Vilde Frang und das NDR Elbphilharmonie Orchester in der Lübecker MuK, Foto: (c) Olaf Malzahn

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Seltenes im Dritten Konzert der Elbphilharmoniker und eine grandiose Vilde Frang

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Was es im dritten Konzert der Elbphilharmoniker zu hören gab, Werke von Henri Dutilleux und Claude Debussy und dazwischen das „Violinkonzert in D“ von Igor Strawinsky, war allesamt Rares.

Vor allem auf Dutilleux traf das zu, dem Jüngsten unter den Dreien. Seine Schöpfungen sind nur selten in Programmen zu finden. Als er 2013 im Alter von 97 Jahren starb, verfasste die Journalistin Oda Tischewski einen Nachruf, von „Zeit-online“ veröffentlicht. Dort wurde der mit vielen Preisen ausgezeichnete Komponist „der stille Tüftler“ genannt, „der ein Leben lang an einer eigenen Tonsprache feilte“. Sein langwieriger Arbeitsprozess führte dazu, dass sein Werkregister schmal blieb. Das war verbunden damit, dass er sich selbst gegenüber ungeheuer kritisch war. So verwarf und vernichtete er, noch nicht einmal 30 Jahre alt, all sein zuvor Komponiertes. Es genügte seinen reifer gewordenen Ansprüchen nicht mehr. Wie selbstkritisch er gearbeitet haben muss, mag belegen, dass das „Nocturne“ für Violine und Orchester „Sur le même accord“, das die Geigerin Anne-Sophie Mutter bei ihm in Auftrag gab, fünfzehn Jahre bis zu Fertigstellung benötigte.

Dutilleux‘ 16-minütiges Orchesterwerk „Métaboles pour grand orchestre“ entstand in den Jahren 1962 bis 1964. Sein Titel, der auf Verändertes, Verwandeltes, also auf ein Variationsprinzip zu verweisen scheint, hilft beim ersten Höreindruck wenig. Die fünf Sätze, die unmittelbar ineinander übergehen, tragen Überschriften, die ebenfalls den spontanen Zugang nur schwach erleichtern. Der erste beginnt mit sehr harten und dissonanten Tuttiklängen von Bläsern und Schlagwerk, die sich mit weicheren Partien der Streicher abwechseln. Sein Titel „Incantatoire“ verweist auf Beschwörendes. „Linéaire“ mit seinen aus der Tiefe aufsteigenden melodischen Linien ist ebenso zu erspüren wie rhythmisch Betontes von Blechbläsern und Schlagwerk in „Obsessionnel“ und „Torpide“. Das Finale schließlich malt im „Flamboyant“ fast schon illustrativ das Flackern eines Brandes. Sehr variabel instrumentiert klang alles, dennoch allzu sehr bewusst gestaltet, wenig spontan, auch daran abzulesen, dass der Gestaltungswille sich darin durchsetzte, dass der Anfang zum Schluss wieder aufgegriffen wurde. Offensichtlich sollte eine Kreisbewegung erreicht werden.

Anders reißt Strawinsky in seinem Violin-Konzert mit. Sein motorischer Gestus, sein verspielter Umgang mit barocken Kompositionsformen und die überbordende, zum Staunen bringende Freude am Ausprobieren von kniffligen Passagen machten diesen Programmteil zu einem staunenswerten Ereignis. Solistin war die norwegische Geigerin Vilde Frang, die bei ihrem Spiel mit größter Leichtigkeit beeindruckte, mit Klangschönheit im Ton und absolut freier Gestaltung - eine grandiose Beherrschung des immens anspruchsvollen Soloparts. Beim Blick in die Partitur kann man erst ermessen, warum das Konzert so selten zu hören ist. Die Finessen im Klang hatte Strawinsky 1931 zusammen mit dem Geiger Samuel Dushkin entwickelt und dann in seiner so lebendigen wie raffinierten Art verarbeitet. Wunderbar war auch der Zusammenhalt mit dem Orchester, das ein sehr aufmerksamer Partner bei den vielen rhythmischen und metrischen Wechseln, bei dem geistreichen Spiel mit den Solisten im Orchester war. Alles hatte der Komponist dem Soloinstrument geschenkt, damit es voll im Vordergrund stand, nur keine eigene Kadenz. Dennoch forderte das viersätzige Werk, das zwischen Toccata und Capriccio zwei schlicht Aria I und Aria II bezeichnete liedhafte Sätze hat, von den Musikern höchste Konzentration. Das Publikum dankte lange dafür, die Solistin freute sich daran, war aber zu einer Zugabe nicht bereit.

Rom-Preis-Träger wie Henri Dutilleux war auch Claude Debussy, auch er, wie Strawinsky, Vorbild für Dutilleux. Dieses Werk des Impressionisten Debussy, die „Images pour orchestre“, sind wunderbare Klangbilder, die selten alle zusammen aufgeführt werden. Oft erklingt nur das in der Mitte stehende „Ibéria“, das selbst drei Sätze besitzt, Sätze voller musikalischer Farben und folkloristischer Bilder. Die kurzen, alte Melodien zitierenden „Gigues“ zu Beginn und die „Rondes de Printemps“ rahmen die Suite, runden ein impressionistisches Werk ab, das in seiner Klangentfaltung Begeisterungsstürme verursachte. Der Dirigent des Abends, der Engländer Edward Gardner, zeigte sich darin noch einmal als kluger und sicherer Gestalter, dessen präzise Dirigierart imponierte.

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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