wobei vor allem das Theater für „ungebrochene Kreativität“ stehe. Zugleich lobte er die Stadt Lübeck, die in ihren Kulturinvestitionen „vorbildlich“ sei, als Beleg dafür MuK- und Theatersanierung. (Ergänzt sei der andere vorbildliche Einsatz, der vieler Spender.) Zum Schluss blickte er nach England. Dort hätten neueste Forschungsergebnisse nachgewiesen, dass Teilnahme an Kultur eine um beinahe ein Drittel höhere Lebenserwartung zeitige.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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