Juraj Valčuha

Osteuropäische Klangwelten beim NDR-Sinfoniekonzert in der Hamburger Laeiszhalle

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Ein osteuropäisches Musikfest wurde das letzte NDR-Konzert, für das der NDR Juraj Valčuha eingeladen hatte, einen international gefragten Dirigenten und seit 2009 Chef des Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai Turin. Im slowakischen Bratislava (Preßburg) begann er seine musikalische Ausbildung, dort, wo Béla Bartók einst seine Schulzeit verlebte. Nicht verwunderlich also, dass er die Musik des Ostens sehr genau kennt.

Ein beziehungsreiches Programm fand er, das zugleich lebendig war und zumeist inspiriert interpretiert wurde. Das Eröffnungsstück des Abends, Bartóks Tanz-Suite aus dem Jahre 1923, war zu einem politischen Ereignis, zur Vereinigung von Buda und Pest entstanden. Sie brachte dem Komponisten erstmals internationalen Erfolg. Die sechs Sätze verkörpern grandios seinen besonderen Stil, sein Gestalten aus dem Geiste der Volksmusik. Tiefgründige Momente gibt es, aber auch tänzerisch sehr lebendige Partien. Juraj Valčuha ist ein sehr ernsthafter Musiker. Präzise führt er und gestaltet bewusst, dennoch wirkte das Werk am Donnerstag (21. Januar 20126) in Hamburgs Laeiszhalle etwas trocken. 

Anders wurde es bei Márton Illés Re-akvarell - Konzert für Klarinette und Orchester. Das gemeinsame Auftragswerk von NDR und Lucerne Festival wurde von dem 1975 in Budapest geborenen Komponisten 2015 für Sabine Meyer geschrieben und von ihr an diesem Abend erstmals in Deutschland gespielt. Sie schafft allein durch ihre atemnehmende Präsenz beim Spiel höchste Qualität in der Wiedergabe, die auch das Orchester mitreißt. Der erste Satz ruft im Hörer optische Synästhesien hervor. Sprudelnde Klänge oder verhalten tropfende Passagen wechseln sich ab mit flutartigen Wellenbewegungen. Das ist klanglich äußerst raffiniert gestaltet, zumal Illés im Orchester sechs weitere Klarinetten einsetzt, die oft auf für den Zuhörer geheimnisvolle Art den Klang des Soloinstruments aufnehmen und weiterführen. Im zweiten, ruhigeren Satz sind es strichartige Einwürfe des Orchesters, die das exponierte, rasante Spiel der Klarinette begleiten und kommentieren. Im dritten Satz schließlich, nach ungarischem melancholischen Liedvorbild Hajnali genannt, bringt das Soloinstrument im Wortsinn "unerhörte", teils ätherische Klänge. Insgesamt war das ein Werk aparter Faktur, von einer Solistin bei allen extremen Klangeffekten und virtuosen Passagen in faszinierender Selbstverständlichkeit dargeboten. Der brausende Applaus führte zu einer Zugabe, dem letzten, vergnüglich synkopierten Satz aus Strawinskys Drei Klarinettenstücke aus dem Jahr 1919.

Sabine Meyer, Foto: Thomas RabschSabine Meyer, Foto: Thomas Rabsch

Sabine Meyer, Foto: Thomas Rabsch

Im zweiten Teil war nach György Ligetis Concert Românesc die Sinfonietta von Leoš Janáček zu hören. Wie Bartók verwenden beide musikalisches Material der Volksmusik. Ligeti, ungarisch-österreichischer Komponist, bezieht sich auf Rumänien und Janáček auf seine tschechische Heimat. Mit gewitzten Klangeffekten würzt Ligeti die vier Sätze. Sprühend lebendig setzte sich das NDR-Orchester für diese 1951 entstandene Komposition ein, mit wunderbar weichen Streicherpassagen zu Beginn, denen sensible Holzbläserklänge folgten, im zweiten Satz mit virtuoser Flöten- und Geigenkunst. Klanglich ungewöhnlich war der dritte Satz mit den Naturhörnern und packend der kontrastreiche Finalsatz.

Wie die Tanz-Suite zu Beginn ist die Sinfonietta ein Auftragswerk mit politischem Hintergrund. Eine Bläserfanfare bildet einen glanzvoll wuchtigen Rahmen, der fünf Sätze umschließt. Das Werk hatte der Komponist ursprünglich auf das tschechische Brünn bezogen. Der volkstümliche Ton und der pompöse Charakter durch die Fanfaren, von 13 zusätzlichen Blechbläsern gespielt, begeisterten das Publikum und brachten dem Dirigenten und dem Orchester reichen Beifall.

Der NDR wiederholte das Konzert mit gleichem Programm am Freitag in der Lübecker MuK.

Titelfoto: Juraj Valcuha

Arndt Voß
Aufgewachsen in Neumünster, in Lübeck seit 1959. Studium in Kiel und Hamburg (Musik- und Literaturwissenschaft). Ständige Mitarbeit an den Lübeckischen Blättern von 1974 bis 2014, Berichte und Kritiken darüber hinaus in einigen anderen Organen. Schwerpunktthemen: Musiktheater, Schauspiel, Konzerte.
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